63 . Jahrgang.
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No. 8«.
Verlags-Fernsprecher No. 295?.
Montag» den 20. Frbrrmr.
RedaklionS-Ferusprecher No. 52.
1905.
Kbenü-Ausgabe.
1. Matt.
Der weiße und der rote Schrecken.
Als an dem Petersburger Blutsonntag, 22. Januar, die Petersburger Arbeiter unbewaffnet als Bittende zun; Winterpalais zogen, um dem „weißen Zaren" jene Bittschrift zu überreichen, in der es hieß: „Wir sind elende, beschimpfte Sklaven und erstickt vor: Despotismus und Willkür .... Das Beamtentum besteht aus Räubern und Dieben von Staatsgeldern .... Wir wollen lieber
sterben, als unter solchen Gesetzen weiterleben.
Kaiser, hilf deinem Volke! .... Wir haben mir zwei Wege: Freiheit und Glück oder das Grab!", da wurden diese Bittenden, während der Zar ficfy schleunigst in den Schutz von Zarskoje-Selo begeben hatte, vor dem Winterpalais mitS äbelh iebe; i undFlintenschüssm empfangen, und von den zwei Wegen, Freiheit und Glück oder das Grab, gewährte ihnen die Gnade des Zaren das letztere. Als ganz Petersburg damals unter dem „weißen Schrecken", wie nian in Rußland die unter der Führung des blutigen Trepow organisierte Gewalt- und Schreckensherrschaft nannte, erzitterte, versicherte G en e r a I Tr ep o w vier -Tage nach dem Petersburger Blutsonnkag, am 26. Januar: „Die Regierung beherrscht die Lage und wird sie auch ferner beherrschen; ich befürchte nicht, daß so etwas wie eine B o m b e n ä r a bevorsteht."
Dieser Ausspruch war ein Beweis für jene geradezu tragische Kurzsichtigkeit, welche den Zaren und seine Berater auszeichnet. Im Anschluß an jene Äußerung schrieben wir damals: „Alle Zaren lebten in dom Wahn, daß der Galgen, an welchen die zu ermittelnden Hochverräter gehängt werden, ausreiche, um die tiefe, durch chas ganze Volk gehende Bewegung zu ersticken. Aber Ideen las'en sich nicht mit Keulen totschlagen, und die stärkste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß aus den weißen Schrecken vom 22. Januar nur zu bald der rote Schrecken, die von Trepow verspottete Bo-mbenära, folgen wird."
Jetzt ist der rote Schrecken, die Bombenära, da, und fie hat als c r ft e § Opfer den Mann gefordert, der in Rußland, und dies mit Recht, als die Verkörperung des Gedankens der starrsten Autokratie, als der Berater des Zaren galt, der dessen Reformpläne durchkreuzt, den Fürsten Swiatopolk-Mirski gestürzt, den Fürsten Trubetzkoi in Ungnade gebracht und den Vlutmenschen Trepow als gefügiges Werkzeug erwählt hatte. Das Moralische versteht sich nach cirronr alten Worte von selbst. Wir nervösen Westeuropäer wenden uns schaudernd von dM blutigen Dombencsttentaten ab, die in der halbasiati- schen Despotie Rußland an der Tagesordnung sind. Aber es wäre noch mehr als kurzsichtig, wenn man für diese
blutigen Untaten nicht diejenigen verantwortlich machen wollte, welche sich den wahrlich bescheidenen und berechtigten Forderungen des russischen Volkes widersetzten, welche an der überheizten Maschine das-Sicherheitsventil geschlossen hätten.
Und Zar N i k o Ian s ? Ans Petersburg ist berichtet worden, daß er, als ihm die Nachricht von der Ermordung des Großfürsten Sergius überbracht wurde, in Tränen ausgebrochen sei 'und aüsgernfen habe: „Weshalb dies gräßliche Verbrechen!" Die Geschichte berichtet uns, daß, als vor mehr als vierhundert Jahren Boabdil, der letzte König der Manren, aus Spanien vertrieben wurde, und er, ftett letzten Scheideblick nach der Alhambra, dem alten Königsschlosse, werfend, in Tränen ausbvach, seine Mutter ihm zngcrufen habe: „Du kannst nur wie ein Wekb weinen um dein Land, um dasselbe zu kämpfen wie ein Mann hast du nickst verstanden!" Diese Worte möchte man in entsprechender Nutzanwendung dem Zaren zurufen, der auch wie einst der letzte Maurenkönig, statt der Entschlüsse und Taten mir Tränen hat und vielleicht nicht einmal um sein Land, sondern nur um sein eigenes Leben und um seine eigene Sicherheit.
Zar Nikolaus ist der Mann der verpaßten Gelegenheiten. Er beruft eine Friedenstönferenz und beginnt dann den Krieg gegen Japan, in dem Rußland Niederlage auf Niederlage erleidet. Er plant Reformen und wartet.mit ihnen, bis die Revolution ausbricht. Er läßt die Arbeiter, die zu ihm ins Winterpalais frizfyen, niederkartätschen, und eine Woche später empfängt er eine Deputation von Arbeitern oder v o n Schutzleuten, die man als Arbeiter ein- k l e i.d e t e. Wird Zar Nikolaus auch jetzt noch seine Politik der verpaßten Gelegenheiten fortsetzen wollen'? Es wird aus Rußland berichtet, daß der Zar beabsichtige, am 19. Februar nach russischer Zeitrechnung, dem Tag der.Aushebung der Leibeigenschaft, ein Manifest über die Einberufung eines Z e m s k i - Z o b o r zu veröffentlichen, worin die Optimisten in Rußland den Ansatz zu einer künftigen Volksvertretung erblicken, während Bulygin, Trepow und die Mehrzahl dev Großfürsten beflissen sind, den Zaren von seinen Resovmideen abzubringen und. ihn zu einer Politik blutiger Wiedervergeltung und eifern er Strenge zu verleiten. Wird Zar Nikolaus die blutigen Zeichen der Zeit verstehen und der Stimme der Vernunft Gehör geben? Wie jetzt Großfürst Sergius, so ist am 13. Mävz 1881 auch dessen Vater,. Alexander II., dem Anschlag der Revolutionäre erlegen, weil er den Resormsordernngen des russischen Volkes seine beharrliche ^Weigerung entgegensetzte. Alexander III., der Vater des jetzigen Zaren, ist bei den wiederholten Attentaten nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen. Wenn Nikolaus II. nicht noch in letzter Stunde einlenkt, dann ist auch sein bisher so unfruchtbares Leben in ernster, schwerer Gefahr. Möge sich der Zar nicht auch hier erweisen als —- ein Mann der verpaßten Gelegenheiten!"
Deutscher Reichstag.
Dar Tvleranz-Rummel des Zentrums.
Berlin, 18. Februar.
Auf der Tagesordnung steht der Toleranzantrag deI Zentrums.
Abg. Hieber (nat.-M.) erklärt, die Aufnahme des Antrages war wesentlich vorsichtiger als vor 6 Jahren. Das kommt daher, daß man früher die Konsequenzen nicht übersehen konnte. Die Jcremiaden des Zentrums können uns wenig rühren, da auch katholischerseits anerkannt wurde, das; der Ketzerstaat Deutschland volle Toleranz wahre. Wie die Verhältnisse bei uns liegen, so würde eine automatische Toleranz zur Intoleranz führen. Der Antrag schließe eine KompeteNzevrvetterung ein und wolle die Staatskirchenhoheit beseitigen. Der einzige Punkt, der angenehm wäre, sei die reichsgosetz- liche Regelung der religiösen Kindererziehung. Seine Partei meine, die Frage sei eine solche des bürgerlichen Rechts, die in das Religionsgesetz nicht hineingehöre. Die Klagen der Dissidenten über d'ie Quälereien mit dem Religionsunterricht halte seine Partei für berechtigt. Auf den Friedhöfen solle man zunächst Toleranz üben. Gerade dagegen fehle der Katholizismus. In Bayern sei das Zentrum im Vollbesitz der Macht, trotzdem wolle es die Altkatholiken nicht dulden. Der zweite Teil des Entwurfs bedeute eine völlige Auflösung sämtlicher evangelischer Landeskirchen, denn sic seien territorial; diese Schranke würde niedergerissen. Die Beseitigung dieser Schranke werden wir nicht als ein Geschenk des Zentrums an näh men.
Graf Hohenthal. erklärt, die Regierungen ständen heute noch auf dem vom Reichskanzler iin Jahre 1800 hier zur Kenntnis gebrachten Standpunkt. Er weift dann die von Gröber gegen die sächsische Regierung früher gerichteten Angriffe zurück.
Abg. Jagdzewski (Pole) führt aus, auch nach der formalen Seite sei der Antrag durchaus korrekt gefaßt. Der Antrag greise nicht in die Staatsbefugnis ein, sondern verteidige die Religionsgemeinschaften gegen die Übergriffe des Staates. Das; die katholische Kirche die Anerkennung der evangelischen als eine berechtigte Form des Christentums nicht aussprechen könne, ohne sich selbst anfzngeben, sollte ein so gebildeter Theologe, wie Stöcker, wissen, daß sie sie als christliche Kirche anerkenne, stehe fest. Der Redner Littet, den Antrag ei,»er Kommission zu überweisen.
Abg. Stolle (Soz.) meint, der Antrag gehe nicht weit genug, um eine wirkliche Glaubens- und Gewissensfreiheit zu erzielen. Trotz mancher Bedenken müsse seine Partei für den ersten Teil des Antrags stimmen, behalte sich aber vor, darauf zu dringen, daß endlich währe Glaubens- und Gewissensfreiheit durchgesührt wird.
Mg. Gröber (Zentr.) führt ans: Man erklärte den Antrag für überflüssig, weil der Papst anerkannte, daß die Katholiken sich nirgends einer so großen Freiheit erfreuten als in Deutschland. Der Papst sprach aber nur
Mercedes.
Roman von Heinrich Köhler.
(6. Fortsetzung.)
Auf der Rückseite gingen einige weniger geräumigeAus- gänge nach dem inneren Hof, der von eingestüvzten Mauern umgeben und mit den zertrümmerten Balken kleinerer Gebäude angefüllt war. Inmitten dieser Trümmer, welche «den ganzen Hof anfüllten, ragte aus zerbrochenen, mit Hieroglyphen bedeckten Sklnpturen eine Staruc hervor, welche einen niederhocke,nden Zwerg darstellte. Seine dünnen Beine ruhten gekreuzt unter ihm, und der eine seiner langen Arme endete in einer knochigen Hand, die er über die Brust gelegt hatte. Ter andere Arm war emporgestreckt und deutete mit dem Zeigefinger gegen die Sonne. Ter kurze, dicke Körper mit dem unförmlichen Hals, an dem die Adern gleich Stricken hervortraten, trug einen Kobs von abschreckender Häßlichkeit, an welchem .bcr breitgeöffnete Mund einen wunderlich drohenden Ausdruck zeigte. Die schielenden, tief in ihren Höhlen liegenden Augen lugten unter dichten, buschigen Brauen hervor. Die kurze, massige Nase, die dicken Lippen, die niedrige Stirn, der flache und zurücktretende Schädel boten einen Gefanstanblick, welcher das abergläubische Entsetzen der Indianer, das ihnen diese Figur einflötzte, erklärlich machte. Auch Georg und Egon empfanden nur Widerwillen, als sie zum erslen Male diesen Zwerg erblickten, welcher dem Ruinenpalaste seinen Namen gab.
Aber je länger sie die merkwürdige groteske Figur betrachteten, um so mehr schwand der Widerwille davor und das Interesse des Fvrscherdrcmges trat in den Vordergrund. Es lag in diesem Kopse und in der Haltung des Körpers etwas Undefinierbares, was abstoßend wirkte, aber zugleich fesselnd und von dämonischer Anziehungskraft war. Da die den Boden bedecken
den Trümmer nicht gestalteten, die seltsame Figur aus unmittelbarer Nähe 31 t betrachten, so hatte Georg Willis nichts Eiligeres Zu tun, als den Matrosen den Auftrag zu geben, das Terrain zu ebnen. Unter seinen Angaben und seiner persönlichen Leitung gelang es ihnen bald, und man konnte die im kräftigen Relief ausgesührte Statue des Zwerges nun in allen ihren Linien genau unterscheiden.
Als diese Arbeit vollendet war, begäben sich die Vettern nach der Wohnung der beiden Schwestern, von denen Maria offenbar sehr erfreut luor, die Herren bei sich zu sehen, denn sie empfing sie mit großer Herzlichkeit. Donna Mercedes zeigte sich dagegen viel ruhiger und etwas zurückhaltend, obgleich sie den Besuchern höflich entgegentrat und auf ihre wiederholten Bitten das Versprechen gab, sie ebenfalls im Zwergpalast, den sie unrein einziges Mal gesehen hatte, auszusuchen, Tie nmntere Maria schlug bei diesen Worten vor Freude die Hände ineinander und war wohl auch die Veranlassung, daß die Besucher zum Mittagessen dabehalten wurden. Die Heiterkeit Egons, das humorvolle Phlegma Georg Willis', ihre respektvollen Manieren den Dämon gegenüber, verscheuchten nach und nach, auch die Kälte der Donna Mercedes. Mochte es die Erinnerung an jene von Egon über sie an den Pfarrer Earillo gerichteten Worte sein, oder war es, daß sie sich mehr zu Georg Willis hingesogen fühlte, sie plauderte fast nur mit diesem, und ging in ihren Mitteilungen sogar so weit, ihm die Geschichte ihrer Vergangenheit zu erzählen. Man war von den Ruinen von llxmal auf die Vereinigten Staaten zu sprechen gekommen, von welchen sie sagte, daß sie ihnen nicht unbekannt, und daß sie und ihre Schwester dort geboren. seien. ' Sie hatten früher beide in Charleston gelebt. Ihr Vater, ein Südamerikaner und Mapineosfizier, hatte sich an den; mexikanischen Feldzuge beteiligt. In Mexiko lernte er ihre Mutter, deren Familie aus Merida herstammte, kennen und verheiratete sich mit ihr. Als dann der Sezessionskrieg ausbrach, nahm er Partei
für den Süden und diente nacheinander unter dem Kommando von Beauregard, de Lee und Jackson.
Nach und nach hatte sich der eiserne Ring der verbündeten Armeen immer enger zusamm,engszogen, und auch ihre Vaterstadt sah sich von einer Belagerung bedroht. Aus diesem Grunde faßte ihr Vater den schweren Entschluß, sich von seiner Frau und seinen beiden Töchtern zu trennen; er schickte sie nach Mexiko, nn; sie nickst dem Unheil auszusetzen, das bald hereurbrechen mußte. Er selbst war entschlossen, bis zum letzten Augenblicke auszuharren. Länger als ein Jahr blieben sie gänzlich ohne Nachricht von ihm. Ihre Mutter, die schon bei der Abreise krank war, konnte diesen Aufregungen nicht lange standhalten und starb wenige Monate nach ihrer Ankunft in Mexiko. Die beiden Mädchen wurden von einer Tante ausgenommen und hier erfuhren sie nach und nach die blutigen Niederlagen von Seven Oaks und Frederichs- burg, den Triumphmarsch Shermans, die Siege Grants und endlich im Februar 1865 den Fall Charlestons. Von ihrem Vater erhielten sie nur einmal einen Brief, der wenige Tage vor der Einnahme der Stadt datiert war, und worin er ihnen mitteilte, daß er, mit eimv wichtigen Mission Jesferson Davis', des Präsidenten, des Sndbnndes, beauftragt, es versuchen wolle, die Belagerungsarmee zu durchbrechen, um sich nach England zu hegeben. Wenn er diesen verzweifelten Versuch' überlebt hätte, würden sie ohne Zweifel aus London Nachricht erhalten haben, aber es war memals eine solche an sie gelangt. Nach beendetem Kriege hatte sich Donna Mercedes unter dem Schutze vor: Freunden nach Süd-Carolina gewendet, um dort Nachforschungen antzustellen. Die Auskunft, die ihr zuteil wurde, ließ sie jede Hoffnung ausgeben. Ihr Vater hatte auf einen; Schoner den Hafen verlassen und mußte entweder vom Feinde getötet oder an irgend einer Klippe gescheitert sein.
Vom Kummer niedergwongt, war Mercedes nach Mexiko zurückgelehrt, wo sie bald ein neues Unglück traf. Ihre Tante, die einzige Beschützerin, welche die jungen
