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Mo. 71.
Berlags-Fcrnsprecher No. LASS.
Samstag, den 11. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1905 .
Morgen - Ausgabe.
__ 1. Matt.
Die fötale Mutung der neuen Kundelsvertrüge.
So verschieden die Beurteilung der neuen Handelsverträge -durch die verschiedenen Parteien je nach ihrer Stellung mehr nach rechts oder links ist, so herrscht doch in dem einen Punkt allgemeine Übereinstimmung, dag mit ihnen Deutschland in neue handelspolitische Bahnen hineingleitet. An die Stelle der vom Grafen Caprivi beim Abschluß der Handelsverträge im Jahre 1892 inaugurierten Politik, die Lei mäßigem Zollschntz der Land- Wirtschaft ihr Hauptaugenmerk auf die Erstarkung der deutschen Industrie, durch Erschließung neuer Absatzmärkte richtete, tritt ,etn sehr erheblich -erhöhter Zollschutz der landwirtschaftlichen Produkte, der mit zum Teil recht bedeutenden Zugeständnissen auf Kosten der -deutschen Exportindustrie erkauft werden mußte.
_ Die Zeche für die neuen Verträge wird allein der kleine Mann, der mit dem Pfennig rechnen muß, zu tragen haben. Für ihn bedeuten sie eine zweifellose Verschlechterung seiner sozialen und wirtschaftlichen Lage. Ihre Wirkungen lassen sich ganz kurz dahin zusammenfassen: Durch die Erhöhung der landwirtschaftlichen Zölle -ans Brotgetreide und Fleisch wird eine Erhöhung der Lebensmittelpreise herbeige fuhrt, während gleichzeitig infolge der Erschwerung des Exportes und damit des Verdienstes für die Industrie die Löhne der Arbeiter herabgehen. Also niedrige Löhne bei gleichzeitiger Preissteigerung -der wichtigsten Nahrungsmittel.
Das sind zunächst mit ganz -dürren Worten die unmittelbar ins Auge fallenden sozialen Wirkungen der neuen Verträge, mit denen noch eine ganze Reihe -weiterer in Verbindung stehen.
Es ist zunächst irrig, angunehmen, daß dem eigentlichen Bauernstand, d. h. dem Landwirt, -der aus dem Ertrag seines Bodens seinen Eigenbedarf deckt und der daneben etwas Viehzucht treibt, durch sie das Leben erleichtert werde. Jede Metze Futter, die er Kr sein Vieh kaufen muß, jedes Brot, das er in Zukunft nicht aus seinem eigenen Getreide bäckt, muß er ganz wesentlich teurer bezahlen als unter .dem alten Tarif. Im wahren Sinne des Wortes hat er für -den, Großgrundbesitzer, der jetzt für seinen Roggen, seinen Weizen und Hafer 5 M bis 5,3» M. statt 2,80 M. bis 3,50 M. Zoll' für den Doppelzentner erhält, die Kastanien aus dem Feuer geholt.
Noch weit unmittelbarer als bei dem- kleinen Landwirt tritt die Wirkung der erhöhten Lebensmittelzölle bei -dem gewerblichen Arbeiter zutage, dessen Lebenshaltung bei gleichbleibendem Einkommen in demselben Maße herabgeht, wie die Preise der wichtigsten Ncchrnngs- mittel sich steigern. Muß er hierfür einen größeren Teil
Feuilleton.
persönlicher von Menzel.
Adolf von Menzel, der große Meister, -dessen Tod soeben gemeldet -wird-, hat ein -stilles, nach außen hin rn-higes und unauffälliges Leben geführt. Der Mann, der in seiner Jugend Flaschenetikette, Stubcnschablonen und Vignetten für Preiskurante zeichnen mußte, um des Lebens Notdurft zu fristen, ist durch eine lange und schwere Zeit des Kämpsens und Ringens hindurchgegangen. Es gab eine Zeit, da man seinen Werken, die eine realistisch -kühne, völlig eigene Art des Weltsehens bekundeten, Spott und Verachtung entgegenbrachte. Damals als die Haupt- und Staatsaktionen der Weltgeschichte in den großen Gemälden ausmarschieven sollten, da sah man den Illustrator der friderizianischen Zeit nur als einen armen Handlanger an. Er trug die Nichtachtung ruhig und seiner selbst gewiß: so stark sprach- in Ihm die innere Stimme eines neu-schaffenden Genius, daß «r un-verrückt weiter arbeitete an seinem Werk. Bald scharten sich ein paar geschmackvolle Männer nm ihn, die seinen Arbeiten mit Verständnis folgten, schon von früh an Franz Kugler, der bereits in seinen frühesten Ölbildern (1887) die Wärme der Farben und die Reinheit der Luftperspektive lobte und ihm die Illustrierung seiner „Geschichte Friedrichs -des Großen" übertrug. Damals -war es für Menzel eine hohe Ehre, neben dem bekannten Historiker austreten zu -dürfen, und wer würde -heute für Ku-glers hübsch geschriebene, aber längst überholte Darstellung die sehr hohen antiquarischen Preise zahlen, die um der Holzschnitte Menzels wällen honte dafür gezahlt werden? Und ruhig hat cs Menzel auch ertragen, als allmählich des Ruhmes reichstes Füllhorn über ihn sich ergoß. Er wurde Wirkt. Geh. Rat, Ehrendoktor, Ehrenbürger, Ritter des -schwarzen Adlerordens: die -Großen -der Welt kamen zu ihm und die jungen Künstler jubelten «ihm zu. Doch er ging -weiter seinen eigenen Weg, von dem Lärm der Bewunderung ebenso wenig berührt wie einst von 'der Nichtachtung der Menge. Nie ist ein Kün-st-
seines EmkommÄrs crufw-enden, so Muß er seine Ansprüche an anderen Stellen hera-bdrücken. Der Arbeiter mit 900 M. Einkommen, -der -vielleicht bisher 15 bis 20 M. in seinem Jaihresbndget für Tabak oder dergleichen aufwenden konnte, wird unter -dem neuen Zolltarif hierauf verzichten -müssen, weil Brot und- Fleisch in entsprechendem Maße sich verteuert haben. Wenn es sich hierbei auch nur nm- ein illustratives Beispiel handelt, so unterliegt -doch keinem Zweifel, -daß es die breite Masse der Minder- und Mindöstbemittelten ist, -die -dem Großgrundbesitzer seine Mehrcinttahine bezahlen muß.
Auf die weiteren Wirkungen der neuen Tarif hat Brentano vor kurzem in einem längeren Artikel -hinge- wiesen. Durch die Erhöhung -des Zollschutzes für die sogenannten schweren Industrien und die dadurch bewirkte Steigerung der Roh-produktenpreise werden die weiter- verarbeitenden Industrien immer mehr -gezwungen, sich mit den ersteren zusammenzuschließen und damit -in wachsendem- Maße Riesenbetriebe gezüchtet, wie sie heute beispielsweise- in den Kruppschen, den Stummscheä Werken und anderen vorhanden sind. Je -größer aber solche Betriebe werden, desto mehr müssen sie bestr-üt sein, Arbeiteraus-ständ-en' wegen der -damit verbundenen großen Kapitalverluste v-orzubeugen. Ties geschieht stach Brentano durch die Schaffung von grotza-ngelegten Wohl- fahrtsemrichtungen. tme Pensums-, Witwenkassem, SV t von Arbeiterwoh-nhausern und dergleichen, auf -die der Arbeiter sein Anrecht verliert, sowie er aus dem .Betriebe ausscheidet._ So verfolgen also diese Einrichtungen nicht denZweck, die so-zia-leLage des Arbeiters zu heben, sondern ihn an den Betrieb zu fesseln und ihm durch diese Hintertür das Recht -der freien Schließung und- Lösung des Ar» beitsvertra-ges, das Koälitionsrecht, mit einem Worte das Recht der Persönlichkeit zu nehmen.
Noch Werteres aber bleibt angesichts der. neuen Handelsverträge zu bedenken. Durch sie würden: wie a-usgeführt wurde, die Lüsten für die Besserstellung eines geringen- Teiles der Gssam-tbevölkerung auf die Masse der Minderbemittelten abgewälzt. Zu den indirekten Steuern, die heut allein im Reiche zur Erhebung gelangen, tritt eine neue, die jedoch nicht der Gesamtheit, sondern einem bevorzugten Progents-atz zugute kommt. Will man diese Steuer, wie es der Reichskangler getan hat, mit der Begründung rechtfertigen, daß die Erhaltung der deutschen Landwirtschaft sie erheische, so wird- man -die Frage aufwerßen müssen, wie weit die Belastung der schwächeren Schultern noch-fortgeführt werden solle. Die Reichsfi-nangen befinden sich in trostloser Verfassung, immer tiefer gleitet das Reich in eine chronische Defizitwirtschaft hinein, lawinenartig wächst die Reichsschuld an. Die eventuelle Mehrergebnisse des neuen Zolltarifs sind für die Witwen- und Waisenversicherung festgelegt, neue Steuern sind unvermeidlich. Will die Regierung angesichts der Mehvbelaftung der kleinen Einkommen durch- die Wirkungen des Zolltarifs auch noch diese neuen Steuern auf die -schwachen- Schultern -abwülzen, -will sie
ler selbständiger, in sich sicherer gewesen als- Menzel. Früh hatte er mit seinem- scharfen, alles beobachtenden Auge -die Welt sehen gelernt nach seiner Weise, früh -der Menschen -Schwachen -und Tücken -hinter dem Spiegel ihres Antlitzes gelesen. So zog er sich ganz in -die Schatzkammer seines heimlichen Künstlerreiches zurück, ward ein Einsamer, der das Leben u-m sich in -all seiner Schönheit aufnahm und es dann mit den fleißigen Händen gestaltete. Menzels Persönlichkeit steht der Ibsens nicht so fern, -wie man zunächst denken möchte. Das Abgeschlossene, insich Eingekapselte, der unbeirrbar scharfe Blick, die geistreich scharfe Beobachtung i-st diesen beiden Künstlern gemeinsam, dsc die realistischen Tendenzen des 10. Jahrhunderts am genialsten verkörperten. Auch Menzel war wie Ibsen rastlos in seinem -Schaffen, ging -ganz in ih-m auf. Schon als Kind, da er in Breslau auf dem Boden des Zimmers herumkroch, zeichnete er mit der linken Hand Figuren auf -den Boden. Und seitdem hat diese Hand bis zu seinem Tode nie geruht. Sie strichelte -und zeichnete aus irgend einem Fetzen Papier köstliche Bilder, die die Netzhaut -anfgcfangen: malte in Aquarell und Gouache, tuschte und verstand mit tausend Künsten -!-:r Technik Leben hervor-zuzanbern. Menzel hat feine Studien und schnell hingeworfene, Skizzen stets -mit der linken Hand ansgesührt. Als erfmit 19 Jahren in Ol zu malen ansing, lernte er mit der-Rechten und hat dann mit ihr alle feine Gemälde a-usgeführt, gleichsam als ob-die Natur für die unerschöpfliche Schaffenskraft dieser beiden Hände ausnahmsweise eine strenge Arbeitsteilung zur Vblvältigung des ganzen ungeheuren Werkes hätte -durchführen können. Menzel lebte eigentlich nur in seiner Arbeit: unaufhörlich tätig, nie müde -im AnfN'ehmen von Eindrücken und flüchtigen genialen Aufzeichnungen der Impressionen war er so gang beschäftigt, daß er eigentlich nie selbst das -Wort nahm: selbst sprechen, selbst handeln, in Gesellschaft sich bewegen, schien ihm weniger schön, als mit den Augen einsaugen und mit den Händen darstellen. So -war er in Gesellschaft gewöhnlich wortkarg und wenn et sprach, bärbeißig und grob. Der alte Fontane, der ihn viele Jahrzehnte hindurch kannte und mit ihm zusammen einer geselligen Vereinigung, -dem
auch -heute noch an -dem Grundsätze feschalten, -daß die direkten Steuern -den Eing-elstaaten -verbleiben müßten, das Reich aber nur indirekte Steuern erheben dürfe? Das hieße das Maß zum Überkausen bringen. Angesichts der Folgen -der neuen Zolltarife müssen -alle neuen indirekten Steuern, müssen Bier- und Tabaksteuer, die -gegenwärtig allein ins Auge gefaßt werden, ans allen Projekten zur -Vermehrung der Reich-seinuahmen a-irs- fcheiden. Tie Einführung einer direkten Reich-ssteuer, sei-es -eine Reichsvevmögens- oder Reichserbschaftssteuer, würde nichts weiter als ein gewisses Äquivalent dar- stellen, gegen -die Erhöhung der indirekten Besteuerung, die der neue Zolltarif im Gefolge hat. Bedenken- f-man-z- technischer Natur, wie sie in -der Hauptsache dem Widerstande gegen direkte Neichsstsnern zugrunde liegen, müssen gegenüber jenen Tatsachen in den Hintergrund treten.
Me Alsls der slbirWn Wnliahn.
Gewiß hatte man recht, die Vollendung des großen Schienenweges von der Ostgr-mze Europas bis nach-hem Gestade des Stillen Ozeans als -ein bodeutsam-cs Ereignis zu rühmen-. Bor Ausbruch des Krieges in Osta-sicn war auch alles ziemlich gut: die Zustände aber, die sich im V-erlauf des letzten Jahres an der sibirischen Eisenbahn entwickelt Haben, müssen schlechtweg als- unhaltbar bezeichnet werden. Bekanntlich ist die große Bahnlinie eingeleisi-g verlegt worden, weil man an-nähm, sie würbe zunächst genügen, und man könnte sich die außcrord.'nt- lichen Mehrkosten einer z'w-eigeteisigen Anlage fürs erste sparen. In der Tat reichte di: Linie in der ersten Zeit einigermaßen für den Verkehr an Fahrgästen und Gütern aus, obgleich durch dessen rasche Z-un-ahm: bald Unizu- träglichkeiten eintzratcn, die zu immer häufigeren Klagen über enorme Zugver-spütung-m Veranlassung gäben. Ein wesentlicher Grün-d dafür lag freilich auch in dem Mangel an Güterwagen. Diese Miß'stän-de steigerten sich mit Beginn ö-es Krieges ins Ungeheuerliche, unld- vo-r allem würbe die Notwendigkeit anerkannt,, die leichten -L-ch-ieNen durch schwerer-: z-u ersetzen. In Summa stellte es sich heraus, daß die Strecke nicht tmistaüde war, die durch -den Transport der Truppen und Kriegsv-or-rät: gesteigerte Arbeit zu leisten. Mit dem Erneuern der Schienen hat man nun schon vor einigen W-ochbn be- gonn-en. Nach e-in-er im Lo-n-dower „Engi-ne-er" Mitte Januar veröffentlichten Nachricht sind auf der w:-st-kich-en Hälfte bisher 450, auf -der östlich-en 1800 Kilometer Schlienlen-weg erneuert w-orben. Wie ungenügend die sonstige Ausstattung der Bahn beim Ausbruch des Krieges ge'wes-:-n ist, läßt sich aus der Tatsache entn-c-H- men, daß 80 000 Wagen nn-d 1400 Loko-mottven während des letzten Jahres n-:u htn-zugez-ogen weriden- mutzten. Obgleich außerdem noch von verschiedenen Etfenbahn-en aus dem europäischen Rußland Wagen an die sibiri-sche Bahn abgegeben wurden, vermochten diese noch nicht die von den Militärbehörden an sie gestellten Anfor-de-
„Rütli" angehörte, spricht einmal ganz fassungslos von der Grobheit nn-d Schärfe, mit der Menzel falsche und oberflächliche Urteile abfertigte. -D-er große Meister trug seine Ästhetik in sich, und die paßte durchaus nicht z-u der idealistischen Kunstanschauung, d-i-e die damals m-atzgeben- öen Kritiker wie Springer, Lübke, Fr. Eggers verteidigten. Schön hat Men-zel sein-e Ästhetik in -cin-om Briefe an einen jungen Künstler ausgesprochen: „Das uns täglich Unngeüende ist am besten, am gründlichsten zu stn-dier-en. Die alte Kunst ist ja auf keinem anderenW-ege zu Flor gekommen. Die alten Künstler waren noch ganz an-ders auf ihm zu Hanse. Ich -m-utzie alles an Gelegenheit zum Üben, -ziim Lernen -mitbenutzen. -Es- ist -da kein anderer Weg, als -der da heißt: sich aus allem eine künstlerische An-fgabe machen. Sofort hält man nichts mehr für seiner unwürdig, auch -süßes Zeug wird interessant, lehrreich, -sogar schwer. Das -Leben hat für verneinende Gesinnungstüchtigkeit der Jugend wenig übrig nach solcher L-eite hin. Unverdrossene Leistung ist -wertvoller, früher oder später auch fürdern-öer!" Erinnerte Menzel in seiner Grobheit ein wenig an Gottfried- Keller, so läßt auch seine Vorliebe für einen guten Trunk, ja sein ganzes nicht sehr behagliches, einfaches Junggesellcnleben an den Städtschreiber von Zürich denken, der auch mit seiner Schwester rv-ie Menzel hauste. Noch in den letzten -Jahren meldeten bei manchen Festlichkeiten -die Zeitungen, daß die „kleine Exzellenz" unter den allerletzten -das Fest verlassen habe, um in recht angeregter Stimmung seinem dreißig Jahre lang bewohnten Heim in der Sigismnnd- stratze zuzustreben. Hier in einem ziemlich öden, mit Uniformstücken, Gipsmodellen, Mappen und allerlei altem Kram angefüllien Raum fühlte er sich -wohl nn-d behaglich. So -führte er sein stilles Dasein, das zu einem Markstein der Kunstgeschichte geworden ist nnb ans dem eine Welt von Schönheit erwachsen sollte. Beispiellose Ehrungen -sind ihm daneben zuteil -geworden, die höchsten bei der Feier -seines 80. E-eburtstages, während er nun den Ehrungen zu seinem 80. Geburtstage in di-ese-m- Jahre ans -dom Wege gegangen ist. Kaiser Wi-lhelin hat damals d-c-m greifen Verherrlicher seines Hauses eine qvunDer- pvlle Überraschung zuteil -werden lassen, indem er das,
