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ss. Jahrgang.

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53+ VcrlagS-Fernsprecher No. 2958.

Morgen - Kusgabe.

^ 1. Wkatt.

Die frnnsösljch-rujsrsche Allianz.

8. Paris, 80. Januar.

Nachdenr sich der erste Sturm der Entrüstung über die blutigen Vorgänge in Petersburg hier gelegt hat, einer Entrüstung, in die manche Blätter nur mit süß­saurer Miene aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung mit cinstimmien, beginnt man nun die Ereignisse an der Newa kühleren Blutes zu beurteilen. Die in der Kummer nicdergelegte Auffassung Doloassäs, worrach die inneren Vorgänge in Rußland auf Fragen der äußeren Politik Frankreichs nicht übertragen werden 'dürften, Macht sich ein Teil der Presse tests mit, teils ohne Ein­schränkungen zu eigen. In einer offiziös inspirierten Auslassung an leitender Stelle sucht derTmnps" zu beweisen, daß bei aller Sympathie mit den Freiheits­kämpfern in Rußland, an der Allianz der Republik mit dem Zarenreiche unerschütterlich festgehalten werden müsse.Tie Verträge", sagt das Blatt,durch welche Völker sich in ihren äußeren Aktionen aneincmder- schlietzen, müssen, wenn sie dauern sollen, Vernunftehen sein. Gleichheit der inneren Einrichtungen und Regie­rungsformen hat wenig Wert, wenn die internationalen Interessen nicht übereinstimmen. Andrerseits genügt die Übereinstimmung dieser Interessen, uin einen Allianz- Vertrag zu rechtfertigen. Was die französischen Blätter in diesen Tagen geschrieben hätten", heißt es weiter, mit einem versöhnlichen Augenaufschlag nach Petersburg,sei gleichgültig, die Rogiermrgen der beiden Länder würden unentwegt ans Gründen, die Bismarck schon 1856 vor- ausgesehen hätte, an der Allianz festhalten," Auch der Platin", der über die Ereignisse entrüstete Depeschen gebracht hatte trotz der sonst so russenfreundlichen Haltung des Blattes, tritt nun langsam den Rückzug an. Er läßt sich aus Petersburg telegnaphieren, daß die ursprünglichen Berichte über die Ereignisse stark übertrieben gewesen seien, und bemerkt nicht, daß er sich damit selbst desavouiert. Die voreilige Parallele zwischen dem Ausbruch der französischen Revolution und der russischen Erhebung wird nun als unzutreffend be^ zeichnet, da das russische Volk für eine Verfassung noch nicht reis sei. Andere Blätter wieSiöcle" finden, daß die Frage überhaupt nicht in der Kammer hätte ange­schnitten werden «dürfen. Dagegen ist als voraussichtlich bleibende Folge der Petersburger Tage zu verzeichnen, daß die Sozialisten unter Jaurös, die bisher wenn auch nicht zu den begeisterten Anhängern, so doch auch nicht zu den Gegnern der Allianz gehörten, das Bündnis mit

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Frrnllrlon.

Rinker§ §lucht.

In Ergänzung der jüngst in unserem Blatte mitge- ieüten Auslassungen des Herrn Reg.-Rats Dr. Joesten über Kinkel dünste über die Flucht Kinkels ein Artikel von Interesse sein, der vor Jahren einmal imReichs­freund", einem Nebenblatt derFrei-s. Ztg.", erschien. Der Aufsatz, den uns ein alter Bekannter Kinkels ein­sendet, stammt aus der Zeit, da der Freiheitsmärtyrer gerade in Zürich gestorben war, und hat einen der Teil­nehmer an jenen: Befreiungswerke zum Verfasser, welcher als hochcmgesehener Bürger in Berlin lebte. Der Ar­tikel lautet:

In den Erzählungen, welche in der Leute Munde sind, gilt Karl Schurz als der eigentliche geistige Urheber des Befreiungswerkes. Dem ist . nicht so. Schurz als ein Fremder, Geächteter, hätte die Tat nie vollführen können, wenn ihm nicht von Bewohnern Spandaus bereits alles in die Hände Warbeitet worden Wäre.

Ehre wem Ehre gebührt, und da kann ich nur folgen- des sagen: Derjenige, in dessen Kopf der erste Gedanke der Tat entsprang, ist nicht Schurz, sondern ein Mann, dessen Namen ich Ihnen nicht nennen darf, weil ich ihm das Versprechen zu schweigen gegeben habe, ein Mann, der damals als Apothekergehülfe in Spandau lebte und, obwohl er die wichtigsten Vorbereitungen selber besorgt hat, unter den Befreiern niemals auch nur andeutungs­weise erwähnt worden ist, weil er nämlich zur Zeit, als der Handstreich selbst vollführt wurde, nicht mehr irr der Stadt anwesend war und so die Frucht seiner Gedanken anderen überlassen mußte. Er hat sich auch später manch­mal bitter über Undankbarkeit beklagt. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht recht. Später wurde er Photograph, dann traf ich ihn in Berlin wieder als Apo- thekergehülsen, und zuguterletzt ist er mir ganz ans den Augen verschwunden.

Mittwoch, den 1. Februar.

Rußland nun entschieden bekämpfen werden. Als Vize­präsident der Kammer hatte Jaurds seinerzeit der: Aus­spruch getan, daß seine Partei keinen prinzipiellen Ein­wand gegen das Zusammengehen mit dem Zarenreiche erhebe.Es gab", sagte er damals,eine Zeit, wo die republikanische Partei sich fragte, ob zwischen zwei in ihren politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen so verschiedenen Ländern eine Solidarität der äußeren Politik möglich sei. Das ist eine Voreingenommenheit, die wir jetzt nicht mehr haben dürfen." Heute heißt es in derHumanitö":Es wäre ein ungeheuerliches

Attentat gegen die Republik und gegen die Revolution, deren Tochter jene ist, wenn unsere Regierung die Kühn­heit hätte, die russische Autokratie in ihrem Kampfe zu unterstützen. Wir wünschen zwar nicht die Bande der Allianz brüsk zu zerreißen, aber an uns ist es, unseren Einfluß moralisch zugunsten einer Verfassung in Ruß­land, der Einberufung der Stände usw geltend zu machen." Das klingt zwar noch nicht entschieden allianz- feindlich, aber da sich die französische Regierung wohl hüten wird, den Rat einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rußlands zu befolgen, so dürsten die Faurdftsten, die bereits eine Anzahl von Protestver- sammilungen gegen die russischen Gewalttaten einberusen haben, bald offen gegen die Allianz Front machen. Auf die Politik der Regierung wird das keinen Einfluß halben! immerhin bleibt die Tatsache bestehen, daß die Popularität des einst so gefeierten russischen Bären hier im Schwinden begriffen ist eine Erkenntnis, die in den leitenden Petersburger Kreisen, wo man die Pariser StiMmungssymptome gerade jetzt mit besonderer Auf­merksamkeit verzeichnet, nicht eben angenehm berühren dürfte. _

Uotttische Übersicht.

Tie italienische Zivilliste.

m. Rom, 28. Januar.

Die Debatte über die königliche Zivilliste, welche das italienische Parlament nach seinem Wiederzüsammentritt zunächst beschäftigte, gab, obzwar.cm der Annahme der Regierungsvorlage von vornherein nicht gezweifelt wer­den konnte, zu einem sehr interessanten Intermezzo über Konstitution nrrd Krone Anlaß. Die äußerste Linke läßt sich zwar niemals die Gelegenheit entgehen, Abstreichun­gen an den Bezügen des Königs zu beantragen, diesmal ober war sie mit besonderen Vorschlägen herausgerückt, die zum Teil auch in der Presse lebhaft erörtert wurden. Die Zivilliste des Königs von Italien beziffert sich aus 15 Millionen Lire, einschließlich der zwei Millionen be­trag, enden Apanagen für die Königin-Mutter uüd die Prinzen des Königlich,en Hauses. Nun wird von der

Dieser Mann, wie gesagt, war es, in 'dessen Hirn der kühne Gedanke entsprang, 'den feurigen Dichter und Frech eitskänrpfer, der im Zuchthause Wolle spulen mutzte, aus der schmachvollen Gefangenschaft zu erlösen. Er setzte sich daher mit dem hochherzigen Weibe des Ge­fangenen, der berühmten Johanna Kinkel, die am Rheine, wenn ich nicht irre, in Bonn, lebte, schriftlich in Ver­bindung und teilte ihr seinen Gedanken mit. Auch weihte er mich und zwei andere in seinen Plan ein.

Wir waren sofort mit Leib und Seele dabei, und als­bald begann die erste und schwerste Arbeit, sich mit den Aufsehern des Gefangenen, zu verständigen, ohne deren Mithülfe an ein Gelingen des Planes gar nicht zu denken war. Zuerst wurde vorläufig einer gewonnen, um die Korrespondenz mit dem Gefangenen zu vermitteln. Kinkel war sehr schwer zur Flucht zu bewogen, und erst nach längerem Sträuben willigte er ein. Inzwischen hatte Johanna Kinkel, durch deren Vermittelung wir auch mit dem bekannten Dr. Falkenthal in Moabit in Verbindung getreten waren, geschrieben^ daß sie uns einen schicken werde, der auch die nötigen Geldmittel mitbringen oder noch beschaffen werde; denn, das sahen wir bereits, ohne eine Fülle von Geld würde die Tat nickst zu vollbringen sein.

So traf denn Schurz, der seit dem Badenser Auf­stande, an dem er sich als Offizier in der Revolutions- avmee aktiv beteiligt hatte, steckbrieflich verfolgt wurde, sich aber bislang mit großer Schlauheit seinen Verfolgern zu entziehen gewußt hatte, eines Tages in Berlin ein. Da er ziemlich meine Statur hatte und auch nicht viel jünger war als ich ich war 29 Jahre, er anfangs der Zwanziger so konnte er ganz gut meine Paß,karte be­nutzen und mit derselben volle drei Monate in Berlin bleiben, um für die Befreiung tätig zu sein, vor allem das nötige Geld zu beschaffen. Im ganzen verbrauchten wir 5900 Taler, und die Hälfte davon gab dieNational- Zeitnng". deren damaliger Redakteur, der allverehrte Z sich für das Gelingen des Werkes in hohem Maße uueresiierte.

Von Zeit zu Zeit kam Schürz, der, seitdem jener zu­erst Erwähnte Spandau verlassen hatte, die Leitung des

Redaktions-Fernsprecher R». 52. 1903.

oppositionellen Presse daran erinnert, daß KönigHümbert von der Zivilliste nicht allein die Kosten des Hofhaltes reichlich bestreiten, sondern auch noch die Schulden Viktor Emmanuel II. bezahlen, Verpflichtungen der früheren souveränen Staaten Italiens einlösen und nebenbei noch beträchtliche Ersparnisse machen konnte. Da der gegen­wärtige Herrscher ein sehr einfaches und zurückgezogenes Leben führe, so wären seine Jahresbezüge mit 10 Millionen immer noch hoch genug bemessen. In der Kammer gingen die Abgeordneten der äußersten Linken noch weiter. Sie beantragten, natürlich ohne auf eine Zustimmung des Hauses rechnen zu können, daß fünf Millionen von der Zivilliste abgestrichen und der Arb eiter- Jnvalidenkasse Angeführt werden sollten. Bemerkens- wert ist, daß auch nicht scharf oppositionelle Blätter aus konstitutionellen Gründen dafür eintreten, daß dem Parlament ein Aufsichtsrecht über die Verwendung der Zivilliste zugestanden werde. Es taucht m diesem Zu­sammenhang der seinerzeit von Crrspi ausgegangene Vor­schlag wieder aus, daß der Minister des königlichen Hauses von der Regierung ernannt werden, und die Stellung eines verantwortlichen Ministers einnehmen solle. DerMessagerv" wendet sich im besonderen gegen die in Abg-eordnetenkreisen herrschende Auffassung, daß es illoyal sei, die Zivilliste zum Gegenstand einer Debatte zu machen, und weist aus die durchaus demokratische Ge­sinnung des Königs hin, der wohl selbst gegen eine Er- örierung der Frige nichts einwenden könne. Im übrigen kamen bei der Parlamentsdebatte, die, wie nicht anders zu erwarten war, mit der Annahme des Regierungs-Vor­schlages endete, alle Parteien auf ihre Kosten: Re Rechte hatte Gelegenheit zur Entfaltung patriotischer und loyaler Gesinnungen und die Linke befand sich im Besitz eines für agitatorisch« Zwecke äußerst wirksamenSchlagers".

Der Ausstellungsbazillns in Belgien.

1. Brüssel, 30. Januar.

Der Auslstellungsgedanke beginnt hier epidemisch z» werden. Die diesjährige Weltausstellung in Lüttich rst noch nicht eröffnet, ja noch nicht einmal aus ihrem Vor- bereitungsstadium herausgetreten und schon taucht das Projekt einer Weltausstellung in Brüssel aus, die für 1908, spätestens 1910, geplant ist. Noch mehr: Senator Dupret hat bereits an alle Senatoren und Stadtvertreter von Brüssel ein Rundschreiben gerichtet, in dem er sie aufsordert, dem vorbereitenden Komitee für die Brüsseler Weltausstellung als Mitalieder beizutreten. Um Über- nähme des Protektorats wird König Leopold ersucht werden. Angesichts dieses Fiebers muß man sich fragen, ob es für Brüssel keine dringenderen Aufgaben gibt, als die Weltausstellung 1910. Di« Lütticher Veran­staltung mit dem erwarteten Fremdenstrom steht vor der Tür und noch immer sind keine Maßnahmen getroffen.

Werstes in die Hand genommen hatte, zu uns herüber, und dann saßen wir in einem kleinen Seitenzimmer des Krügerschen Gasch,auses, das durch bie. Tat ja eine ge­wisse Berühmtheit erlangt hat, und hielten unsere Be­ratung m ab.

Vorerst waren noch andere von den Aufsehern zu ge­winnen, da jener erste, welcher die Korrespondenzen be­sorgt hatte, uns, weil er nur ben Tagesdienst versah, für die Tat selbst nichts nutzen konnte.

Schurz versuchte seinerseits sich mit einem und dem anderen der Gesangenwärter in Verbindung zu setzen, allein er drang nicht durch, denn ihm, dem Fremden, schenkte man kein Vertrauen. Man wollte, da man ja seine ganze Existenz aufs Spiel setzte, nur mit bekcmnteu Männern verkehren, um so .genügende Garantien in Händen zu haben. Wir mußten die Sache äußerst vor­sichtig anfangcn, suchten zuerst die Frau des einen zu ge­winnen und dann durch deren Vermittelung auf den Mann einznwirken. So warben wir den Aufseher Brune, der 2500 Taler von uns erhielt. Damit aber ist nicht gesagt, daß der Mann sich bestechen ließ und für Geld an der Befreiung teilnahm, im Gegenteil, er war mit voller Überzeugung, ein gutes Werk zu tun, bei der Sache; allein er sah ja voraus, daß er sich, und die Seinen ins Unglück stürzte und mußte wenigstens in etwas seine Zukunft gesichert wissen. Auch, der Torwächter wurde gewonnen, und ein dritter schlug zwar seine Beteiligung ab. erklärte aber, das; er uns weder verraten noch sonst irgendwie int Wege stehen wollte.

Der 5. Novernber war zur Ausführung der Tat aus- ersehen. Alles war vorbereitet und bis nach Mecklen­burg hin Relais bestellt, um Kinkel mit Windeseile den Armen seiner Verfolger zu entziehen. Nur in dem ge­fährlichsten Teil der Fahrt, von Spandau bis nach der ersten Station Oranienburg, war die Rolle noch nicht verteilt.

Wenige Tage vorher es war an einem Sonntage, glaube ich - wandten wir uns an eineir Gutsbesitzer aus

der Umgegend, H.mit Namen, der uns wegen

seiner politischen Freisinnigkeit bekannt war, weihten ihn in unfern Plan ein und fragten ihn, ob er die gefahrvolle