ss. Jahrgang.
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Ala. 51. Berlags-Fernsprechcr No. 2953.
DrensLag, den 31. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1908.
Morgen - Kusgabe.
1. Mtatt. _
England. Rußland und Afghanistan.
Unser Londoner u-Korrefpoudent fd>rei r bt unterm 28. d. M.:
In militärischen Kreisen Englauds erörtert man seit einiger Zeit wieder lebhaft die Möglichksit eines Krieges mit Rußland. Man geht dabei von der Annahme aus, daß dieses, um sich anderwärts für das Fchlschlagen des Versuchs zur Erlangung eines eisfreien Hafens in Ostasien zu entschädigen. Über Britisch-Jndien herfallen dürfte. Die Zeitungen böschästigen sich namentlich in den jüngsten Wochen eifrig mit dem Gegenstand, und es wurde berechnet, daß Rußland sozu sagen im Handumdrehen 500 000 Mann an die afghanistanische Grenze werfen könnte, während England m Indien über nicht viel mehr als die Hälfte dieser 8/of) ; I verfügt, von denen noch dazu drei Viertel ans eingeborenen Truppen besteht. Freilich würden die Russen auch mit den Afghanen zu rechnen haben, die, wie die Engländer einst zu ihrem Schaden entdeckten, im Falle eines Konfliktes . keine quantitO nögligeable bilden, und außerdem ist die Novdgrenge Indiens von der Natur in wunderbarer Weife befestigt. Man begann übrigens schon lange vor dem russisch-japanischen Krieg damit, Indien in einen besseren Verteidigungszustand zu versetzen, und die Leute, die seinerzeit der Regierung bittere Vorwürfe machten, weil sie den vermeintlichen großen Strategen und militärischen Organisator Lord Kitchener ans einen so unwesentlichen Posten wie den indischen sandte, ahnten nicht, welche Bedeutung sie letzterem wirklich beimaß. Erst jetzt, wo- Kitcheuers Pläne weit genug gediehen sind, um an ihre Durchführung, gehen zu können, wird dem geehrten Publikum in möglichst drastischer. W-eise klar -gemacht, daß -das Reich -Gefahr läuft, eines seiner wertvollsten Teile beraubt zu werden, wenn es nicht große Opfer bringt. In welcher Weise das geschehen müßte, darüber verlautet vorläufig noch nichts Bestimmtes, doch -lasten sich in dieser Hinsicht jetzt bereits einige Schlüsse ziehen. Soeben traf die britische Mission, die schon vor mehreren Monaten angekündet wurde, m Kabul ein. Diese soll dem Emir vo-n Afghanistan eine Reihe wichtiger Vorschläge machen, beziehungsweise gewisse Forderungen stellen. Unter diesen läuft eine aus den B-an strategischer Bahner: uub Telegraphenlmien von Indien durch sein Reich und eine andere auf die Ausbildung des wfghaniftanisch-en Heeres durch englische Offiziere hinaus. Außerdem soll verlangt werden, daß Afghanistan in Zukunft Waffen mir in England kaufe. Wie es heißt, stellt der Emir gewisse Gegenforderungen, unter denen die bemerkenswerteste die der Abtretung eines Landstreifens bis an die Küste ist, damit Afghanistan einen Seehafen erhalte, bis z-u -dem es eure Bahn zu
bauen beabsichtigt. Außerdem verlangt der Emir^ wie auch ehedem sein Vater, eine ständige Gesandtschaft in Lorüdon unterhalten zu dürfen. Vielfach vermutet man, daß er sich mit letzterem Zugeständnis allein begnügen würde, weil die afghanistanische amöur propre bisher tut höchsten- Grade unter der Tatsache litt, daß selbst oer Schah von Persien am Hofe von St. James -durch erneu Gesandten vertreten ist. England wird seine Bähnbau- pläne natürlich unter allen Umständen durchführen, wiewohl der Emir ihnen nichts weniger als freundlich gesinnt ist, und den bedeutenden Geldaufwand, d-en Ire erforderrr, wird man jedenfalls auf eine oder die andere Weise dem englischen Steuerzahler anflaiden, da Indien doch nicht gut auch noch dafür herangegogen werden kann Nicht geringe Verb-lü-ff-rmg verursachte es Übrigens, daß fast zur gleichen Zeit, wo die britische Mission in Kabul eintraf, auch eine russische -von Vokhara aus in der Nähe von Valkh anlangte, wo ihr rüdes b-e- deutet wurde, daß sie vor ihrem weiteren Vordringen ans die Instruktionen des Emirs warten müsse. Gleichzeitig verlautete wieder, immer größere russische Trup- penmassen würden an der afghanistanischen Grenze an- gesammelt, und, nach englischen Berichten wenigstens, scheint es, als ob sich in jenem Teil der Welt große Ereignisse vorbereiteten.
Mißglückter KompetenchonMI.
Es ist bei uns in Preußen keine -Seltenheit, daß die Regierung Beamte, di-e tu Ausübung ihres- Amtes die gesetzlichen Grenzen außer acht lassen, -der strafrechtlichen Verantwortung durch die Erhebung des Kompetenz- konfliktes zu -entziehen sucht und vielfach, auch entzieht, so daß der geschädigte Teil seines Rechtes verlustig wird. Jetzt hat ein Konflikt der Regierung zu Breslau, erhoben zugunsten des Landrats Freiherrn v. S ch u ck - mann zu Steinau a. O., das Oberverwaltnngsgerrcht beschäftigt. Man schreibt darüber aus Berlin:
Der Gutsbesitzer Jeltsch zu Tarlsruh bei Steinau, der MU- alied des KrciLauSichusscs >v«r, dem Kreistag und der Landwirk- schastskanuner augehört, hatte anläßlich der Wassersnot im Jahre 1S03 sich in Gesellschaft anderer Herren zu dem Sekretär des Landrats über die Abwesenheit des Landrats während der Hochwassersnot kritisch ausgelassen. Am selben Tag« kehrte nun der Landrat von Schnckmann, seinen Sommerurlaub unterbrechend, von einer Hochtour in den Alpen zurück. Den Tag darauf fand Sitzung des Kreisansschusies, bezw. des aus diesem und noch einigen Leuten bestehenden Hülsskomitces für die Überschwemmten statt. Inzwischen hatte der Sekretär dem Landrat erzählt, dah sich Herr Jeltsch scharf wegen der Abwesenheit des Landrats geäußert und auf seine, des Sekretärs, Verteidigung gesagt hätte, diesem und dem Landrat schwämme sreilich bei dem Hochwasser kein Gehalt fort. In der erwähnten Sitzung nahm nun der Landrat Veranlassung, sich heftig dagegen zu wenden, daß ihm Pflichtvergessenheit vorgeworfen werde. Er gebraucht« dabei auch die Worte, ein Kreisausschutzmitglicd habe „sich nicht ent- blödet", herabwürdigcnb von seinem Landrat zn sprechen. Der anwesende Herr Jeltsch verließ darauf die Sitzung und legte sein Amt als Mitglied des Kreisansschusies nieder. Der Landrat schrieb ihm nun noch einen Brief, worin er öarlegte, daß er seine Pflichten nicht verletzt habe, und anssührte, er habe sich in dem Charakter J.s grob getäuscht und werde fortan jeden privaten
Verkehr mit ihm meiden. Jedes Vertrauen zu I. habe er verloren. Der Brief wurde dem Kreisausschnß mitgeteilt. Dem- nächst kam dann noch ein vom Landrat mitunterzeichneter Be- schluß des Kreisansschusies zustande, worin I. für unwürdig er- klärt wurde, ein Kreisamt zu bekleiden, weil er sein Amt als Kurator der Kreissxarkasse benutzt hätte, jemanden anläßlich der Vermittelung eines Gutöverkaufs, bei der I-, 500 M. verdiente, zu einer Hypothek aus der Sparkasse zu verhelfen. Falls I. seine Ämter nicht freiwillig niederlege, werde man das Disziplinär- verfahren veranlassen. Herr Jeltsch klagte dann gegen den Land- rat wegen mehrfacher schwerer Beleidigung, die er in der Rede und dem Brief des Lanörats wie in dem unter dessen Mitwirkung zustande gekommenen Beschluß des Kreisausschusses findet. Die Regierung zu Breslau erhob aber den Konflikt und verlangte die Einstellung des Verfahrens, weil sich der Landrat in den Grenzen seiner Amtsbefugnisse gehalten habe. Hierüber mußte nun das Ober-Verwaltungsgericht entscheiden. Herr Jeltsch legte besonderes Gewicht auf den Beschluß des Kreisansschusies und betonte, daß die 500 M. lediglich Provision für die Verkanfsvermittelung gewesen seien und mit der Hypothek und deren Beschaffung nichts, auch rein garnichts zu tun hätten, so daß ihm, als dem damaltgen Kurator der Kreissparkasse, kein Amtsvergehen zur Last falle. Zeugen würden das fcststellen können.
D-as Oberv evrraltungsgerrch-t erklärte den Konfukt der Regierung in allen drei -Punkten für unbegründet, so daß -dem Verfahren gegen Len Landrat Fortgang
Begründend wurde ». n. ausgefltürt: Der Landrat hätte allerdings einer unbercchtiqtenKritik seines Verhaltens entgegentreten können Er sei aber über seine Amtsbesugnisie hinansgegangen, indem er die Worte „nicht entblööet" mit Bezug auf I. gebraucht habe. Rach dem allgemeinen Sprachgebrauch stehe dies glerch dem nur wenig schärferen „erfrechen". Einen solchen absolut oe- leidigenden Vorrvurs durfte der Landrat Herrn I. nrcht machen. Auch in dem Brief sei der Landrat über dre Grenzen der Abwehr hinansgegangen. indem er sich ans eine Kritik des Charakters des Klägers eingelassen und erklärt habe, er habe redes Vertrauen zu I. verloren. Ferner sei rener unter Mitwirkung des Landrats zustande gekommene Beschluß des Kreisausschusses völlig unzulässig. Der Kreisausschuß hätte sich höchstens direkt an den Regierungspräsidenten wenden können und hatte es diesem überlassen müssen, ob er ein Disziplinarverfahren gegen I einleiten wolle. Der Kreisausschuß sei auch nicht befugt, I. anfzufordern, seine Ämter im Kreistag und in der Landwirt-! schaftskawmer niederzulegcn. Nicht einmal der Kreistag selbst, noch die Landwirtschaftskammer wären befugt gewesen, solche Be- fdiliffie zu fasten. Der Kreisausschuß habe nach allen Richtungen seine Befugnisse überschritten und an der Überschreitung habe sich der Landrat beteiligt, da er mitgewirkt und seine Unterschrift zu dem Beschlnsie gegeben habe. Somit sei dem Straioerfahren gegen den Landrat Folge zu geben.
Die vorstehende Angelegenheit gewännt für Wies- baden -ein aktuelles Interesse mit Rücksicht auf den bekannten A r-z te p rozeh, in dem, wie -wir berichteten, die Regierung in der zweiten Instanz ebenfalls den Kompetenz-Konflikt erhoben hat, nachdem in der ersten
den war.
Politische Übersicht.
Das neue Kabinett in Spanien.
ck. M a d r i d . 27. Januar.
Die Gefügigkeit, mit der sich das Ministerium Azccrr- rma zur Erfüllung der persönlichen, Wünsche des Kammerpräsidenten Ro-mero Robledo mißbrauchen lreß, hat es nun doch vor dem Sturz nach kaum vrerwochent.
FemÜrton.
Gefährüchkeii der Ohrringe.
Bon Dr. Paul Kaufmann.
Die Sitte, in den durchbohrten Ohrläppchen Ringe igu tragen, ist uralt. Wir erfahren schon aus dem alten Testament, daß Abraham der Rebekka kostbare Ohrringe sandte, und daß dieselben zu den Zeiten. des Moses allgemein bei den Jüdinnen und auch bei den arideren Nationen der alten Welt, z. B. den Assyrern, ein sehr beliebter Putzgegenstand waren. Wir finden diese Sitte bis arrf Sen heutigen Tag beim weiblichen und vereinzelt sogar beim männlichen Geschlecht«, b-ei zivilisierten und wilden Völkern, bei Kaiserinnen und Bettlerinnen. Nicht nur bei vielen Naturvölkern werden in die Ohren unförmige schwere Gegenstände des Glanzes irrid Schmuckes gehängt, sondern auch manche- moderne Dam-e beschwert ihre Öhren mit großen gesch'rrrartigen Gehängen, welche «n die Toilette wilder Stämme oder alttestamenilicher Jüdinnen erinnern, die ihre Ohrläppchen zum Aufhängen der Zeichen ihres Luxus, Reichtums oder gefallsüchtigen Sinnes machten. .
Früher war mit dem Trage» von Ohrringen oft cm gesundheitlicher Zweck verbunden- auf dem Lande ist man von demselben noch jetzt vielfach überzeugt. D-as Dnrch" stechtzn der Ohren soll „able-rtend" wirken bei verschiedenen Kopfleidcn, chronischen Augcnentzündungen, Ohrfl-üssen, rheümattschen Zahnschmerzen üfw. 'Diese- Reizung und etwaige Eiterung ist aber zu geringfügig und schnell vorüberg-ehend, um irgend die Bedeutung eines ab-l ei senden Mittels zu verdienen; ja, sie kann sogar sehr schädlich werden durch Erzeugung von Hautkrankheiten und Geschwülsten. In der medizinischen Literatur sind mehrfach solche Fäll« beschrieben. Schon vor mehr als hundert -Jahren wies der alte Arzt Peter Frank darauf hin, daß sich nach dem Durchstechen der Ohrläppchen schnell die
Skropheln entwickelten, und der berühmte Hnfeland machte ebenfalls auf einige tödlich verlausende Ilssektio- neu aufmerksam.
Dr. F. M. Pierce entfernte durch «ine Operation eine durch Reizung der Ohrringe entstandene pflauwen- grotze Geschwulst aus dem Ohrläppchen einer Dame. Derartige Geschwülste sollen sehr häuifrg bei Negerinnen Vorkommen, welche sich bekanntlich besonders große Schmuckstücke ins Ohr hängen.
Dr. H. Sternbrügge schnitt einem 18jährigen Mädchen eine seit z'rvei Jahren nach dem Tragen wm_ Ohrringen aus unedlem Metall entstandene GeschwüW aus dem Ohrläppchen.
Dr. C. Springer beschreibt zwei Fälle, wo durch das Ohrringestechen Mutgeschwülste, und dadurch bleibende Entstellung des kindlichen Gesichtes entstand.
Aber noch weit schlimmere Folgen -können entstehen: Ansteckung mit Syphilis und Tuberkulose. Dr. E. von Düring beschreibt folgenden traurigen Fall: Ein 14- jähriges Mädchen hatte eine Freundin, 'welche an Schwindsucht starb. In der NberschwüngliHkert solcher B-acksischfreunds-chasten nahm sie als Andenken bald nach dem Tode die Ohrringe aus den Ohrläppchen derselben und befestigte sie in den ihrigen. Die verstorbene Freundin soll -früher öfter „am Ohre geblutet haben . Allmählich fingen die Ohrläppchen des jungen Mädchens an wund zn werben und eiterten, es bildete sich am Haste ein Geschwür, an der linken Halssette schwoll eine Druse an und brach airf, das Mädchen begann zu husten und wurde immer elender. Im Au-Awurs und Geschwürssekret fanden sich! Tuberkelbazillen. Ihr Anstand verschlimmerte sich zusehends und zwei Jahre nach der Ansteckung mit den Ohrringen starb sie an Schwindsucht. Es sei noch bemerkt, daß in ihrer ganzen Verwandtschaft nie Tu-Verkulosesälle vorgc'komwen waren, so daß von einer sogenannten „Vererbung" nicht die Rede sein konnte.
Solche traurigen Fälle sollten doch alle Mütter zur
Vorsicht mahnen. Das beste Vorbengungsmitte-l gegen alle derartigen GesunWeitsschädigungen und Lebensgefahren besteht einfach in der gänzlichen Unterlassung des Ohrringetragens. Gegen früher hat diese Mode ja auch abgcnonimeir. Eine von mir vorgenommene stattstrsche Zählung aller auf der Straße vorbeigehenden weiblichen Wesen ergab aber das Resultat, daß immerhin noch gegen 25 Prozent derselben Ohrringe trugen, allerdings — das sei lobend bemerkt — durchweg keinen schweren „Negerschwuck".
Wem aber das natürliche Aussehen seines Kindes nicht schön genug erscheint, so daß er demselben mit Gold und Edelsteinen nachhelfen will, der verfahre bei der DrrrchstechNng der Ohrläppchen wenigstens mit der nöti- ge-n Verficht und lasse es nicht von Wärterinnen-, Tanten oder vom Goldarbeiter vornehmen. Auch dies Durchstechen ist eine kleine Operation und sollt« daher nur vom Arzt ansgeführt werden, welcher allein für antisep- trsche Instrument: rrnd antiscptische Wundbehanidlung
garantiert. Der Arzt kann arrch vorher entscheiden, ob das Durchstechen etwa wegen Gefährdung der Gesundheit unterbleiben mutz, weil das Kind an großer Schwächlrch- k--:t, sikeizbarkeit, skrophnlösen Affektiorren, Flechten oder H-autertzünd-ungerr leidet. Jir die frische W!>rn!öe dürfen nie Ohrringe ans unechtem Metall gesteckt werden, fo-it* fcern nur ans echtem, miüdestens 18karätigem Golde.
Später soll man die Ohrringe auch bisweilen hevaus- nehmeir und die Löcher wenigstens an der: Mündungen gut reinigen, damit sich nicht der Ansatz von grauen Hautschüppchen unangenehm bemerkbar macht oder die ans zerfetztem Hant'fett rrnd Schweißbestandteilen- entwickelte Säure die Löcher reize und zum Wun-dsein- bringe.
,-Vorsicht ist die Mutter der Weisheit" ist zwar eine recht „abgedroschene" Redensart, die Uß«r durchaus wahr und von hoher Bedeutu-n-g ist, ii-aMentlich dann, wenn d-as Wohl und Wehe unserer lieben Kleinen aus dem Spiele steht.
