sa. Jahrgang.
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^0.^5» Verlags-Fernsprecher No. 2958 .
Morgen - Ausgabe.
_ 1. ÄJSCatt.
ZUM Geburtstag ües Kaisers.
In ganz besonders ernster Zeit begehen wir -diesmal den Geburtstag des Kaisers, der heute sein 46. Lebens» fahr vollendet. Unfriedlich ist die Gegenwart sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet. Ter Weltfriede, nach dessen Erhaltung alle Nationen sich sehnen, ist feit nahezu Jahresfrist gestört und in Weltunfriede v-evwandelt durch denselben Herrscher, der sich dereinst durch die Einberufung der Haager Konferenz den Titel „Friedensgar" zu verdienen bestrebte. lind wenn sich auch das blutige Kriegsspiel fern in Ostasien abwickelt, und wenn die Gefahr, daß oiidsre europäische Mächte in diese ostnsiatischon Der- Wickelungen hlneingezogen werden könnten, bisher immer noch ahgewendet worden ist, so halben doch zwar nicht der .Krieg selbst, aber seine Wirkungen gerade jetzt furchtbar und, blutig auf das europäische Rußland über, gegriffen. Die Gärung und die freiheitliche Bewegung, die in Rußland seit Jahren langsam, aber sicher heranwuchs, ist jetzt durch den un-glücklichen Bsvlawf -des Krieges, durch die fnrchiba^n Opfer <m Gut und Blut, die er dem russischen Atolle auferlegt, plötzlich mit elementarer Leidenschaft zu einer ungeheuren revolutionären Strömung angeschwollen, die Wohl vorübergehend- zurückgedrängt, aber nicht mehr auf die Dauer -eingedämmt werden kann.
Doch wir brauchen nicht so weit Zu blicken, um den Ernst der Zeit zu erkennen, in der wir leben. Schwere politische, wirtschaftliche und soziale Kämpfe, freilich Kämpfe, die sich in friedlichen- Formen abspiel-en, haben wir -auch in u-nserein Buterlande durch-znmachen. Und der schwerste dieser Kämpfe, der gleichzeitig politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur ist, spielt sich soeben im Ruhrrevier ab, wo die lmtg -angefammelte Unzufriedenheit der Bergarbeiter ctitf der einen Seite und die schroff ablehnende und sozial rückständige Haltung der Bergwerksbesitzer auf der anderen Leite einen Riosen- stveik entfesselt haben, den -wir alle als ein nationales Unglück empfinden -und dessen Folgen -wir, wenn nicht auf irgend einem Wege -doch noch die ersehnte Verständigung erzielt wird, noch schwer am ganzen Volkskörper spüren werden.
Mer gerade, wenn wir -diesen Streik im Ruhrrevier und -den Änsstand -der russischen Arbeiter, der sich rapid zu einer revolutionären BöweiMing entwickelt hat, miteinander vergleichen, -dann springen uns die ungeheuren Unterschiede in die Augen, welche dieselben sind, wie die zwischen einem geordneten modernen Staa-tswesen, wo das Volk nicht bloß m-itzutaten, sondern auch mitzuraten fjia-i, wo es ein öffentliches Recht und infolgedessen ein öffentliches -Rechtsbew-ußtsein- gibt, und den feud-al despotischen Zuständen im Reiche des Zaren, wo he
Freitag» den 27. Iarmar.
Rechtlosigkeit der Massen auf -der einen Seite und -die Gewissenlosigkeit eines korrumpierten Beamtentums aus der andern Seite Zustände geschaffen haben, deren blutige Saat jetzt zur Ernte heranreist.
Wenn wir die Zustände bei unseren -westlichen und unseren östlichen Nachbarn betrachten, so finden wir gleichsam zwei Schulbeispiele, die laut und nrahmmd zugunsten der konstitutionellen Monarchie sprechen. In Frankreich, wo das Ideal der demokratischen Republik verwirklicht ist, scheu wir es seit Jahrzehnten -mit an, wie die Kraft des Volkes sich in unendlichen, fruchtlosen Parteikämpfen, die einen Krieg -aller -gegen -alle herbei- geführt haben, aufreibt, und wie ein Kabinett nach -dem -andern als Opfer dieser Kämpfe stürzt. In Rußland aber erleben -wir soeben, wie -der autokratische Despotismus an seinen eigenen Sünden und an dem Widerspruch dieser mittelalterlichen Regierungsform mit der neuen Zeit und dem erwachten Rechts- und Kraftbewußtsein des Volkes zugrunde geht.
„Nicht Roß, nicht Reisige sichern die steile Höh', wo Fürsten -stehn", sondern nur, wie es die deutsche Nationalhymne kündet, die „Liebe des freien Manns". Das Kaisertum ist von der steilen Höh', auf die es eine frühere Zeit gestellt hatte und -auf der es in Rußland sich nur noch mühevoll hält, bei uns h-erabgestiegen, um nicht mehr über, sondern in dem Volke, aber um so fester zu stehen. Das starke Band, das in Deutschland Kaiser und Volk verbindet, ist die ge-meinsame Arbeit für das Wohlergehen und für -das Heil des Vaterlandes. In diesem gemeinsamen Werke steht das Volk treu zum Kaiser, und es ehrt in den Hoh-enzollernfürsten-, wie Gustav Freytag es so treffend ausgedr-ückt -hat, „die persönliche Tüchtigkeit, den Wollenden, iw großen Arbeiter für die Nation." Wie der Herrscher in Deutschland Wer -den Parteien steht, so steht -er auch über deren Zwistigkeiten und Kämpfen, find deshalb verstummt a-in heutigen Tage, wie kampfgem-ut auch sonst -das un- antaichare Recht der eigenen freien Meinung verfochten wird, der -heftige Kampf -der Parteien. Und -deshalb ist heut allen-, -die -sich -als Deutsche fühlen, gemeinsam der Wunsch, daß es unserem Kaiser wie bisher so auch weiter vergönnt fein möge zu erfüllen, was der erste deutsche Kaiser am Tage seiner Krönung gelobt hat: allzeit ein Mehrer des Reiches zu sein in -den Werken des Friedens, ans dem Gebiete nationaler Wohlfahrt. Freiheit und- Gesittung!
Me MoMahMejUWllngeil im NuhrbergtM.
<V o n unserem Spezialberichterstatter.)
Iv. Bochum, 25. Januar.
Minister Möller hat gegenüber -der Kritik, die im Reichstage an -den Zechenbositzern geübt wurde, namentlich eins a-n ihnen rühmend hervor-gchoben; die mancherlei Wohlsahrtseinrichlungen. Unter diese sog-encmnte Wohlfahrt werden namentlich die Zechenwohnungen gerechnet. An Menge sind sie z-weifellos hervorragend. Ungefähr
RedaktivuS-Fernsprecher No. 52.
der 4. Teil aller Bergleute wohnt heute in Zech-en- häusern. Grade im letzten Jahrzehnt sind- -die Zechen im Bauen außerordentlich fleißig gewesen. In -der Zeit haben sie ungefähr ihre Wohnung-en verdreifacht.
In den ältesten. Ber-g-baubezirken, in -den südlichen, gibt es keine Kolonien, hier ist der Bergmann zum Teil sogar noch, ansässig und hat seinen Kotten. Meist hat er auch ein Stück Land um seinen Kosten und heißt -deshalb Prnh-mkötter, d. h. Kötter mit Pflanmenb-äuinem. Die Kolonien -sind -mehr in -den mittleren und nördlichen Bezirken. In -den neueren nördlichen sind -die -größten-. Hier wohnt häufig fast -die ganze Belegschaft in den Kolonien.
Ich- hafte schon früher Zechenwohnung-en besichtigt. Um so -mehr war ich gespannt, wie -mein Urteil aus- fallen würde, -als ich heute mit einem Führer -der Kolonie der Zeche „Neumühl" zusteuerte. „Neumühl" ist eine der rentabelsten Zechen mit einer Belegschaft von mshp als 5000 Mann, nördlich von Oberhausen, Sie hat ziemlich mächtige Kohlenflöze und gehört den Herren Hani-el u. Ko. Sie fördert seit 8 Jahren.
Der Weg z-ur Kolonie zeigte, daß man in noch fast ganz neues Industriegebiet -gäamgte. Die Wege waren noch recht ländlich. Kleine Bauernhäuser lagen -da, wie auf -den Aussterbeetat -gesetzt. Das meiste Land haften sie wohl schon -veräußert. Dann kam eine Wirtschaft, ein paar Häuser, in -denen Handwerker wohnten; schließlich zeigte sich -die .Kolonie. Fast ganz gleichförmig -waren die Häuser, -anderthalbstöckig gebaut. Putz und Anstrich hatten -sie nicht. Dias ursprüngliche Rot -der Ziegeln war im Laufe der Zeit ziemlich- schwarz -geworden, wie überhaupt der viele Rauch hier die Häuser -mit der etn- förrra-gm grauschwarzen Farbe umkleidet, wenn sie nicht regelmäßig gestrichen werden.
Eine Straße genau wie die andere. Ein einförmiges Schachbrett -das Ganze. Nur kleine Gärtchen vor und hinter den Häusern. Jeder Familie gehörte ein Stückchen vom Umfang eines größeren Zimmers. Bäumte waren so gut wir gar nicht zu sehen. So wohnten hiev etlva 12—14 000 Menschen zusammen. Im Mittelpunkt, -allerdings nach -der einen Seite frei ins Land schauend, lag die Zeche. Sonst liegt in den Ortschaften das Nathans oder die Kirche im Mittelpunkt, zum Zeichen, daß eine Airsiedelung sich um bürgerliche oder kirchliche Interessen gruppiert. Hier war die Zeche das Ausschlaggebende, auf das alles hinstrebte.
Mein Führer hatte früher auf „Neumühl" gsarbertet und kannte noch einige Leute. -Wir trafen bald- einen seiner Bekannten, der uns in einigen Wohnungen h-eriu-rn- führie. Tie Häuser haften durchweg 4 Wohnungen -mit getrennten Eingängen. Jede Wohnung verfügte über 4 Zimmer; 2 größere -unten, 2 kleinere oben. Es gab einen älteren und einen jüngeron Haustypus. Bei -den jüngeren war ein kleiner Hausflur vorhanden^ Ber den älteren trat man gleich von, der Haustür in- -den Wohnva-nm, der meist Küche und Wohnzimmer -da-rstellte.- Jn -diesem Raum führte auch die Treppe nach oben.
Fenületorr.
Air Pariser Komische Oper.
Ei« Blick ins Hans. — Die Herzog Marnische Loge. — Dekolletes! Die Ahnen der Komischen Oper. — Vom Jahrmarkt znm Boulevard-Ensemble und Repertoire.
Die Berliner sollen, wie es heißt, im Herbst ihre Komische Oper nach Pariser Muster haben; man baut in der Friedrichstraß-e mit Energie. Wenn das geplante Theater wirklich in seiner künstlerisch-en Bedeutung der Opöra-Comiqu-e gleichkommen wird, darf di-e deutsche Hauptstadt sich gratulieren; bei einem klug geschiedenen Programm wird von einer Ser Königlichen Oper gemachten Konkurrenz nicht die Rede sein —, denn in Paris hat es sich herausgcstellt, daß die dort übrigens beide subventionierten Opern sich nicht gegenseitig schädigen, fond-ern ergänzen, und daß ihre gemeinsamen Anstrengungen dazu boi-getragen haben, Interesse, Freude und Verständnis für die musikalische Bühn-enkunst im Publr- knm zu vergrößern. Die Opöra-Conrique steht naturgemäß an der zweiten Stelle, aber sie füllt ihren Platz so glänzend aus, daß man sie schon beinahe der Großen Oper für ebenbürtig erklären darf. Die vornehme Gesellschaft der Hauptstadt macht kaüm einen Unterschied mehr, sie abonniert sich in einem Hanse wie im anderen; das Bild ist deshalb nicht dasselbe, es ist intimer in dem kleineren Raume der Op6ra--Comigue, pompöser in der riesigen Weite der „Acadchmie Nationale de Musique", dies in Harmonie mit der Verschiedenheit des Künst- genres, das in den Gebäuden heimisch ist. Die Eleganz ist die gleiche. Das Foyer -der Komischen Oper mit seinen diskreten Wandmalereien ist für das abendliche Toilettcn- turnier ein beinahe ebenso beliebter Ort geworden, wie die gleißende Marbelhalle, die der Phan-tasie des prunk- süchtigsten aller Architekten, Garnier, entsprang. Allabendlich füllt ein Flor jener Schönen, die milzäh-len,
die rot ausgeschlagenen Logen des gold-weißen Saales; im Parguet bis in die höchsten Ränge knittert es von Seide. An den beiden Abonnementstagen der Woche tragen die Logen, die Fauteuils im ersten Rang und im Parguet gewissermaßen ihre Etikette; wer den Pariser Gotha im Kopfe hat, weiß, wer sich ans den „expon!i-er- testen" Plätzen präsenti-eren wird. Dic Baronin Rothschild hier, die Baronin Hirsch dort und die Komtesse Grcssülhe in der Mitte. Die erste Loge der Avant-scdnc, Balkon links, ist der Rnhepunkt für die wandelnden adligen Augen, sie würde unter einem kaiserlichen Regime den Majestäten und dem Hofe reserviert sein; jetzt gehört sie nach Gesetz und Recht jeden Zlbend dem Herzog von Marni.
Der Republik steckt noch so manches Andenken an die autokratische Vergangenheit tief in den Knochen. Als man die Opöva-Comiqne auf jenem Platze nahe den Boulevards errichtete, den sie heute einnimmt, Mußten mehrere -Grundbesitzer ' sich -das Expropriieren gefallen lassen. Unter ihnen befand sich der Tue de Marni, der in -seinem Prozeß gegen den Staat durch alle Instanzen ging und, Vielleicht weil e r es war, schließlich gewann: das Urteil erkannte ihin zur Entschädigung eine größere Summe und für alle Abende, so lange dic Opckra-Comique an ihrer jetzigen Stätte stehen wird, die erste Prostznrck- umsloge zu! Die Umstände, wie die herzogliche Familie zu ihrer Loge kam, sind heute vom großen Publikum völlig vergessen; man redet hin und Mieder von einem napoleonischen Privilegium, das die dritte Republik respektiere . . . Um die halbe Erde laufende, verwandtschaftliche Bande brachten Mich jüngst auf einen der geheiligten Sitze in dieser herzoglichen Atmosphäre; die Ducs hatten für den dlbend ihren theatralischen Grund und Boden (sonst sind sic nicht mehr so sehr begütert, wie zu Zeiten des zweiten Kaiserreichs) an ihnen verschwägerte Verwandte geringerer Noblesse weit hinten ans der Provinz abgegeben. Von dem Sessel in der zweiten
Reihe sah ich über die entblößten Schultern einer würdigen alten Dame hinunter aus die glatt polierte Schüdel- släche des Kapellmeisters LuigiNi und einen Teil des übrigen Parquets; die prächtige Loge hat den Vorzug, daß man von den meisten ihrer Sitze kein Eckchen der Bühne sieht. Dieselbe Proszeniumslog-e rechts steht an manchen -Tagen dem Präsidenten der Republik zur Verfügung; der praktische Direktor hat also -kaum einen Kasscirverlust zu beklagen; denn das zählende Publikum -würde sich- ans die Dauer für -die zur Dekoration dienenden, teuersten Plätze bedan-ken.
Da man von der Bühne nichts sieht und die entblöß, teu Schultern der würdigen älteren Dame vor sich in ihren Geheimnissen -bald ergründet, wird man Mäuschen und hört ein wenig zu, was die Nachbarinnen sich zwischen den Staecati der ersten Violine znslüstern. Es ist klar, daß sie sich für di-e Prinzessin Luise von Köbur-g, die fast jeden zwnt-eu und dritten Abend in der sonst hürtsi-g Herrn- Loubet reservierten Loge, gerade gegenüber, sitzt, bei -weitem mehr interessieren, wie für die toll-leidenschaftlichr Sautnzza der Bille. Marte de Liste. D-ie Prinzessin bewahrt während der ganzen Vorstellung eine durchaus zeremonielle Haltung; ihre >weitzbeHandschü-hten Hände nmklaMmern die rotsam-m-etne Bordüre der Loge; sie sicht Mehr in den Zuschauerran-m als auf die Bühne. -Eine etwas ältere Dame sitzt weiter zurück, desgleichen ein steifer ;?-avalier, Typus eines preußischen Leutnants; nur Mattachich ist Seite, an Seite mit der Prinzessin; tadellos in seinem- Smoking, ist er uniunterbrochen mit seinem schwarzen Schnurrbart be- schKsti-gt; seine Persönlichkeit ist jedenfalls weniger sympathisch wie die der Prinzessin. Während des da capo verlangten Intermezzos zischelt es lxi-se: „Halten Sie sie für verrückt?" — „Nein, hochgradig nervös!" — „Hochgradig?" — „Der Sturm ist vorüber. Man liest ihr eine geivisse Nerrenabspannung vom Gesicht ab." — „Ich glaube, ein Zehntel aller Pariser Mvstdaines wäre ein-
