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Stil. 41 * Berlags-Fernsprechcr No. 2953.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt.
Österreich-Ungarn und Deutschland.
Im Reichstage wird man sich demnächst über die Krage der Einführung von SchiffahvtAabg,aben auf den natürlichen Wasserstraßen unterhalten. Da Herr v. Budde immer noch durch sein Unwohlsein -daran verhindert ist, die Beantwortung der betreffenden Interpellation zu übernahmen, so hat sich Graf Bülow dazu erboten, Rede und Antwort zu stehen. Es ist das auch ganz in der Ordnung. An den Reichskanzler vor allein richtet sich die Frage, wie es niit diesen Schiffahrts-Abgaben gehalten werden soll, wie sie in Einklang mit der Reichs-Verfassung zu bringen sind, welches die eventuellen Wirkungen auf die internationalen Beziehungen sein würden. Anscheinend spielt die Angelegenheit mich bei den schwebenden Verhandlungen mit Österreich-Ungarn ihre Rolle. Die österreichische und die ungarische Regierung haben ja einen Fachreferenten für Eisenbahn- und Schissahrtsfragen nach Berlin entsendet, und da die Zerren erst jetzt dort eingetroffen sind, so möchte man schließen, daß ihre Anwesenheit bis dahin nicht für erforderlich galt, daß nunmehr aber die Beratungen bis zum Thema der Eisenbahntariffragen und der Schiff- scchrtsabgaben gelangt find. Schon vor einiger Zeit ließ Herr v. Budde in der Unterhaltung mit einer Abordnung aus Duisburg durchblicken, daß wegen der Schiffahrtsabgaben Verhandlungen mit Österreich-Ungarn toerfcen geführt werden. Sollten die bezüglichen Beratungen, wie es jetzt der Fall zu sein scheint, im Zusammenhänge mit den Handelsvertragskonferenzen stattfinden, so würde es sich aus diesem Umstande allein bereits erklären, weshalb die Verhandlungen so langsam von der Stelle rücken. Jedenfalls wäre zur Erteilung von Auskünften niemand geeigneter als der Reichskanzler persönlich. Hoffentlich speist er den Reichstag nicht mit einigen nichtssagenden Wendungen ab.
Wir sprechen von dieser Schiffahrtsabgabensrage im Zusammenhänge mit der Tariffrage darum, _ weil am Detail wieder einmal ersichtlich wird, um wieviel stärker Deutschland aus Österreich-Ungarn, als umgekehrt -dieses auf jenes drückt. Zunächst könnte es ja so ausschen, als ob das Interesse am Zustandekommen eures Handelsvertrags auf beiden Seiten gleich groß ist, vielmehr (da sich dies in der Tat so verhält) als ob jeder der beiden Staaten dasselbe Maß von milderen oder, schärferen Pressionsmitteln äUMwenden vermöchte. Es ist aber nicht so ; mindestens hat man an der Donau ein deutliches Bewußtsein krtoon, daß der größere Nachteil dort und nicht hier entstände, wenn es zu einem vertrags- lofen Zustand käme. Die Gefahr, daß die Verhandlungen refultatlos verlausen könnten, ist freilich neuerdings
Femileton.
Animalische Liebkosungen.
„Warum küssen sich die Menschen 2" Diese Frage bat sich wohl nicht nur der Kater Hidigeigei vorgelegt, sondern vor ihm und nach ihm gar manche höher stehende 'Geschöpfe. Fa, einzelne sind dabei sogar zu dem Schluffe gekommen, daß es durchaus unrecht und schädlich sei, wenn die Menschen sich in dieser Weise ihre Zuneigung zeigten, ganz besonders, wenn ein Mund sich auf den anderen drückt. Aber auch sonst sei das Küssen eine durchaus verwerfliche Angewohnheit und bei unseren Stamw- -verwandten in Großbritannien hat diese Ansicht sogar zur Bildung einer Aniikußliga geführt. Ob ihr Erfolg ein nennenswerter, ist jedoch zweifelhaft.
Wie die Menschen daraus gekommen sind, einander zu küssen, hat bis jetzt wohl noch niemand ergründet. Vielleicht haben Adam und Eva es bereits im Paradiese getan. Übrigens geben wir unseren freundlichen Gefühlen ja nicht allein in dieser Weise Ausdruck, abgesehen vom Wort, stehen uns dazu noch eine Menge anderer Mittel zu Gebote, der Händedruck, die Umarmung, das Streicheln usw., ja, manche Völker, die Lappen z. B., finden ein Vergnügen daran, sich> gegenseitig mit der Nase zu berühren, noch andere sollen sogar den Fuß sanft gegen das Gesicht logen als ein Zeichen ihres Wohlwollens.
Die Absicht dabei ist jedenfalls immer, mit dem geliebten Wesen in nähere Berührung zu treten, und kann dies keine von den Menschen willkürlich angenommene 'Gewohnheit sein, sondern ist ihnen dies gewissermaßen angeboren. Es geht dies schon daraus hervor, daß auch die Tiere diese EigeniÄmlichkeit haben, die wir doch weder ihnen absahen, noch sie von uns lernten. Wenn ein Hund, otne Katze unS ihre Zuneigung bezeigen wollen, dann reiben sie sich sachte gegen uns und ebenso ist eS ihnen angenehm, wenn Sie Hand des Herrn oder der
Mittwoch» den 85. Januar.
vollkommen beseitigt. Unser Export nach dem Donau- reiche betrug -im Jahre 1908 rund 660 Millionen Mark, der österreichisch-ungarische Export nach Deutschland rund 800 Millionen Mark. Die Zahlen, so wichtig sie sind, erhalten ihre volle Bedeutung aber erst, wenn man sich vergegenwärtigt, daß für die deutsche Jndnstrieausstchr mster Umständen die Möglichkeit vorläge, ein etwa verloren gehendes v!der erschwertes Wsatzgobiet durch die Ausschließung neuer Absatzstellen zu ersetzen, während die österreichische mgarische Ausfuhr,, die Äberwiegeiw aus Nahrungsmitteln besteht, eine andere Wsatzstelle nur äußerst schwer finden konnte. Angesichts der Notwendigkeit für Österreich-Ungarn, sich den deutschen Markt zu erhalten, muß um so mehr die Hartnäckigkeit und die Geschicklichkeit -anerkannt werden, womit die jenseitigen Unterhändler ihre gewiß nicht leichte Position behauptet und sogar manches wichtige Zugeständnis durchgesetzt haben.
Die geradezu ausschlaggebende Bedeutung, die für Österreich-Ungarn die Pflege der Ausfuhr nach Deutschland hat, wird in die erforderliche helle Beleuchtung namentlich dann gerückt, wenn man sich mit den erschwerten Wirtschaftsverhältnissen im Donaureiche vertraut macht, wenn inan erfährt, wie kraß dort der Zwiespalt zwischen Stadt und Land, zwischen den Leistungen der Industrie und der Rückständigkeit des platten Landes ist. Würde die österreichische Industrie in ernstliche Not geraten, und zwar gerade -durch unübersteiglich hohe deutsche Zollmauenr, so stände vielleicht eine Katastrophe bevor, die den Wert des österreichischen Bündnisses für uns wesentlich herabsetzen müßte. Ein paar Zahlen mögen hier angeführt werden: Die großen Städte Österreichs tragen 86sH Prozent der gesamten Personaleinkommensteuer, das übrige Reichsgebiet nur Ickph Prozent. Das ist ein unerhörtes Verhältnis, mit dem man bei uns wenigstens nichts vergleichen kann. Wen allein enthält mehr Eintommensteuerstflichtige als das ganze Platte Land iw Österreich und zahlt dreimal mehr Steuern als dieses. Wim trägt von der gesamten Einkommensteuer des Staates 41 Prozent, Berlin nur 16 Prozent. Die in diesen Zahlen und Daten steckenden Konseguenzen lassen sich leicht verfolgen: Um das
Wichtigste herauszuheben, ist es wohl klar, daß Österreich- Ungarn auf die Fortdauer guter handelspolitischer Be- ziebun-gen zu uns dermaßen angewiesen ist, daß es ein unübersehbares Unglück für das Reich werden müßte, wenn diese Beziehungen zerrissen würden'.
politilchr Übersicht.
Vom Bergarbeiterstreik.
Aus dem Ruhrrevier schreibt uns unser dortiger Mitarbeiter: Oberbürgermeister Zweigert in Essen hat die von ihm geschaffene Arbeiter-Polizei (aus den- Reihen der Streikenden' genommene Ordner) aufgelöst, weil
'Herrin sie streichelt. 'Ebenso gibt bas Pferd zu erkennen^ wie gern es eine solche Liebkosung empfängt, indem es Sen Kopf «egen Sie Person drängt, von Ser sie ansgeht. Also auch von ihnen wird durch Berührung ein Zärtlichkeitsbeweis gegeben.
Am ähnlichsten sind aber in dieser Hinsicht Sie Tiere dem Menschen, die ihm überhaupt auf der zoologischen Leiter am nächsten stehen, Re Zlssen. Sie kennen sogar das Küssen. Man hat Schimpanse beobachtet, die ihre 'Lippen vorwärts schoben unb ause'ian'ber drückten.
Eins zeigt sich aber in der ganzen animalischen Welt, nämlich, daß die Zuneigungsboweise durch Berührung immer durch Re Teile des Körpers geschehen, die am empfindlichsten dafür sind, wie Re Hand, die Lippe, die Rase. Wer bat nicht schon beobachtet, daß die Schweine, um einen sehr gewöhnfichen Fall zu nennen, sich des Rüssels bedienen — in welchem dir GesühlKempsindüng am größten ist —, um ihre Liebe einander zu zeigen unb Re Elefanten desgleichen. Das Rhinozeros dagegen wählt einen Mittelweg zwischen denen, welche die Lippe und denen, die die Nase als das richtige Organ für die Bezeignng von Liebcsbeiwersen betrachten. Es bedient sich dafür desjenigen Teils der Oberlippe, die einem 'Haken gleicht unb den es immer feucht hält, Um die Empfindlichkeit zu vergrößern und der auch nicht, wie seine übrige Haut, mit einer mi'dürchdringlichen Decke belegt ist.
Doch nicht nur Re größeren unter den Tieren, auch Re ganz kleinen verstehen es, Rrrch Liebkosungen kuUd- Minn, wem sie ihr Wohlwollen zngewettöet hüben. Beim ersten Anblick sollte man meinen, Rc Natur habe ihnen «Des versagt, was dazu dienen könnte, da ihr Körper mit einer härten Kruste beb."ckt, der Kopf durch einen steifen Helm geschützt. Re Beine mit Harnischen versehen sind. Unb doch wissen Reffe Tierchen nicht Nur äußere Zeichen ihrer Zuneigung zu geben, sie sickd sogar fahr demonstrativ. Wer hat wicht einen Schmetterling, eine Umeise, ßjne Biene beobachtet? 'Jeder wird dann
N-daktisns-Fernjprccher No. 52. 1805.
mehrere „Ordner" Arbeitswillige belästigt hatten. Es ist hier ivieder ein Beweis dafür geliefert, daß die Arbeiterorganisationen des disziplinierenden Einflusses auf ihre Leute entbehren; denn die Ordner waren von der Vevbcmdsleitung aus Devbündleirn gebildet. Solche Vorgänge -beeinflussen natürlich -die öffentliche Meinung gegen die Streikenden und geben der „Rh,ein.-Wests. Ztg." einen Schein von Recht oder ein Körnchen Recht, wenn sie in der Arbeiter-Polizei eine Okkup'ierung der Staatsmacht durch die So-zialdömoLvatie erblicken will und um der vollen Klarheit willen die Einsetzung Bebels und Singers als interimistischer Oberbürgermeister oder Lcmdräte im Ruhrrevier verlangt in einem so' erregten Tone, als ob ihr voller Ernst damit wäre. Der kühle Beurteiler wird aber ratr sagen können, daß es sehr leicht ist, derart einzelne Momente zuungunsten der einen oder der andern Partei aufzufinden und damit für dm andern Teil Stimmung zu -machen. Diese verhältnismäßigen Kleinigkeiten verfangen indes hier nicht sonderlich. Auf die Stimmung des bürgerlichen Publikums ist von entscheidendem Einflüsse gewesen die Absage des bergbaulichen Vereins auf die staatsbehördliche Einladung zum Verhandeln mit den Arbeitervertretern.- Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß diese Haltung der Bergherren auch den Kölner Erzbischof mitsamt der Kölner Geistlichkeit frappiert und ihn zu dem Schritte bewogen hat, der Streikkasse des christlichen Gewerk- Vereins 1000 M. zu spenden, -um der unchristlichen Gesinnung jener Herren «in aüfmern-d-es Beispiel der Nächstenliebe entgogenzustellen. Dem „Vorwärts", der unglaublicherweise der Meinung war, seine MahniuuMN hätten beim Kardinal-Erzbischos einige Wirkung getan, ist der komische Irrtum begegnet, sich mir Herrn Hugo- Stinnes zu verwechseln. Dieser Herr hat das Böse gewollt und das Gute geschafft. Es wird uns mitgeteilt,- daß unter den Spendern größerer Summen für die Streikenden die Katholiken stärker Vertreter»' sind als die Protestanten. Vielleicht hat das Vorbild des Erzbischofs zur Nachahmung angespornt. Der Oberbürgermeister von Dortmund, Schmieding, hatte bekanntlich in seinev Eigenschaft als Polizeichef die Schließung der Wirtschaften im Nordviertel, richtiger in der Idor'dhAfte der Stadt, um 10 Uhr abends arr,geordnet, obgleich in Dortmund bis dahin wie auch seitdem keine Ruhestörung aus Anlaß' des Streiks vorgekommen ist. Eine AnMchl von Wirten hat jetzt gegen diese Maßnahme Beschwerde beim Regierungspräsidenten geführt und um ihre Aufhebung gebeten. Der Chef der Polizei aber hat gleichzeitig die Maßnahme noch auf den Westen der. Stadt .cmsgedchnß
-i-
Mchrfach wird aus Anlaß -des gegenwärtigen Aus- stcmdes an den van 1889 und bie damalige Delegation von drei Bergleuten an den Kaiser erinnert. Verschiedentlich wird gesagt, daß die drei Kaisevdelsgierten dem Kaiser ihre sozialdemokratische Gesinnung verschwiegen hätten-; sie werden deshalb als Heuchler br
auch die feinen Fühlhörner bemerkt haben, mit denen sie ausgefftattet sind. Diese feinen Tasiorgane dienen den Insekten zur Betätigung ihrer Zuneigung durch Liebkosungen. Wie oft, sieht man Schmetterlinge, Re auf Blumen ruhen, einander mit den Fühlhörnern berühren, sie streicheln sich, weil sie sich gern haben. Beobachtet man Re Fühlhörner durch ein gewöhnliches Vergrößerungsglas, so wird man finden, daß sie aus einer großen Menge kleiner Stückchen sich zusämmensetzen, bei einem dieser Tierchen, der Maulwurfsgrille, aus ca. 100. Die Empfindlichkeit der Hand wird durch ihre vielen Glieder hervovgebracht, wie viel bedeutender muß sie also noch bei diesen Insekten sein?
Die nicht gerade schön geformten Beine der Insekten scheinen für Umarmungen wenig geeignet, da sie nach außen gedreht sind, um dem Tierchen Re bequemere Fortbewegung zu gestatten. Aber trotzdem weiß dieses sie dazu zü benutzen. Wenn man sich an einem schönen Sommertag in der Nähe eines klaren Wasserlaufes befindet, dann wird man sich an den graziösen Bewegungen, den schillernden Farben der reizenden Insekten erfreuen, die hin und wieder sich aus dem Wasser nie-derlassen, um ein wenig zu trinken. Es sind die zierlichen, oft besnnge« neu Libellen. Die Beine dieser allerdings sind nngeiMM, bei jclder derselben aber das Hintere Ende des Unterleibes verschieden geformt, stets jedoch für Re Umarmung eingcrich-tet. Bei anderen Tierchen sind es wieder die Füße, mittels derer sie einander liebkosen und Re zü dem Zweck stachlige Anhänger haben oder mit rauhen Haar- büschelchcn besetzt sind.
Das Küssen allerdings, das Kater HMgeigei zu so tieffinnigen Betrachtungen anregte, ist den Insekten nicht möglich, dazu sind ihre Lippen viel zu steif, aber sie umfassen sich den Hals -mit ihren langen Kinnbacken. So suchen uNd finden nicht nur die Menschen, sondern airch. die Tiere, groß und klein, Mittel und Woge, um einander ihre Zuneigung zu beweisen; was man liebt, will- man eben möglichst nahe haben, so nahe, daß man cs de, rühren kann!
