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s». Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag S«» Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. L«» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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Mo. 37.

Verlags-Fernsprecher No. 2883.

Sonntag, den 22. Januar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1808.

Morgen - Ausgabe.

^ 1. WLatt.__

Die Gnrung in Rußland.

L. Berlin, 20. Januar.

Wir hatten heute die willkommene Gelegenheit, ein hervorragendes Mitglied der hiesigen russischen Kolome über die Zustände in Petersburg zu befragen, und wenn Mich mit der Möglichkeit gerechnet werden mutz, dag die inzwischen etwa einlaufenden Nachrichten die uns gemachten Mitteilungen überholen könnten, so dürfen die Äußerungen unseres Gewährsmannes jedenfalls ^Be­achtung beanspruchen. Denn es spricht aus ihnen die Erfahrung und das Wissen eines Mannes, der den Dingen seiner Heimat besonders nahestebt. unser Ge­währsmann bezweifelt nicht, daß es sich bei dem ominösen Kartätschenschutz um einen wahlvorbereiteten Anschlag aehandelt hat. Auf die Frage, ob man es glauben solle, daß Militärs solcher unerhörten Tat fähig seren, lvurde geantwortet:Warum nicht? Bei uns herrschen eben ändere Verhältnisse als in Westeuropa, und dre Garung greift tiefer, als die draußenste-henden Zuschauer ahnen. Der arme Kanonier, der die Kartätschenladung in dre Kanone tat, er und seine Kameraden, auch serne^ Vor­gesetzten an Ort und Stelle, sie alle sind gewrtz um schuldig, aber andere Hände lverderr das Wert vorbereitet haben, und es ist fraglich, ob man den Schuldigen wrrd fassen können." Frage: Man kann es verstehen, wenn ein Fanatiker aus nächster Nahe eure Bombe schlendert und fern Leben opfert, sicher, daß da.- bedrohte Neu mit vernichtet wird. Aber auf 600 Meter me Kartätschenlad.mg abfcnern, heißt, ein sehr ungewisses Ziel bestreichen, wie za auch der Erfolg Msbireb. Antwort:Wer sagt denn, daß er ausblreb? Viel­leicht sollte nur ein Einschüchterungsversnch unternommen werden, vielleicht sollte nur eine Panik erzeugt werden, aus der sich dann alles Wettere mit elementarer Not- Wendigkeit ergeben würde. Erinnern Sie sich daran, daß im Jahre 1870 eine Explosion rm Wnlterpalals stattfand Ein ganzer Saal wurde zerstört, ohne da,o et,i Menschenleben dabei vernichtet worden wäre. Tie Absicht war auch damals nur, nach oben hin zu warnen ilnd einznschüchtern, und mißlungen kann man jene Absicht eigentlich nicht nennen. Im ichrigen möge man w>r -abwarteii; es gehen in Rußland jetzt Tinge vor, die zu noch ganz anderen Entladungen ftchi-en können, wenn nicht beizeiten die unvern'mdlichen Lehren ans furchtbaren Anzeichen gezogen wenden Dao Gespräch berührte weiterhin die üt so bedrohliche Nabe geruckte Möglichkeit großer Straßendeinonstrationen in cheter^- burq Daß man es hier nicht mit einer planlosen Be­wegung zu tiln hat, daß vielmehr eine wohlgeordnete Organisation mit unheiinlicher Gewalt setzt zu Taten

zu schreiten entschlossen und auch fähig ist, zeigt sich sofort bei näherer Beobachtung der treibenden Kräfte. Es stellt sich immer mehr heraus, daß die Massen, die bis dahin dem Liberalismus gefehlt hatten, nunmehr durch die gewaltig angewachsene sozialistische Bewegung zur Verfügung gestellt werden. Die lifiemtotIntellek­tuellen" waren gleichsam Offiziere ohneMlrmee; jetzt findet sich die Armee ebenfalls ein und der gemeinsame Ansturm scheint unwiderstehliche Kräfte entfesseln zu wollen. Das merkwürdigste an der Bewegung aber ist, daß sie mit von Geistlichen geleitet wird. Schon vor mehreren Monaten hörte man, daß ein Priester namens Petrvw mit Feuereifer für die liberalen Forde­rungen wirkte; jetzt tritt ein anderer Priester, Agapon, bedeutsam und bestimmend in den Vordergrund, und zwar als einer der Leiter der sozialistischen Bewegung. Auf unsere Frage, wie es komme, daß die Geistlichkeit Hülsstruppen für die so stürmisch laut werdenden Neformbestrebungen stelle, wurde uns eine interessante Auskunft zuteil. Prvbedonoszew erntet _ neuerdings Früchte, die er bei der Aussaat gewiß nicht erwartet hatte. Die Sachlage ist diese: Die russischen Geistlichen, die ja wohl sämtlich verheiratet fin«V haben -das Recht, ihre Söhne kostenfrei in die Priestepseminave zu geben. Diese Seminare hatten bis vor etwa fünfzehn. Ich reu die Befugnis, Reifezeugnisse gleich den Gymnasien aus. zustellen, so daß die Zöglinge nach Absolvierung der Seminarkurse zu den Universitäten übergeben und eine Berufswahl nach Neigung und Fähigkeit treffen konnten. Die Folge war, daß die begabten Seminaristen andere Berufe als den des Priesterstandes wählten, und, daß Pobedonoszew somit nur gleichsam den Ausschuß übrig bebielt. Dies paßte ihm selbstverständlich nicht, und so nahm er den Priesterseminaren das Recht, für die Universitäten bprzu.be reiten. Wer die Seminare be­suchte, mußte PÄester werden. . Auf diese Weise ist die Geistlichkeit setzt mit einer Fülle, von Elementen behaftet, die sich in dom anfgezwungenen Berufe äußerst unzu­frieden fühlen, und die ihren Unmut in liberalen An- sichten und Forderungen entladen. Es sind das Ber- hältnisse. für die man bei uns und , wohl nirgends in Europa ein Beispiel finden wird. Tie eigentümlichen Bedingungen erklären den sonst gar nicht zu begreifenden Umstand, daß die revolutionäre Bewegung im Zaren­reiche mit von Geistlichen getragen wird.

Eine Mesennerslimmlung.

lBon unserem Spezialberichtcrstatter.)

X. Bochum, 20. Januar.

Wer Massenversanmrlungen sehen will, der muß ietzt ins Rnhrgebiet kommen. Ich bin schon in hundert imd aber hundert Versammlungen gewesen, aber. eine solche wie heute habe ich noch nicht erlebt. Ter Schützen- hos hier ist der größte Saal in Rheinland und West­

falen. Hier wurde 1.889 der Streik proklamiert, hier wurde 1893 der Sympathiestreik für das Saargebiet erklärt. Hier wurde der alte Bergarbeiterverband be­gründet; ebenso der christliche Gewerkverein. Es ist! also eine Art historischer Saal. Heute fj-atte der alte Verband die Bergleute morgens 10 Uhr zu einer Ver­sammlung ein geladen.

Der Verband war sehr vorsichtig» dabei zu Werke gegangen. Er hatte vorher die Punzei darauf auf­merksam gemacht, daß die Versammlung eine große Bedeutung gewinnen könnte. Eine etwaige Auflösung würde sehr böses Blut verursachen, Nur mit Genehmi­gung der Polizei wolle man sie abhalten. Die Polizei willigte ein. Und sie hat es nicht zu bereuen gehabt. Die Versammlung verlief geradezu mustergültig. Indes sagte mir der Kommissar selbst:W o di eBergleute organisiert sind, geht es immer ruhig z u. I ch k e n n e d asgarnichta n d e r s." Welcher Beweis für den Wert der Organisationen!

Schon % Stunde vor Beginn füllten 6000 Menschen die Versammlung. Alle Gänge waren dicht beseht. Die Polizei war außerordentlich nachsichtig. Da die Hälfte Menschen die Türen verschlossen fand, genehmigte sie auch, daß sofort im zweitgrößten Saal eine Pwrallel- versammlung abgehalten wurde ohne vorherige An­meldung. Man staune! Dkan ist so etwas gar nicht gewöhnt in Preußen. Wie anders hier als seinerzeit in Crimmitschau!

Die Versammlung wurde übevwacht von einem Kommissar in Zivil und zwei Uniformierten. Diese Herren waren so gelassen, daß sie sich ab und zu noch ans Telephon entfernten zu Informationen.

August Schröder, der Kaisendeputierte von 1889, der dann leider in den Essener Meineidsprozeß verwickelt wurde und infolge einer Verkettung von Umständen! ins Zuchthaus wandern mußte, ohne daß das seiner Achtung geschadet hat, eröffnete mit kurzen Worten che Versammlung und ersuchte um Ruhe und Ordnung'. Er hat recht gealtert. Dann referierten Kühme vom christ- lichen Verband und der Abgeordnete Sachse. Fast bis auf den hintersten Platz verstand man jedes Wort, solche Ruhe und Andacht herrschte im Saal. Die größere Hälfte mußte stehen und war doch wie angewurzelt. Nur ab und zu schallte ein kurzes, knappes Pftn! oder ein Bravo! durch die weite Halle, je nach dem die An­wesenden ihren Abscheu über die Mißstände oder ihre Zustimmung zu den Forderungen ausdrücken wollten.

Kühme ging die 14 Essener Forderungen durch und erläuterte sie. Die Achtstundenschicht, meinte er, ser heute nötiger als früher. In Niederschlesien förderten heute die Bergleute in 8 Stunden so viel -als früher m io Dann führte er einzelne Fälle an, wv' die Leute trotz aller Überstunden recht wenig verdient hätten. Den Rekord batte hier die ZecheLangenbrahm", wo m 22 Schichten nur 33 M. verdient worden wären. >->m Wagennullen hatte Oberhausen 1901 mit 34 000 Wagen

Feuilleton.

Bus meiner Mappe.

(g'iir dasWiesbadener Tagblatt".) Von Walther Schulte vom Brühl.

XXVI.

Theatevk»r«.

Der Heldenvater durchmaß mit großen Schritten da3 Konversationszimmer des Theaters. Seine Au-gen siruh- ten Blitze Er sah aus, als müsse er in dem neuen -stucke, von dem' gleich die Leseprobe stattfinden sollte, erneu siebenfachen Fluch über einen- ungeratenen. Sproßlrng

Was hat nur der Nussow? Er rst heut so kurro», so unheimlich", frag der Bonvivant den schüchternen Lreb-

I;a6 $' a hüpfte die Naive herein und rief: »Na, das rst aber mal nett vom Direktor. Gratulier Ihnen, Nussow, daß Sie aus der Sorge raus sind. Also auf ern ^>ahr

juciier . y ~ re© mittet

Die Kollegen traten auf ihn zu, chm glerchfnllv Mucr

zu lachte der Heldenvater grell und zog

einen Brief arrs seiner Tasche.Hahaha, verpestet bin ich, ein Aussätziger bin ich, und dies Vrehvolk gratuliert

mi Bis? du übergeschnappt?" frag der Bonvivant. Aber der andere schrie:Noch nicht, noch nicht ganz,

Kollege Aber ich müßte es sein, müßte der erbärmlichste S'ttmft, müßte ein Verräter an unserer Kunst sem, wenn ich einen Augenblick länger in diesem Affenkasten bliebe.

Na was ist denn nur los?" erkundigte sich der schwere Held.Set doch mal gemütlich."

Ungemütlich, sehr ungemütlich werd ich ihm wer-

er

den, diesem Sklavenhalter, diesem- . . drohend. .

Na, na, solltest gehen, dem Direktor danken , -mahnte ein Einsichtiger. ^

S o, s o werd' ich ihm- danken!" schrie der Helden- Vater zerriß -den Brief und schleuderte die Fetzeil dem Helden ins Gesicht.Hahah-a! Solch 'ne Beleidigung! Weiter engagiert unter der Bedingung, daßdas Mit­glied" sinBedarfsfälle" auch Statistenrollen über­nehme. Habt ihr gehört, statieren soll ich. Hahah-a! Mer ich werd's ihm stecken, ich werd's ihm geigen. Gleich geh' ich zn ihm hin", schnaubte- er, las -die Teile des Briefes auf und steckte sie wieder m tne Tasche.

Er ist oben gekommen. Er ist im Tirektionszimimer. Da geh nur gleich. Das ließ ich mir auch nicht gefallen", hetzte der Jntriguant.

Die anderen suchten den Wütenden zurückz-u-hMen, zu begütigen; aber der Heldenvater ritz sich los, ^ stürzte hinaus und stand gleich öarauf in tragischer Grosze vor

seinem Direktor. ^ ^ .. ^ ^ ~.

Was ist Ihnen deiin, lieber Nussow? Haben Sie Zahnschmerzen, oder sind Sie freudig erregt, datz tmr wieder für ein Jahr zusammenbleiben?" frug der-rheater- gewaltige behaglich, ....

Zusammenbleiben, wo man mich z,um -rotatisten 'ce- grwdieren will. Ich gehe, ich gehe!" keuchte der Mime. Statieren Sie selber, Herr Direktor." ,

Na, wenn Not an den Mann geht, kommt's mx auch -darauf nicht an", antwortete der ChefDoch « Sie wollen. Ich will Sie nicht halten. , Mer so auszu­regen brauchen Sie sich am Ende doch nicht. Hab s gut mit Ihnen gemeint. Und wenn, unsere erste Salon-.ame nichts bei -der Klausel findet ..."

Was, die Walsen -bleibt -7- bleibt mft der Statistra- klaufel im Kontrakt? Pfui, dreimal pM über die» Weib! Das ist Verrat an der göttlichen Kunst! Vertat an ruiserym priesterlichen Stande!" schrie -der Helden­

vater und machte Miene, als wolle er in tiefster Ent­rüstung ausspucken. ^ . .

Na, zerhaben Sie sich mal mch so", mahnte der Direktor.Uiid -am Ende ist's doch auch 'ne gaiiz nette Sache, 'neii Taler einzustretcheu, ohi,-e das Maul dastrv aufzumacheu." ^ ,

Der Heldenvater stutzte.Wird demr das Statieren

der Solo Mitglieder ertra bezahlt?" frag er beklommen.

Zöa selbstverständlich, 'nen Taler giibt's jedesmast Ich-will doch nichts geschenkt haben." ^

Der Heldenvater ließ feilt Kinn in dre Krawatte

sinken.Hm, hm", brummte er.Ich war da wohl

etwas erregt. Herr Direktor.Aber wenn die Malfen mit den gleichen Bedingungen weiter bleibt . . «

wollten mir wohl danken, lieber Nussow, daß ich's wieder ein Jahr mit Jhneii weiter riskieren will", fru-a der Direktor ungeduldig.

Ja, ja, das war die Absicht. Eben deshalb -war ich so frei, Sie zu stören, verehrter Herr Direktor. Dank, heißen Dank!" antwortete der Heldenvater und schüttelte dem Chef beide Hände, mit bewegter Stimme ver- sichernd daß das deutsche Theater Ursache habe, stolz zu sein auf einen so echt künstlerisch und gerecht empfindendeu Direktor, einen Direktor, an dein sich alle anderen Bühnen-Direktoren eilt nachahmenswertes Beispiel nehmen könnten.

XXVII.

Krttsame Krankheit.

Was ist denn eigentlich ans der polnischen Malerin^ aus" der Jlonko geworden?" frag ich den Maler, der ni-ich auf der Durchreise besuchte.Sie nahm doch ein- mol einen so mächtigen Anlauf und versprach vor allem> eine erste Koloristin zu werden." , . .

Er zuckte die Achseln»Es rst das eine ebenso eigen» artige, als traurige Geschichte, Sie hat den Färben. Raptus gekriegt und wird daran zugrunde gehen. Da«