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5». Jahrgang.

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^0. 36. Berlags-Fernfprecher No. 2958.

Kbenö-Ausgabe.

1. ZZl'crtt.

Politische Wochenschau.

Die lang mrgesanNnelte Unzufriedenheit unter den Arbeitern, die von den Führern anfänglich geschürt und erst zu spät gedämpft wurde, auf der einen Seite und die schroff ablehnende, jeglichen sozialpolitischen Vevcmt- wortlichkeitsgefühls entbehrende Haltung ber Zechenver­waltungen auf der anderen Seite haben in. dieser Woche die gefürchtete Katastrophe im Ruhr gebiet herbei- geführt. Nachdem die Zechenverwaltungen sämtliche Forderungen der Arbeiter, von denen nach dem nahezu allgemeinen Urteil der öffentlichen Meinung wenigstens ein Teil berechtigt ist, rundweg und ohne sich aus weitere Verhandlungen eingulafsen, abgelehnt hatten, prokla­mierte die Delegierteriversarmnlung der Arbeiter den Generalstreik, der ullterdessen auch in der Haupt­sache durchgeführt worden ist. Spät, allzu spät besann die prenßi'che Regierung sich darauf, daß sie auch da ist, und daß es ihre Aufgabe ist, hier, wo doch ungeheure öffentliche Interessen auf dem Spiele stehen, vermittelnd einzugreifen'. Die Regierung entsandte, offenbar auf Veranlassung des Ministerpräsidenten und Reichskanzlers Grafen Bülow, eine Kommission iir das Streikgebiet, um dort die Beschwerden der Arbeiter zu prüfen und vermittelnd einzugreifen. Bisher hat allerdings diese Kommission, und zwar wiederum infolge des schroff ablehnenden Verhaltens der Zechenverwaltungen, keine greifbaren Erfolge aufzuweisen.

Der Bergarbeiterstreik, der ja zurzeit in dem Mittel­punkt des Interesses steht, har auch bei der Etats- Debatte im preußisch e n Abgco rün et cn- Hause eine sehr bedeutende Rolle gespielt. Trotzdem hat sich die Etatsbevatiing im Abgeordnetenhaus: diesmal verhältnismäßig schnell abgewickelt, und sie wurde be­reits am Mittwoch zu Ende geführt, so daß sich das Haus seinen weiteren Aufgaben, vor allem der Erledigung des Ausführnngsgesetzes zum Reichsseuchengesetz und der zweiten Lesung'der Hibernia-Vorlage, Mvenden konnte. Der Reichstag setzte in dieser Woche die zweite E t a t s b c r a t u n g fort, wobei insbesondere beim Etat des Reichseisenbahnamtes und beim. Postetat der Regie­rung mannigfache Wünsche und Beschwerden zu Gemüte geführt wurden.

Eine ganz besonders scharfe Konfliktslust aber hat in dieser Woche in der B u dg e t k o m rn i s s i o n des Reichstags geweht, die, wie schon in der vorigen Woche, in ebenso' scharfer wie einmütiger Weise gegen

Oa§ EhLversprechen.

Novelle von I. H. Nosny.

Autorisierte Übersetzung von Wilhelm Thal.

(16. Fortsetzung.)

Cazelle triumphierte und warf einen Blick des Mit­leids auf seine Tochter, einen Blick der Bewunderung aus Miß Ellen. »Sie vermuten also, daß er Sie liebte?" fuhr Iivonne fort.

Ja, ich vermute es."

Und was hat seinen Gefühlen, Ihrer Meinung nach, eine andere Wendung gegeben?"

O, diese Gefühle haben sich zweimal gewandelt", versetzte die Amerikanerin mit lautem Lachen.Wenig­stens' zweimal. Er hat wohl geglaubt, mit einem armen Mädchen einen Scherz machen zu können. Zeit genug dazu hatte er ja."

Zeit genug?" fragte Jvonne.Warum ist er dann drei Wochen vorher zurückgekommen?"

Weil er sich schwach fühlte und sozusagen ferne Schiffe hinter sich verbrannte."

Ich möchte behaupten", sagte Cazelle,daß er den Ratschlägen seines Bruders nachgegeben hat, der weit errergischer ist, als er."

Das ist möglich!" gab Miß Ellen zur Antwort.

Jvonne Mite sich plötzlich sehr niedergeschlagen. Die schlummerlose Nacht sing an, sich bemerkbar zu machen. Sie fühlte ein heftiges Verlangen, zu schlafen, zu vergessen, doch unwillkürlich blieb etwas in ihr wach und sie sagte: . ,

Sagen Sie mir, Miß, ist der Brief der einzige dieser Art, den Herr Bernays Ihnen geschrieben hat?"

So einfach diese Frage war, so war sie doch noch nicht gestellt worden, und Miß Farnham konnte sie sich nicht vorder überlegt haben.

Sie zögerte, kaum zwei Sekunden, - aber dies Zögern fiel Jvonne auf. Ihre ganze Müdigkeit ver­schwand plötzlich, sie erhob sich von dem Sessel, auf dem sie gesessen hatte, während die Amerikanerin langsam erwiderte:Allerdings!"

Ist es Ihnen nicht seltsam erschienen", erwiderte

Samstag» den 21. Januar. _ «»

1905.

die Ehrfachen eigenmächtigen Etatsüberschreitungen der Regierung Stellung nahm. In der Mittwoch-Sitzung vertagte die Kommission die Beratung des für die Otavibahn bestimmten Postens bis zur Vorlegung des Vertrages mit der Otavi-Mineingesellschaft, und in der Donnerstag-Sitzung wurden die für die Vorarbeiten zur Bahn W i n h o e k - R e h o b o th ausgegebenen 200 000 M. nach einer sehr scharfen Debatte, bei der die Regierung recht schlecht absch-nitt, rundweg gestrichen. Erlitt so die Regierung aus dem südwestafrikanischen Kriegsschauplatz in der Budgetkominission cine^ böse Schlappe, so kamen dafür in dieser Woche vom Schau­platz der Kämpfe in Südwestafrika bessere Nachrichten. Die letzten Meldungen des Generals v. Trotha haben uns die erfreuliche Gewißheit gebracht, daß, allerdings nach schweren Opfern, der A u f st a n d d e r H e r e r o s völlig niedergeschlagen worden nnd daß ihr Widerstand gebrochen ist.

I:n Gegensatz hierzu erwecken die neuesten Meldungen dom ostasiatischen Kriegsschauplatz den Eindruck, als ob die R u s s e n unter Kuropatkin, die bisher in untätiger Defensive verharrten, nun endlich den lange angekündigten V o r st o ß unternehmen wollen. ^ Freilich, wenn auch die russische Defensive der Offensive Platz machen sollte, so ist damit noch nicht gesagt, daß sich damit auch das Blatt zu ihren Gunsten wenden wird'. Werden doch die erneuten Kraftanstrengungen Rußlands gehemmt durch die zunehmende G ä r u n g im Lande, die in mehr, fachen A r b e i t e r a u s st ä n d e n, in erneuten Protest­kundgebungen, in den massenhaften. Desertionen der Reservisten und in dieser Woche auch wieder in mehreren A t t e n t a t e n , so vor allem in dem Anschlag aus das Winterpalais ihren unheimlichen Ausdruck gefunden hat. Unterdes geht die so pomphaft angekündigte Resormaktion ihren Krebsgang weiter, wenn auch der Versuch der Partei Pobjedonoszews, den verhaßtenReformminister" Swiatopolk-Mirski zu stürzen, allem Anschein nach mißlungen ist, wenigstens für jetzt!

Schlechter als dem Fürsten Swiatopolk-Biirski ist e3 seinem französischen Kollegen, demReformmmister" Comb es, ergangen, den freilich die unzufriedenen Radikalen als den Ministerpräsidenten der vereitelten Reformen bezeichnen. Das Kabinett Combes hat sich für französische Verhältnisse erstaunlich lange, nämlich mehr als 2Z4 Jahre, gegen den Ansturin der Nationalistisch- klerikalen Opposition gewehrt, und es hätte sich noch länger behauptet, wenn sich nicht die Unzufriedenen aus dem eigenen Lager zu der Fronde geschlagen hätten. Der Sieg der Opposition ist denn auch nur ein halber. Sie haben nur eine Person, nicht ein System gestürzt; d a s Kabinett geht, aber der Kurs der Regie­rung bleibt veralte!

Jvonne lebhaft,'daß er Ihnen so plötzlich einen so kompromittierenden Brief schrieb? Und glauben Sie nicht auch", fügte sie energisch hinzu,daß ich mit -gutem Grunde über den abweichenden Ton der Billets und den des Brieses überrascht bin?"

Auch Cazelle hatte sich erhoben; er fühlte sich unbe­haglich. Er hätte die Empfindung, seine Tochter Miß­bräuche die Situation, sie belaste Miß Farnham unge­rechter Weise, und gern hätte er der letzteren ihre Ant­worten souffliert. Trotzdem beherrschte ec sich, doch aus seinem Gesichtsausdruck konnte man entnehmen, daß er die Worte der Amerikanerin billigte, tote es die Exami­natoren bei einem von einflußreicher Seite empfohlenen Kandidaten tun.

Sie vergessen, daß dem Briefe Zusammenkünfte vorhergingen", erklärte NUß Farnham mit zitternder Stimme,und vergessen ferner, daß dieser den Bruch verkündende Brief notwendig war."

Cazelle nickte bereits zustimmend mit dem Kopfe,

als Jvonne eifrig fortsuhr:

Im Gegenteil. Dieser Brief war durchaus nicht nötig. Ich werde nie begreifen, daß ein verliebter Mann der Versuchung widerstanden hat, der von ihm geliebten Frau ein zärtliches Billet zu schicken. Und noch weniger begreife ich, daß er, den Sie für klug und vorsichtig halten, einen Brief geschrieben halben soll, rn welchem er mit Ihnen brach; wußte er doch ganz genau, daß dieser Brief ihn den Gerichten Ihres Landes un­weigerlich überliefern imrtzte." ,

Die Amerikanerin zuckte die Achseln.

'Ihre Behauptungen werden beleidigend", murmelte sie,ich bitte das wohl zu bemerken."

Sie sind sehr empfindlich. Miß. Und doch haben Sie keinen Augenblick gezögert, sich in eine Affäre ern- zulassen, bei der Sie aus etwas Misstrauen gefasst sein mußten . . . Dieses Mißtrauen ist, wohl verstanden, nicht gegen Sie direkt gerichtet, aber die Gerechtigkeit einem alten Freunde gegenüber, wird sie wohl entschuld­bar erscheinen lassen."

Ich habe materielle Beweise, geliefert, die^einzigen, auf die sich ein Amerikaner einläßt ... Es ist nur zu leicht, mit Moralischen Beweisen zu jonglieren."

Der iofjlefiöiiieiteraiislianö int Mihnevier.

hd. Dortmund, 21. Januar. Die Zahl der Aus- ständigen hat sich noch erhöht und beziffert sich jetzt auf 210- bis 250 000 Mann.

hd. Essen, 21. Januar. Gestern nachmittag beschlossen hier die Vorstände der vier Bergarbeiter-Verbände, jeden' Streikenden, der mindestens zwei Monate der Organisation angehört, wöchentlich mit 10 Al. und mit 50 Pf. für jedes Kind zu unterstützen. Die übrigen, auch die unorganisierten Arbeiter, erhalten 9 M.

hd. Bochum, 21. Januar. Wie verlautet, wird bei andauerndem Streik die Zeche Engelsburg still gelegt, da sie ohnehin unrentabel ist und der Betrieb bisher nur im Interesse der Arbeiterschaft aufrecht erhalten wurde. Heute soll 'der Bvchumer Verein seine Beffemer Schmelze wegen Kohlenmangel still legen.

hd. Bochum, 21. Januar. Der Landrat von Bochum Hat die SichexHertsbemüHun'gen der Organisation ver­boten. Ans Zeche Kaiferstuhl find Totschläger angefertigt worden, die man den Arbeitswilligen als Masse rn die Hand gibt. Die Totschläger bestehen aus abgehauenen Stücken von Förderseilen. An den Enden find dieselben mit einem eisernen Ring umschlossen.

wb. Berlin, 21. Januar. DieVoss. Zig." berichtet ans Essen: In 18 Bergrevieren ist die Zahl der Ar. beitswilligen gestiegen, in 5 Revieren zurückgegangen. Kleinere Ausschreitungen werden von verschiedenen Gegenden gemeldet, doch gaben sie keinen Anlaß zu be­sonderen Maßnahmen. Inr Bochumer Revier wurden allenthalben wegen des Ausstandes die Festlichkeiten zu. Kaisers Geburtstag abgesagt.

. Bremen, 21. Januar. Die oldenbuvgische Eisen- bahndirektion bestellte, um allen Eventualitäten vorzu- beugen, bei einer englischen Firma 100 Waggon Kohlen. Die oldenburgische Glashütte hat infolge Kvhlenmangcls einen Ofen ausgeblascn nnd die Arbeitszeit verringert.

hd. Köln, 21. Januar. Nach Mitteilungen der Hie­sigen Eisenbahndirektion fallen allein ans der rechten Rhcinseite von heute ab infolge des Bergarbeiterstreiks 30 Güterzüge aus? Der Verkehr dürfte spater noch wei- tere Einschränkungen erfahren.

hd. Paris, 21. Januar. Die Wirkung des Streiks im RuHrrcvier ist auch in Frankreich zu spüren. In Franz iMch --Loihringen sind einige Fabriken auf Ruhr- kohle angewiesen. Dort herrscht jetzt große Verlegenheit. Man siicht notdürftig Ersatz durch belgische Kohle herbei, znschasfen.

tvh. Montreal, 20. Januar. Die Dominion Coal Company trifft Vorbereitungen, Kohlenverschiffungen rach Deutschland ins Werk zu setzen angesichts der Lage, die durch den Airsstand im Rnhrgebiet geschaffen wür­den ist. _

Ich finde das sehr richtig", unterbrach Cazelle.Die Dinge kommen im Leben selten so 3 ufta:n'& ! e, wie man es sich denkt. Wenn es auch' logisch wahr ist, daß Fvanyors Bernays zwischen seinen gleichgültigen Billets mW seinem Mbschiedsbrief, noch andere Briese .geschrieben haben muß, so ist das doch kein Argument, das einen materiellen Beweis umzustoßen vermag."

Ich habe ja auch gar nicht versucht, einen materiellen Beweis umzustoßen", sagte Jvonne, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen.Ich fragte mich nur, ob ein Grund vorhanden ist, die ganze Angelegenheit einer neuen Untersuchung zu unterziehen . . . Da die Echtheit dieses Abschiedsbriefes bestritten wird, so möchte ich wissen, ob dieser Brief der Logik der Tatsachen entspricht oder nicht . . . Nun ist es aber außer jedem Zweifel, daß zwischen dem letzten Billet und diesem Abschiödsbriefe, die nur durch einen Zwischenraum von fünfzehn Lägen getrennt sind, ein recht heftiger Widerspruch besteht."

Ellen Farnham schien den Entschluß gefaßt zu haben, nicht mehr zu antworten, denn wieder entgegnete Cazelle:

Auch das läßt sich erklären, denn Bernays kann den letzten Brief recht wohl unter der Einwirkung eines fremden Einflusses geschrieben haben, zum Beispiel unter der Einwirkung des Herrn Charles Bernays."

Glauben Sie das auch?" fragte Jvonne die Amc-

cikanerin.

Fa. Aber ich erkläre noch einmal, daß ach solchen Sprüngen 'der Phantasie nicht die geringste Bedeutung beilege.' Hätte ich keinen materiellen Beweis, so hätte ich nicht gewagt, Herrn Bernays bei Ihnen zu verklagen. Deshalb halte ich es für richtig, wenn Sie ebenfalls nicht über meine Beweise hinausgchen." f

Warum haben Sie auf diesen Brief, nicht geant-

wartet?" .

Wieder einmal zögerte Ellen Farnham ein Wert­ste n, und Jvonne sah, wie ihre Lippen zitterten. Trotz- dem erfolgte die sehr plausible Antwort:

Ich war entrüstet und wollte meinen Ärger nicht zeigen . . . Ich schwankte einige Tage, ob ich einen Prozeß anstrengen sollte, dann bot sich mir die Gelegen.

heit der Rache," , ,

(Fortsetzung folgt.).