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sa. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

2AMOG AKormenten.

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38 . Verlags-Fernsprecher No. 2933.

l» 1

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

Las ist eine Revolution".

Der verhängnisvolle 14. Juli 1789 war der $£03, -an Dem mit dem Sturm auf die Bastille die große Revolu­tion in, Frankreich- einfetzte, die in blutigen Kämpfen alles Bestehende über den Haufen warf und eine neue Ära in Frankreich einleitete. In Versailles, wo König Ludwig XVI. in völligem, Unverständnis der ungeheuren Bewegung, die durch das französische Volk ging, schwankend und unentschlossen auf irgend ein rettendes Ereignis wartete, traf die Nachricht von der Erstürmung der Bastille erst in der Nacht zum 15. Juli ein, als der König sich bereits zur Ruche begeben halte. Der Ober- garderobenmeister, der Herzog von Liancourt, übernahm das schwere Amt, den König zu wecken und ihm von dem, was in Paris geschehen war, in Kenntnis, zu setzen. Der König, so berichtet uns die Geschichte, richtete sich bestürzt im Bette auf und. rief aus:Das ist also eine Revolte?" Nein, Sire", erwiderte der Herzog,das ist eine Revolution!"

An diesen denkwürdigen historischen Vorgang hat Fürst Trubetzkm, einer der besten Patrioten Rußlands, unlängst den Aaren in der Audienz, die er bei ihm hatte, mit deutlicher Anspielung auf die Ähnlichkeit der Lage iru jetzigen R u ß l a n d und im damaligen F r a n k reich erinnert. Fürst Trubetzkoi hat sein offenes Wort und seine ehrliche Vaterlandsliebe mit der allerhöchsten Un­gnade des Zaren bezahlen müssen, der in -diessm Falle ebenso handelte wie jener Mann, der seinen Barometer zerschlug, weil er ihm schlechtes Wetter ankündigte.

Es soll keineswegs geleugnet werden, daß der Zar in letzter Zeit hin und wieder Ansätze gemacht hat, den Ernst der Lage zu erkennen und der mächtig anwachsen­den, unaufhaltsamen Gärung in Rußland gewisse Zu­geständnisse zu machen. Daß Nikolaus II. nicht auf dem schroff ,ablehnenden Standpunkt seines Vorgängers steht, hat er durch Berufung des reformfreudigen Fürsten Swiatopolk-Mirski zum Minister des Innern bewiesen. Dieser im. Grunde des Herzens liberal gesinnte Mann hat offenbar erkannt, daß die Stunde des AbsolutisnmZ geschlagen hat, und daß die Herrschaft des Zarismus nur Mach durch ein mehr oder minder großes Entgegen­kommen' gegen die aus eine konstitutionelle Verfassung gerichteten Wünsche der überwiegenden Mehrheit des russischen Volkes zu halten ist. Aber die unter ,der .Leitung Pobjedonoszews, des Oberprakuvators des Heiligen Synod, stehendekleine, aber mächtige Partei"

Feuilleton.

pariser Vrief.

öttje und Stratzcnphysivgnomie. Politik in der Werkstatt. 5>ic politrichc« Cafes. Krüeii-Diners. Kriscn-Bälle. Kriscn-Literatnr.

Paris, 10. Januar.

Die Pariser sind entschieden viel ruhiger.d skepti­scher in politischen Fragen geworden, und das zwar seit 'der Niederdrückung des Boulangismns und dem Drcy- fushanüel. Das merkt man jetzt recht deutlich, da trotz der aufregenden Enthüllungen über Angebereien in der Armee, über Freimanrernmtriebe und cuchererseits repn'blikfeindltch: Anschläge und trotz der Regierungs­krise, die sich unter so eigenartigen Umständen absprelt, In der Physiognomie des S-traßenlebcns nichts Aüffälli- ges hervortritt. Selbst die Camelots schreien nicht lauter und stürmen nicht schneller daher als irr normalen Zeitläuften, da die Zeitungen mit den früher so über- reichMcheir Extraausgaben sehr zurückhaltend geworden sind. UNd wenn man den Gesprächen in den Easäs Und sonstigen öffentlichen Lokalen zuhört, mutet es ganz fremdartig an, daß man fast gar keine Streitereien über die brennenden Tagesfragen vernimmt. Im Gegenteil kann man häufig die ergötzliche Wahrnehmung machen, daß nationalistisch und republikanisch denkende Bürger, nachdem sie recht sachlich ihren Standpunkt vereidigt haben, sich rührend übereinstimmend dahin äußern, daß «die Politiker, wie sie sich auch betiteln mögen, sämtlich farceurs, wenn nicht gar Canaille« sind.

Die Arbeiter sind freilich etwas lebhafter und auf­geregter, so daß in den Vorstädten die Krisenstimmung sich doch etwas offenbart. Da aber die Widersacher nie dieselben Lokale besuchen, sondern sich stets räumlich ge­trennt halten, so verpufft der angesammelte Bcgeiste- rungs- öder Entrüstungsvorrat ohne vefondere Zrvischen- sälle. Höchstens kommt es hier und da in den Werkstätten jzu Auseinandersetzungen, die aber stets schnell von den Wo r ge setzten beschwichtigt werden.

Es gibt aber doch Orte, wo man ans den ersten Blick bemerkt, daß etwas Besonderes vorgeht. Noch haben sich in Paris einige Lokale dem nivellierenden WÄtstadt-

Samstag, den ZI. Januar.

ist mit einem einer besseren Sache würdigen Eifer be­flissen, die. Nefo vmb estrebungen des Ministers des Innern und der modern gesinnten Berater des Zaren zu durchkreuzen.

Unentschlossen und unselbständig, wie er war, schwankte der Herrscher zwischen beiden Richtungen; sein Handeln machte den Eindruck, als probiere er immer nur: fand er Widerstand, so trat er zurück.- Natürlich raubte dieser Mangel an Festigkeit mehr als alles ihm Ansehen und Geltung. Er war bereit, für sein Volk Opfer zu bringen, die königliche Gerechtsame zum Besten des Ganzen einschränken zu lassen, denn er war der liberalste Mann vom ganzen Hofe. Wer daß er es tun würde, wenn eine ganze Partei bei Hofe sich ihm ent- gegenstslle, ließ sich von ihm nicht. erwarten." Diese Worte sind keine Erfindung von heute, sondern nur ein Plagiat. Wir finden sie in einer Geschichte der fran­zösischen Retmlution von 1789 zur Ehamkterisierung Ludwig X VI. von Frankreich.

Pont comme cliez nons! Alles wie bei uns! So mag Man wohl in Rußland sagen. In der Tat, ebenso wie der Charakter und das Verhalten des Zaren an den voll den besten-Absichten beseelten,! aber haltlos und un­entschlossen hin- und lherschwankenden Ludwig XVI. er- innern,, so mahnen auch die Zustände im heutigen Ruß­land in geradezu erschreckender Weise an die Lage in Frankreich vor dem Ausbruch der großen Revolution. Alles ist im Reiche des Zaren in wilder Gärung. Solange sich die revolutionäre Bewegung auf die Studenten, bei denen sie einsetzte/ beschränkte, glaubte man ' sie mit der Knute ersticken zu können. Aber -als sie aus die Arbeiter und sogar auf die träge Masse der Bauern Wergriff, als endlich auch ein großer Teil der' Besitzenden und Ge­bildeten, sa sogar Angehörige der Beamtenschaft, des Offizierskorps und des AdÄs, in das Verlangen nach Reformen einstimmten, als selbst der Kongreß der Semstwos die ParoleReform oder Rebolution!" auf­stellte/da endlich begann es bei dem Zaren zu dämmern.

Es fragt sich jetzt und davon hängt die weitere Entwickelung Rußlands ab wie weit diese Zären- dämmernng gehen und ob Nikolaus II. aüf die Partei­gänger des Fürst«: Swiatopobk-Mirski oder auf die Pobjedonoszews hören wird. Die wachsende Erregung der Massen, die Kuüehinenden Attentate, die sich in letzter Zeit in erschreckender Weise gehäuft haben, der Wider­wille ber Bevölkerung gegen den Krieg mit Japan und die massenhaften Desertionen der Reservisten sollten den Zaren darüber belehren, daß das Ende des jetzigen Regimes, des Absolutismus, unaufhaltsam hevannaht. Wird es, das ist die schicksalschwere Frage, durch den Zaren dekretiert wenden oder durch die Revolution?

treiben zu entziehen vermocht, und in ihnen finden sich interessante .Gruppen von Parteiführern und von Männern zusammen, die für das politische Leben alle ihre Geidanken uns ihre Tätigkeit aufgespart haben. Es sind dies keine Lurns-Casäs mit art- 110 uvearNAnsstattung und geschniegAten inaitre« ll'Iiütel, sondern einige kleine, verräucherte Lokale in abgelegenen Straßen, be­sonders in der Umgehung des Palais Bo'urbon und des bekannten Zeitnngszentrnms an der Rne Montmartre, des Croissant. Hier kann man auch die Herren in eifri­gen Gesprächen sehen, deren Namen für die verschiedenen Minister-Portefeuilles hauptsächlich genannt werden. Und welche Überraschungen kann man da haben!

«In ein Ca der Rue de Bonrgvgne, ein altes, echt Pariser Cafp mit roten Plüsch'bäNkcn, kleinen, goldstw- rähmten Spiegeln und weißen Marinortischchcn, tritt ein gedrungener, dunkler, noch jugendlicher Manu mit einem Kneifer vor den durchdringenden schwarzen Augen. Er geht aus einen 'sehr hoch gewachsenen, älteren Mann mit vornehmen und sympathischen Gesichtstzügen eilends zu. Bald sind sie in ein mit halblauter Stimme geführtes, eifriges Gespräch vertieft.Schau, schau, was mögen da wohl Millerand und Ribot zusammen ausheckeu?", raunen sich die Gäste in die Ohren. Aber hier ist man diskret und läßt die beiden Politiker sich! ruhig ans- sprccheu, ohne sie durch Hinstarren zu belästigen.

In den Lokalen um den Croissant hat Man in der Nacht Gelegenheit, vielen der wahrschAnlichen oder doch möglichen künftigen Minister zu begegnen. Sie suchen dort die letzten Nachrichten des Tages zu erhalten und verschmähen es auch nicht, Mit den um diese Zeit dort sehr zahlreichen Journalisten, sogar den ausländischen, einige Bemerkungen über die Lage auszytauschen. Die Partei'nntepschiede verschwinden da ganz, und es herrscht ein sehr liebenswürdiger, kameradschaftlicher Ton vor. Das hindert freilich nicht, daß die Journalisten sich dann hinsetzen und gegen den eben so kollegial Begrüßten einen heftigen Schmähartikel niederschreiben, in dem die harmlosesten Auslassungen des eilfertigst Interviewten in nnglaublichster Weise entstellt werden: denn was aus !dew Zeitungspapier steht, ist besonders in KriseUze-iien unverbindlich.

Eine ganz besondere, typische Einrichtung der aller­letzten Periode sind die Krisen-Tiners uNd die Krisen-

Redaktions-Fernsprecher No. 32. 1908.

KoLitilche Übersicht.

Die Börsengcsebreform.

Die Börsengesetzreform, die schon so häufig auf unbe­stimmte Zeit vertagt worden ist, gewinnt nun endlich Aussicht, zur Wirklichkeit zu werden. Die zu ihrer Be­ratung eingesetzte Kommission hat nun ihre erste Lesung beendet. Wie uns aus parlamentarischen Kreisen be­kannt geworden ist, hat die ursprüngliche Abneigung gegen eine Abänderung der gegenwärtigen Bestimmungen über verschiedene Seiten des Börsengeschäfts angesichts der offenbaren Schädigung der deutschen Söörfe zugunsten des Auslandes frLundlicheren Auffassungen Platz ge- macht. Namentlich die Bestimmungen über den Differenz- cinwand, dessen Anwendung jetzt vielfach unter Ver­letzung aller Gebote über Treu und Glauben zur Aus- führung niedriger Spekulationen stattfindet, sollen eine erhebliche Verschärfung erfahren. Als grundlegende Vorschläge der Kommission sind hier hervorzuheben, daß die Nichtigkeit des Differenzemwandes in eine bloße An­fechtbarkeit verwandelt und daß ferner die Eintragung ins Handelsregister der ins Börsenregister gleichgestellt werden soll. Ein zur Zeit des Geschäftsabschlusses ins Handelsregister -eingetragener Kaufmann kann in Zu­kunft den DifferenZeinwand ebenso wenig erheben wie ^der' Kaufmann im Börsenregister. Nicht weniger wichtig ist die zeitliche Begrenzung in der Erhebung des Diffe­renz oinw an des. Es wurde beschloss^, daß nur ein vor Ablauf von 6 Monaten nach Mitteilung über das Er­gebnis des Geschäfts erhobener EinwaNd als rechtsgültig anzufehen sei. Bisher kann bekanntlich der Differenz- eiNwand ohne zeitliche Beschränkung, also eventuell noch nach Jahren erhoben werden. Hinsichtlich der gestellten Sicherheiten wurde endlich der Vorschlag des Regierungs, entwinfs angenommen, daß vor dem Eingang des Ge­schäfts bestellte Sicherheiten haften sollen, sofern der Be­steller schriftlich erklärt hat, daß die Sicherheit zur Deckung von Verlusten aus 'Börsengeschäften dienen soll« Ein wissenschaftlicher Streit als Krupp-Erinnerung.

Beim Ableben Krupps ist bekannt geworden, daß er. Stifter der Summe von 30 000 Mark war, die für die besten Arbeiten über die Nutzanwendung aus der Darwin- scheu Theorie auf die Gesetzgebung, insbesondere die Sozialpolitik, ausgesetzt worden waren. Es wurden zwölf Preise verteilt. Ein mit 2000 Mark Gekrönter« Dr. Wöstmann in Eisenach, wies den Preis zurück, weit die Zeit von drei Monaten zu einer gewissenhafte» Prüfung nicht ansgereicht habe. Man lachte damals« weil man sagte, Woltmann habe sich auf den ersten Preis gespitzt. Da Woltmann aber jetzt dem Preisrichter Pro-

Bälle. Die ersteren werden für die aussichtsreichen Politiker veranstaltet, und zwar entweder von Personen, die selbst ehrgeizige Absichten haben, oder von schwer- reichen Finanziers und Kaufleuten, die mit ihren politi­schen Bekanntschaften prunken wollen, dabei aber Biel» leicht auch Privatinteressen verfolgen. In dieser Hin- sicht hüben sich Senator Jeair Dupuy, drr ehemalige LaNdwirtschaftsmlinist'er des Kabinetts WaldeckMousseau: und lBäsitzer des einflußreichen BoKsblattesPetit Parisien", und der Hänpteigentümer desLouvre"-!Kauf- 'hanses, CHauchard, einen besonderen RNf wegen der Erlesenheit der Speisen und Weine erworben. Herr MilleraNd, der den RamienLuLullussvKialist" als gourmet von seinen Gegnern erhalten hat, wird bei die­sen Veranstaltungen besonders bevorzugt. Für 'Mc Reporter ist es deshalb ein Sport geworden, nebenbei ein einträglicher, nachhusorschen, bei wem die ministrablas" eingeladen sind, und was bei den Diners konsumiert tou°&.

Die Krisen-Bnlle dagegen haben ganz andere Zwecke und ganz andere Ehrengäste. Um jeden Ministerkandi- daten und jeden Politiker schwärmen junge Männer als Sekretäre oder Satelliten. Diese werden von den Müttern heiratsfähiger Töchter das gibt's nämlich auch in Paris. als gute Partien aufs Korn genommen. In Kri'senizeiten wächst natürlich die Bedeutung d-ieser Jünglinge, da ihre Protektoren zur Macht gelangen »nd ihnen gute Posten verschiafsen könnten, und deshalb finden die fürsorglichen Mütter plötzlich das Bedürfnis, Haus-- bälle zu veranstalten. So wirken Ministerkrifen a'uch ehestiftend, und der Sen-ator P'iot, der Apostel für die Wiederb-wölkerimg Frankreichs, könnte vielleicht ans die­ser Feststellung Anlaß nehmen, für eine häufigere Wiederholung der Kabinettskrisen züm Wohle des Vater, landcö im Parlamente cinzutreten.

Skuch eine literarische uNd dramatische Beeinflussung, allerdings in sehr engen Grenzen, üben die Miwist««- krifen aus. DieDichter" der Straßenchansons müssen nämlich ihren Pegasus für alle Eventualitäten satteln« um die neuen Minister zN begrüßen, das heißt gewöhn­lich, gehörig aNzuulken, und die RevüeNversasscr müssen daraus sinnen, dem Drange der Aktualität folgend, Ministerkrisenszenen in ihre gerade irr dieser Saison' florierenden Schöpfungen eintz'usügen. Die schwerste MNl^'