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58. Jahrgang.
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Verlag: Langgasse 27.
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33. Verlags-Fcrnsprecher No.
Freitag, den 20. Innnnr.
Nedaktious-Fernfprcchcr No. 82.
1883.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt.
Sozialpolitische Umschau.
— Mitte Januar. —
Es dürfen keine Maßregeln unterstützt werden, die darauf hinausgehen, aus ganz Deutschland eine grotze Versicherungsanstalt zu machen. Das ist die von Graf Posadowsky jüngst im Reichstage ausgesprochene Ansicht der Reichsregieritng. Diese Anschauung mutz grundsätzlich festgehalteu werden. Der Staatssekräär warnte vor einer Überspannung des Versicherungspringips, das Mangel an Energie erzeuge und das Gefühl der Selbst- vevantworrnng für das eigene Schicksal vermindere. Namentlich wandte er sich dagegen, den Versicheruirgs- Kwang ans Berufskreise anzuwenden, die von ihm -nichts wissen wollen. Das ist bei den selbständigen Handwerkern meistens der Fall. Nach einem vom'Reichstage angenommenen Anträge sollen in ihren Kreisen Erhebungen über die Grundlagen für eine obligatorische Alters- und Jnvaliditätsversicherung angsstellt werden. Der Gedanke ist in den beteiligten Kreisen bereits seit Jahren erörtert und ist, soweit sich überfchen läßt, meistens abgelehnt worden; namentlich in Süddeutschland. Die Handwerker wollen ihr Schicksal in der Hand behalten. Sie lehnen es ab, den Arbeitern gleichgestellt zu werden. Der richtige Weg, dem- Handwerk auszn- helfen, ist die Zwangs-Versicherung unter keinen Uni- ständeir; im Gegenteil. Sie wird zu den zahlreichen Illusionen, die man, zum großen Teil aus parteitatl- tischen Erwägungen, im Handwerkerstand erweckte, eine neue hinzufügen. Man wird den Handwerkern ein bedeutendes Stück Selbständigkeit unter den Füßen weg- ziehen, weil mau ihnen das Vertrauen in die eigene Kraft noch mehr erschüttert, als es schon ohnehin durch eine verkehrte Mittelstandspolitik mit ihren großen Erwartungen ans die angeblich allmächtige Staatshülfe geschehen ist. Will man auch die selbständigen Erwerbs- treibenden zwangsvevsichern und bei den Handwerkern anfangen, wo bleibt dann das Ende? Die Kleinkaus- leute, die Landwirte, zahlreiche wissenschaftliche Berufe leben in ähnlichen Verhältnissen wie die Handwerksmeister, und sie haben das gleiche Recht aus Versicherung mit Staatszuschuß. Gras Posadowsky fragt völlig zutreffend : was bleibt dann eigentlich noch übrig von nicht zwangsmäßig Versicherten? Eigentlich nur die sehr Wohlhabenden und die ganz Reichen. Eine ganz andere Frage dagegen ist es, ob unter den heutigen „Meistern" sich nicht in einzelnen Gewerben, z. B-. der Schneiderei und Schuhmacherei, eine recht große Anzahl von Hausindustriellen verstecken, und ans diese die obligatorische Versicherung gegen Invalidität und Krankheit auszn- dchnen, würde allerdings mit ganz anderen Gründen und aus ganz anderen Gesichtspunkten heraus befürwortet werden können, als die Versicherung des selbstständigen Handwerksmeisters. Alles sollte aber aufge-
boten werden, um in den Kreisen der Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden die freiwillige Versicherung in noch weit umfangreicherer Weise Platz greisen zu lassen als bisher. Gegen das Versicherungsprinzip soll nichts eingewendet werden, nur gegen die auf staatliche Subventionen abzielende rasche Ausdehnung der Zwangs- Versicherung kann man vorläufig noch Bedenken erheben.
Eine jetzt besonders wichtige Frage ist ferner die Änderung des Bergrechts. Von seiner Reform ist das Wohl Hunderttausender abhängig. Es ist eine Materie, deren Regelung der größten Gründlichkeit und Vorurteils, losigkeit bedarf. Die heutigen Zustände sind ganz unhaltbar. Sie widerstreben unserem modernen Rechtsbewußtsein, denn sie lassen, festhalteud an Patriarchalischen Überlieferungen, die heute in der Praxis längst nicht mehr befolgt werden, noch befolgt werden können, die Bergleute ohne genügenden Rechtsschutz. Die ver- altete Partitülargefetzgebuug muß durch ein einheitliches Reichsberggesetz obgelöst werden. Natürlich stößt das in manchen Kreisen aus heftigen Widerspruch „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort." Selbstverständlich ist es nicht die Liebe zum Hergebrachten, die widerspricht. Man ahnt, daß man in tote neuen Schläuche nicht den alten Geist füllen wird, und den neuen Geist will man nicht. Man sträubt sich dagegen, den Bergarbeiterschutz weiter auszu,dehnen; und noch fehlt ans vielen Gruben selbst jede Badegelegenheit für die Arbeiter! Namentlich wendet man sich gegen eine im Reichsbergrecht vielleicht festzulegende und sehr notwendige Verkürzung der Arbeitszeit in den Gruben und gegen die dem vorwärts blickenden. Sozialpolitiker eigentlich ganz selbstverständliche und praktisch bewährte Mitwirkung der Arbeiter bei der.Überwachung der Schutzmaßregeln unter Tage. Auch, mit dem befürchteten Verbot der Frauenarbeit aus den Werken und mit der unumgänglich notwendigen und schleunigst durchzuführenden Reform des heutigen Knappschastswesens will man sich nicht befreunden. Heute verlieren die Bergleute ihr durch oft beträchtliche Geldopfer wohlerworbenes Recht an die Knappschaftskasseni sobald sie ans der Arbeit entlassen werden! Dadurch sind die Bergleute aber in ihren vornehmsten staatsbürgerlichen Rechten beschränkt. Das Bereinigungsreckst wird für sie vielfach illusorisch, denn sobald sie sich Politisch bei der Grubenverwaltung mißliebig machen, „fliegen" sie. Zahlreiche Bergleute, die bei Lohnbewegungen irgendwie hervortreten, haben das am eigenen Leibe erfahren- Sie „flogen" und mit ihnen ihre Ansprüche an die Knappschaftskassen, obwohl einzelne von ihnen Beiträge in Höhe von über tausend Mark — für einen Arbeiter ein Vermögen —geleistet hatten! Hier muß die Reichsgesehgebung unbedingt und endlich ein- greifen. Ter Zentrumsabgeordnete Stötzel, der in den westdeutschen Bergwerksbezirken gewählt ist, hat einen vom Reichstage angenommenen Antrag auf Regelung des Bergrechts durch das Reich gestellt; eine von Auer ein- gebrachte sozialdemokratische Resolution, die auf Verkürzung der Schichten, einheitliche Gestaltung des Knappschaftswesens usw. dringt, wurde der ReichS- rsgierung als Material überwiesen. Bei der Erörterung
waren namentlich auch die Ausführungen des polnischen Abgeordneten Korfanty beachtenswert. Er wies darauf hin, daß im Osten des Reichs die lange Arbeitszeit; geradezu kulturwidrig wirke. Der Arbeitgeber kämpfe dort zwar gegen den Alkoholismns der Arbeiter, aber ohne Verkürzung der langen Arbeitszeit sei ein nennenswerter Erfolg nicht zu erzielen, denn es fei dem Arbeiter, der 14 Stunden tätig fei — wohl mit Einfahrt und Ausfahrt und den Wegen nach und von der Grube —- unmöglich, seinen Gesichtskreis zu erweitern, sein Bildungsniveau zu heben und die Gefahren des Alkohols zu erkennen. Auf den ober-schlesischen.Kohlenmerken sollen 62 Prozent der Belegschaft Frauen sein, die man nach dem genannten Abgeordneten mit 0,90—1,00 Mark täglich entlohnt. Es ist unter diesen Umständen nicht überraschend, wenn Familie und Kinder verwahrlosen. Der Zentrumsabgeordnete Stötzel betonte, eine ununterbrochen angestrengte Arbeit in der Grube bei einer Temperatur von über 20 Grad Reaumur sei länger als acht Stunden täglich unmöglich; in 6-—7 Stuwden habe der stärkste Mann seine Kräfte meistens gänzlich erschöpft. Der freisinnige Abgeordnete Dr. -Mngdan nannte die Achtstnndenschicht das Höchste der Anforderungen an den Arbeiter. Bekanntlich ist in den wenigsten deutschen Bergwerken heute diese Achtstundenschickst eingeführt. Vielfach besteht die zehnstündige Schicht; cingeschlossen Ein- und Ausfahrt. Nur an besonders heißen Stellen gibt es, wie das die Berggesetze daun verlangen, die sechsstündige Schicht.
Die Behandlung der Bergleute ist, nach deren Klagen zu urteilen, eines der bösesten Kapitel der deutschen Sozialpolitik. Eines der bösesten und eines dev unklugsten, denn in fast regelmäßiger Folge führt diese Behandlung zu Massenauflehungen, zu Streiks, die denr Nationalwohlstande und natürlich auch den Unternehmern die schmerzlichsten Wunden schlagen. Im rheinisch-westfälischen Kohlenrevier gärt es aus denselben Gründen seit Jahren und die Verbitterung hat sich- sein im Streik Luft gemacht. Das geringste, was der Bergmann verlangen kann, ist, wie einst ein hoher sächsischer Staatsbeamter sich während eines Streiks ausdrückte, eine anständige Behandlung.
Vielleicht wird in dieser Beziehung manches besser, wenn die großen Bernfsvereine der Arbeiter dic Rechtsfähigkeit und damit mehr Rückhalt und Ansehen erhalten haben. Die Reichsregierung soll die Msicht besitzen, einen entsprechenden Gesetzentwurf der deutschen Volksvertretung noch in dieser Tagung vorzulegen. In sozialpolitischen Kreisen ist man gespannt darauf, wie dieser Entwurf aussehen wird. Im allgemeinen gibt man sich keinen großen Illusionen hin. Einen -gewissen Kontrast zu diesem Entwurf bildet ein anderer, der dem preußischen Landtag vorgelegt werden soll und dazu bestimmt ist, die Botmäßigkeit der Arbeitgeber über -die landwirtschaftlichen Arbeiter -ans,zudehn en. Er betrisst -die Bestrafung der Beschäftigung kontraktbrüchiger Ar- - beiter und ebenso solcher Personen, Agenten usw., die zum Kontraktbruch verleiten. Angesichts dieser Absichten muß man immer -wieder hervorheben, daß die Land
Femlleton.
Oa§ Einen der Steine.
„Wo Menschen schweigen, werden Steine schreien", heißt es in einer bekannten Legende, nach welcher ein bliwder Heiliger, dem seine Führer einredeten, es habe sich in einer Einöde eine grotze Zuhörerschaft versammelt, seine Predigt hielt und die Steine dann kaut und vernehmlich „Simen" sagten. Die Zeiten, -da derartige Wunder sich ereigneten, sind vorüber, andere erklärlichere, aber vielleicht größere haben die unsrige gebracht, die Steine aber sprechen nicht mehr. Doch wenn sie auch Nicht reden können wie der Mensch, eins haben sie doch mit diesem gemein, so leblos sie erscheinen, sie atmen!
lADgeseheu von der Porosität, die jeder Körper, da er sich aus vielen Teilen z-usaM,mensetzt, besitzt, haben die bei den Bauten benutzten Häuser eine Art schwammiger Struktur, di« sie, mit großen Abweichungen natürlich, für Gase, Luft ganz besonders, sehr durchlässig macht. Bei jeder Ausdehnung eines SteiNblocks — die allerdings stets sehr schwach ist —, bei jedem Zusammenziehen — das ebenfalls nur äußerst gering —. erfährt diese Durchdringlichkeit «ine Veränderung, die Steine atmen also.
Diese Atmung aber des leblosesten Dinges, das die Natur anfzuweisen hat, ist für uns Menschen wicht nnr iderWtffenschäft halber interessant,sondern von allergrößter Wichtigkeit für die Gesundheit, da die Zivilisation uns nun doch einmal zwingt, uns in die Steinhaufen eiu.zu- schlietzen, die wir Häuser nennen. Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob man in einer bestimmten Gegend, in einem Gebäude lebt, 'das Mt diesem oder jenem Mvte- rtal hevgestcllt ist; die Maner des Hauses ist unser Atmosphärischer Filter.
slbgeseheu davon, daß durch die fortwährende Ver
bindung mit der äußeren Luft, die durch die Mauern -dringt, die im Hause herrschende modifiziert wird, können auch durch die letzteren, wuuu sie mehr oder weniger porös sind, die gesundheitlichen Bedingungen im Innern desselben sehr verschieden gestaltet werden. Denn die Mauer, in ihrer Eigenschaft als Filter, behält die Keime aus der Lust, die hindurchgegangen ist, sie sättigt sich in kürzerer oder längerer Zeit damit, beson-ders wenn abwechselnd Hitze und Feuchtigkeit daraus einwirken.
Falls also ein Gebäude errichtet wird unid Man sich über Durchdringlichkeit des Materials, das zur Anwendung kommt, nicht unterrichtet, so hat man oft nicht ein menschenwürdiges Hans gebaut, sondern eine Art Falle, in der die Bewohner zugrunde gehen.
'Zahlreiche Versuch:- haben gelehrt, daß gasige Mischungen, die durch poröse Körper gehen, bedeutende Verän-derungen in dem Verhältnis der Bestandteile erfahren, aus denen sie sich zusamimeysetzen. Unter anderem hat man dabei auch festgestellt, daß die Anstriche und das Bengalen der Mauern, durch welche man die Undurchlässigkeit derselben herbeizusü-hren hofft, im Gegenteil von Kohlensäure sehr leicht durchdrungen werden, so daß dadurch allerdings die Mauer im allgemeinen inenitzer porös wird, gewissen Gasen aber so gerade Durchgang gewährt. In den Häusern mit mehreren Wohnungen, deren Mauern und Decken nicht sehr dick sind, aber gut angestrichen und bemalt, sind die Mieter, ohne es zu ahnen, solidarisch betreffs der Gase in der bei ihnen herrschenden Atmosphäre, und dies führt in gar manchen Fällen Nachteile herbei.
Die Durchlässigkeit der ©teilte ist, wie erwähnt, je nach der Gegend verschieden. Die Architekten und Bauunternehmer pflegen durch die Erfahrung darüber genau unterrichtet zu sein und ricksten sich danach, so weit dies sich mit der Geldfrage vereinigen läßt! Mer auch Wissenschaftliche Untersuchungen haben dteserhalb stattge-
fuNden. 'Genau kontrollierte Versuche wurden angestellt und Ziffern über die Quantität Luft herausgesunden, die unter Druck durch Steine verschiedener TMe h'in- durchgchen kann. So hat man z. B. unter cffcto beständigen Truck von 8 Zentimeter Wasser durch einen harten Kalkstein von 1 Zentimeter Dicke ca. 2700 Liter Luft per Stunde und per Quadratmeter Fläche hindurch-- gehen lassen. Diese Quantität wurde nur um zirka die Hälfte reduziert für eine 5fach größere Dicke, sie beträgt ca. 800 Liter bei einem Stein von 20 Zentimeter Dicke. Wie man sieht, hat der Kalkstein ein sehr gutes AtmUngs. vermögen.
Halbharte Ziegelsteine gleichen darin ungefähr dem Kalkstein. Marmor und Holz haben dagegen in- der senkrechten Richtung der Faser bei den Versuchen unter Druck so gut wie gar keine Porosität ergeben unid trock- ner Gips von .10 Zentimeter Dicke läßt nur 1200 Liter Luft per Quadratmeter und Stunde hindurch, und wird durch zwei Lagen Anstrich fast vollständig undurchdringlich. Aber trocken muß er sein, ehe man sich entschließen sollte, ein Haus zu beziehen. Ms „T r o cken-wohner" in einem solchen zu leben, das kann sich als sehr gefährlich -erweisen und die Baupolizei pflogt dies auch in deU meisten Orten jetzt nicht mehr zu gestatten.
Ans dem Gesagten geht, obgleich die Frage hier Nicht erschöpft werden konnte, hervor, daß die gewöhnlichen Baumaterialien eine ziemlich große Durchlässigkeit be. sitzen, so weit die atmosphärische Luft in Frage kommt. Diese also bei der Errichtung von Häusern Nicht in Be. tracht zu ziehen, wäre grundfalsch; man atmet nur gut in ei nein Gebäude, das selbst gut atmet. Ein nwhl'be» kanntes Sprichwort sagt: „Tie Wände haben Ohren". Man könnte diesem ein anderes beifügen: „Die Mauern haben Lungen", und wer wirklich beim Bauen die Regeln der Hygiene nicht außer acht lassen will, der wird gut tun, dies nicht zu vergessen.
