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53. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Anzeigen - Annahme

N» 2».

Berlags-Fcrnsprecher No. 2853.

Mittwoch, Lerr 18. Januar.

RedaktionS-Fernsprecher No. 52.

ISOS.

Morgen - Kusgabe.

1. Mcrtt._

Der KohlenstrriK.^

(SB o tt uns erem Spezialberichter st atter.)

K. Bochum, 15. Januar.

Wenn man jetzt ins Kohlengebiet kommt, so bemerkt man zunächst nur wenig vom Streik. Allerdings sieht man bereits auf den Bahnhöfen massenhaft leere Kohlen­wagen stehen, was sonst gar nicht vorkommt. Geschäfts- reisende sind wenig in Len Hotels zu finden. Auf Len Märkten und in den Geschäften hat das Publikum etwas nachgelassen. Auf Len Straßen bemerkt man etwas mehr als sonst feiernde Arbeiter.

Einzelne kleine Zusammenstöße haben dieser Tage stattgefunLen, z. B. in Ostemscher und Carnap. Dort sind massenhaft ausländische Arbeiter beschäftigt, Polen, Italiener, Galizier. Doch sind diese von derRheinisch- Westfäl. Zeitung", die kürzlich offen vor Gericht bei einem Prozeß erklärt hat, die Interessen der Zechen­besitzer zu vertreten, absichtlich ausgobauscht worden. Das Zechenblatt ruft bereits nach der Militärdiktatur. Die Bürgermeister dagegen sind besonnen und haben sich Militär verbeten. Nur Gendarmen, sind ange­kommen. Um auf alle Fälle gerüstet zu sein, haben die Verwaltungen Feuerwehr und Kriegervereine mit Polizei­rechten aus-güstattet. Wenig glücklich sind die Maß­nahmen der Zechen, die ihre Beamten als Polizei mit weißen Binden organisiert haben. Die Bevölkerung nennt diese Leute Pinkertons, weil der amerikanische Bergwerksbesitzer Pinkertons diese Maßregel aufgebracht hat. Diese Pinkertons find nicht ganz unparteiisch. Sie provozieren leicht. In der Nähe von Aplerbeck mußten sie von den Gendarmen in ihre Schranken zurückgewiesen werden. Der alte Bergarbeiter-Verband har sich erboten, selbst für Ruhe zu sorgen. Er hat mit Zustimmung der Behörde an einzelnen Orten seine Vertrauensleute mit weißen Schleifen versehen, daß sie für die Alufrccht- erhaltung der Ordnung mittätig sind.

Heute fanden Dutzende von Versammlungen statt, die meist überfüllt waren. Ich habe zwei besucht und möchte die Referate nach ihrem Hauptinhalt wieder- aeben, weil sie vorzüglich die Lage beleuchteten. In Linden a. Ruhr, wo die eine Versammlung war, war die Bevölkerung sehr ruhig. Hier sitzt noch fast ganz die

*) Dieser Artikel ist verspätet eingetroffen, so daß er von dem gestrigen Bericht über den Generalstreik überholt wurde. Er dürfte aber als Stimmungsbild auch jetzt noch für unsere Leser von Wert sein. D. R.

alte einheimische westfälische Bevölkerung; Leute mrt gemütlichen Gesichtern, die nicht in Aufregung geraten. Viel erregter war die Versammlung in Herne, wo viel­leicht höchstens noch 10 Prozent Westfalen sind. 3- bis 4000 Menschen befanden sich hier in dem vollgepfropften Saal, die fortwährend ihren Beifall uno ihre Miß- stimmung während der Reden kund gaben,.

Die Mißstimmung unter den Bergarbeitern besteht schon seit langer Zeit. Sie entstand während der Krise vor 4 Jahren, als die Löhne der Arbeiter viel stärker herabgesetzt wurden als die Gewinne der Zechen. Dann kamen die Schäden der Wurmkrankheit, die durch aus­ländische Arbeiter eingeschleppt worden war. Das Still­legen der Zechen machte das Blaß voll. Zum Überlaufen kam cs durch die Verlängerung der Seilfahrten, die ani längsten bei der ZecheBvuchstraße" ausgedehnt wurden. Die Führer bedauern, daß die Belegschaft Bruchstraße" in Ausstand trat, ohne die Antwort des Gewerbegerichts abzuwarten. Die Führer haben dann heute vor acht Tagen in zahlreichen Versammlungen die Ausdehnung des Ausstandes zu verhüten versucht und zur Besonnenheit ermahnt. Aber gerade das Dort­munder Gebiet hatte man dabei übersehen, weil dies Gebiet bisher am zuverlässigsten war. Als dann dort der Funken losgegangen war, sprang er naturgemäß auch auf andere Ortschaften über, weil Zündstoff genug vorhanden war. Wie geladen die Bergleute waren, geht daraus hervor, daß auf ZecheMont Cenis" der Betriebsinspektor selbst eine große Versammlung abhielt zur Beruhigung, und das Resultat war- der Ausstand.

Die Arbeiter gaben zu, daß sie nominell Kontrakt­bruch begangen haben. Aber sie erwidern darauf, daß die Unternehmer vorher den stärksten Kontraktbruch sich geleistet. Sie haben den Vertrag von 1889 mehrfach gebrochen. Damals wurde 1. die achtstündige Arbeits­zeit festgesetzt. , Die Ein- und Ausfahrt sollte je nicht über 1/2 Stunde dauern. Jetzt Lauert sie %1 Stunde. 2. Sollten Überschichten nur in dringenden Fällen be­fahren werden und nur nach Rücksprache mit den Arbeitern. Diese Bestimmung ist schon seit lange be­seitigt. 3. Sollten bei Abkehrungen keine schwarzen Listen verbreitet werden. Trotzdem ist wes massenhaft geschehen. 4. Bezüglich des Gedinges sollten nach dem 14. d. M. keine Änderungen mehr getroffen werden. Auch das sei nicht inne gehalten.

Tie Arbeiter haben nun die Gelegenheit benutzt, um dem bergbaulichen Verein eine ganze Anzahl Forde­rungen einzureichen. Sie haben alle möglichen Klagen und Miß,stände zusammen,gestellt. Man weiß, daß m!an nicht alles erreicht, wiewohl selbst christliche Führer heute betonten, daß man kein Jota fallen lassen wolle. Aber die meisten wollen mit den Kernpunkten zufrieden sein.

Die Lohnfrage gehört nicht dazu, wenigstens nicht die Lohnerhöhung. Man will nur die Willkür bei der Entlohnung beseitigt haben, deshalb hat man Minimal­löhne aufgestellt. Tie Hauptsache ist Regelung der Arbeitszeit. Für dies Jahr sieht man von einer mibe- tun 3 ab, man will nur nicht mehr als den Neunstunden- tag. Für nächstes Jahr 8 y 2 Stunden, für 1907 acht Stunden. In anderen Ländern habe man dies schon längst.

Sodann verlangt man Abschaffung des Wagen- nullens. Einzelne Zechen nullen gar nicht. Aber bei anderen Zechen scheint es sehr im Schwange zu sein., Namentlich will man mißliebige/Belegschaften damit ärgern. Es ist vorgekommen, daß von 26 Wagen 24 genullt worden sind. Der Bergmann kann unter Lage Kohle von Steinen nicht unterscheiden. Er verlangt deshalb mit Recht, daß alle geförderte Kohle wie im Sa-argebiet gewogen und bezahlt wird. Auch sollen die Wagenkontrolleure von den Arbeitern gewählt und be­zahlt werden. Zu den heutigen Kontrolleuren hat man kein Vertrauen.

Arbeiteransfchüsse sollen eingeführt werden, ebenso Grubenkontrolleure, die mit der Behörde zusammen die Grube befahren und die Behörde auf Mißstände auf­merksam machen. Ein wichtiger Befchwerdepunkt sind auch die vielen und harten Strafen. Es kommt vor, daß wegen Zuspätkommens ein halber Tagelohn abge­zogen wird. Heute erzählte ein Mann in Herne, daß ihm drei Mark abgezogen wurden, weil er infolge eines Wochenbettes feiner Frau nicht erschien. Zehn Gänge hätte er gehabt, ehe die Strafe aufgehoben wäre. Die Werkswohnungen sollten nicht wie jetzt innerhalb drei Tagen gekündigt werden bei der Abkehr, sonder» Monatlich. _

Die Forderungen sind im ganzen diskutabel. Wenn die Behörden energisch sind, so können sie auf die Zechen sicher einen Druck ausüben. Bisher halben sie es leider an der nötigen Energie schien lassen. In den bürger­lichen Kreisen hat das sehr verstimmt. Die öffentliche Meinung sympathisiert hier stark mit den Arbeitern. Die Arbeiter hoffen noch auf das Eingreifen der Behörde in letzter Stunde. Auch die Sympathie des Publikums wollen sich die Arbeiter nicht verscherzen. Sie fordern deshalb ihre Leute zur Ruhe und Besonnenheit und zur Enthaltung von Alkohol auf. , Wenn sie unterliegen, so wollen sie wenigstens moralisch rein dairehen.

Noch ist der Generalstreik nicht da, und Idiom beginnt bis Kohlennot. Der Hörder Verein hat feinen Betrieb eingeschränkt, die Eisenindustrie Menden-Schwerte gleich- falls. In Schwerte fängt man schon an mit der Be- lcuchtung zit sparen. Ein Generalstreik könnte die Ber- hältnisse recht böse machen. Morgen fallen die Würfel.

FenUleton.

We fjeiüuulmt des Krebses durch Merino

Won-Geh. Sanitätsrat Dt. Slottr. Küster-Berlin.

Dadurch, daß gleichzeitig mit meinem Aufsätze in der Berliner Klin. ,Wochenschrift" Reporter-Berichte über Krebsbeeinflussung durch Griserin in fast allen Tages- blättern erschienen waren, bin ich von Krebskranken aus nahezu allen Teilen Europas um Hülse angegangen worden. In kurzer Zeit hat mir dadurch ein Material zur Verfügung gestanden, wie bisher wohl selten einem Arzte. Ich bin daher in der Lage gewesen, recht inter­essante Studien und Beobachtungen anzustellen.

In erster Reihe stellten sich mir eine Reihe Kranker vor, die bereits mehrfach operiert waren und bei denen nach jeder Operation die Krebsgeschwülste in beschleunig­tem und verstärktem Maße eingetreten waren, so daß eine weitere Operation ein Unding getoefen wäre und des­halb auch stets abgelehnt worden war. Der letzte Rettungsanker war eine Griserinkur, die dann auch ein­geleitet wurde, schon um den armen, verzweifelten Kran­ken noch einen Hoffnungsstrahl zu lassen. Wenn in diesen Fällen Heilung von vornherein auch nicht erwartet werden konnte, so waren die Einwirkungen doch stets positiv und überraschend. Eine im Sterben liegende Frau, bei der krebsig entartete Teile des Unterleibs ent­fernt worden waren und bei der an der Leber und anderen Teilen des Unterleibes krebfige Nachschübe entstanden waren, wurde acht Wochen lang in einem erträglichen Zu­stande schalten, so daß Hoffnung auf Besserung sich regte. Eine innere starke Blutung, die anscheinend durch, eine sich abstoßende Krebswucherung entstanden war, führte den plötzlichen Tod herbei.

Schr unglücklich sind auch diejenigen Frauen daran, bei denen durch die Ausräumung der Achselhöhle eine starke Anschwellung des betreffenden Armes und heftige Schmerzen entstanden sind. Diese Zustände sind ja leider

AusAcSculap", Beiblatt berAllgem. deutschen Univers.- Ztg", welches Blatt fortdauernd weitere Berichte über die Griserinbehandlung bringen wird.

kaum zu beseitigen, aber erfreulich war es doch zu sehen, wie die verjauchenden, üblen, spezifischen Krebsgernch verbreitenden Wunden sich allmählich reinigten, den Ge­ruch verloren und sich zur Heilung anfchickten.

Ein erfreulicheres Bild boten eine Reihe anderer Krebskranker.

Herr M. aus Btz. hatte feit Jäh reu an einem ule. rockerw an der Nase gelitten und war von einer ärztlichen Autorität in Dr. mit äußeren Mitteln ohne jeden Erfolg behandelt worden. Ich ließ nur innerlich Griserin nehmen. Nach einigen Wochen war vollständige Heilung eingetreten.

Auf die Empfehlung dieses Kranken stellte sich mir eine Frau W. ans Dr. vor. Vor Jahren war ihr ein ule. rockens durch Operation entfernt worden, das lange Zeit ohne Nenwuchernngen blieb. Im letzten Jahre hatte sich jedoch ein Gewächs an der alten Stelle ent­wickelt, das einen harten Untergrund' hatte, sonst aber gallertartig anzufühlen war. Sie sollte wiederum operiert werden. Da die Operation eine Entstellung des Auges herbeigeführt hätte, machte sie einen Versuch mit einer Griserinkur. Nach einigen Wochen war eine ziem­lich beträchtliche Verkleinerung des fast hühnereigroßen Gewächses nachzuweiseu. Es trat jetzt der harte Unter­grund mehr in Erscheinung. Tie weitere Verkleinerung und das vcllstäudige Verschwinden desselben ist zu er­warten.

Der Mann einer mehrfach operierten Krebskranken zeigte mir gelegentlich seinen Arm. Ich stellte am linken Unterarm nach außen hin mehrere gallertartige Ge­schwülste fest, ganz in der Art wie das eben, beschriebene Krebsgewächs an der Nase. Das Leiden besteht schon seit etwa zwanzig Jahren, und zwar ohne besondere Be­schwerden. In der letzten Zeit hatten dieselben zu wach­sen angefangen. Eine Griserinkur rief schon nach 8 . bis 10 Tagen eine merkbare Verkleinerung der gallertartigen Teile hervor. Dieselben verminderten sich wie im Dr.ner Fall; es trat zum Schluß der mehr härtliche Unter­grund zum Vorschein.

Guten Verlauf zeigten auch frische Krebsgeschwülste in der weiblichen Brust, die noch ohne Drüsenanschwellun­gen waren. Eine Frau M. aus Br. war schon an der

linken Brust vor Jahren operiert; bis auf eine leichte Schwellung des linken Armes war sie geheilt. Nun zeigte sich auch an der rechten Brust eine etwa Hühnerei- große Geschwulst, welche operiert werden sollte. Sie zog eine Griserinkur vor. Die Geschwulst verkleinerte sich langsam und ist nach 6 - -7 Wochen vollständig ge­schwunden. Einen ähnlichen Verlauf nimmt eine gleiche Geschwulst bei einer Hamburger Dame. Nur ist die Ge­schwulst, weil die Kur noch nicht genügend lange gedauert hat, noch nicht ganz geschwunden.

Gute Ergebnisse habe ich ferner in mehreren Fällen von Speiseröhrenkrebs erzielt. Hier ist überraschend schnelle Besserung eingetreten, was wohl darauf zurück­zuführen ist, daß Griserin hier auch örtlich einwirken konnte.

In zwei Fällen von Darmkrebs bei älteren Leuten wurde eine Griserinkur unter ärztlicher Leitung aus­geführt. Die Berichte lauten günstig, was nicht über­raschen kann, da das Mittel hier auch direkt -einwirken kann.

Am interessantesten sind zwei Fälle von Zungenkrebs, weil hier die Wirkung mit den Augen verfolgt werden könnte.

Der erste Fall (Exzellenz v. L.) war ein sehr vorge­schrittener. T-ie Zunge stark verdickt, die Hälfte des vor- deren Drittels bereits jauchig zerstört, d-ie andere Hälfte im Beginn des jauchigen Zerfalls, die Halsdrüsen stark geschwollen. Die jauchige Stelle verlor in nicht zu langer Zeit den Krebsgeruch und reinigte sich, die zweite Hälfte trocknete wie weiches braunschwarzes Leder zusammen und konnte unblutig entfernt werden. Es zeigte sich eine scharfe Abgrenzungslinie gegen die übrige Zunge. Der erhaltene Teil h-atte eine gesunde Oberfläche mit gut- wachsenden Fleischwärzchen. Die Drüsen schwollen zu­nächst mehr an, es zeigte sich eine Erregung, die sich durch heftige ziehende Schmerzen im Hinterkopf äußerte. Auch die Drüsen fangen jetzt langsam an. etwas kleiner zu werden. Der Instand ist ein derartiger, daß von dem Krebsleiden direkt keine Gefahr mehr droht, nur geht die Ernährung noch immer etwas mangelhaft vor sich, so daß der Kräftezustand zu wünschen übrig läßt.

Viel günstiger ist der zweite Fall verlaufen. (Dioek-