Vitsbsömer Saab
ss. Jahrgang.
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N». 27.
Verlags-Fernsprecher No. 2983.
Dienstag, den 17. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 32.
1S0S.
Morgen - Ausgabe.
__ 1. iJ3Caü.
piE fjeilsnnnee uni) iijre OrgMlsktion.
Die Heilsarmee trägt den Stempel ihres -an-gelsäch» fischen Ursprungs nnverlöschlich durch diu ganze Welt. Sie ist das Werk zweier unerschütterlich gläubiger Seelen, William und Catherine Booth, die auch zugleich zwei unermüdliche, nie rastende Apostel und Bekehrer mären. Mit angelsächsischer Zähigkeit haben sie ihre christlichen Überzeugungen festgehalten, mit angelsächsischem Unternehmungsgeist an. deren Ausbreitung und Verwirklichung gearbeitet, mit angelsächsischem Talent eine praktische, übersichtliche Organisation geschaffen, welcher sogar der angelsächsische Charakter der „Weltmacht" nicht fehlt. Als echte Angelsachsen haben sie sich nie auch nur im entferntesten darum gekümmert, ob sie ungelegen, befremdend, ja lächerlich erscheinen könnten.
William Booth, 1820 in der Nähe von Nottingh-anr geboren, war bereits mit 16 Jahren eint Apostel der Nottinghamer Fakbrikbe-völkerung, die er, von einem Stuhl, einer Tonne auf sie einpredigend, dem Teufel zu entreißen und dem Himmel zu gewinnen suchte. Ihrer Feindseligkeit, die mitunter in Tätlichkeiten ausartete, begegnete er mit Güte und Geduld. Als Prediger gewann William Booth- nicht nur die rauhen Ärbeiterseelen, sondern auch das Herz von Catherine Mumford, die sich 1868 entschloß, sein arm- und mühseliges Dasein als Volksprediger zu teilen. 1858 als Geistlicher der nou- mcthodistischen Richtung ordiniert, fand er schon 1861 keinen Platz in diesem roligrösen Rahmen und gab jede feste Stellung auf und predigte auf eigene Hand den Bergleuten von Cornwallis. Catherine Boot, ihre Scheu überwindend, ergriff bald das Wort neben ihrem Manne. Wo diese überzeugten Christen ihre Stimme erhoben, drängte sich die Menge um sic. 1866 wählten sie dann den elendesten Teil von Whitechapel in London zum Schauplatz ihrer Tätigkeit. Straßenjungen, Trunkenbolde, Hausierer, Fischfrauen, Dirnen, Dockarbeiter, die Elendesten der Elenden, die E-ntevbtesten -der Enterbten bildeten ihre Zuhörerschaft. Bald lehrten sie im Freien, bald unter einem Zelt, bald in einem Tanzsaal, bald in einenr leeren Speicher. . Ihnen war alles recht, jeder Raum, jede Zeit. Booth wünschte, die Erweckten und Bekehrten unter seinem Anhang in die Kirchen zu führen. Er hatte -das schon seinerzeit in Nottingham versucht. Doch in den Kirchen mochte -man so schlecht gekleidete, nach Armut riechende Gäste nicht. William Booth beschloß daher, eine eigene Organisation für seine Leute, für die Ausgestoßenen zu schaffen. Einer seiner Missionare hatte sich den Fischern von Whitby zu Gefallen „Kapitän" ge- irarait Dadurch wurden die Gedanken des eine Organisation und einen Titel suchenden William Bo-oth in militärische Richtung gelenkt, und so entstand als Sache und als Name: die Heilsarmee, die heute in allen protestantischen Ländern Europias festen Fuß gefaßt hat, in den
Bereinigten Staaten eine Macht ist, ihre Organisation auf Südamerika, Japan, Indien, Australien und Australasien erstreckt. Gänzlich ausgeschlossen ist sie nur von Rußland- und mit besonderen Schwierigkeiren kämpft sie in Belgien, Frankreich, Spanien und Italien, den vier großen katholischen Staaten. In allen diesen Ländern unterhält die Heilsarmee 2000 Vereine, 600 soziale -Anstalten (Arbeitshäuser, Nachtasyle, Rettungs- und Waisenhäuser), die von etwa 2000 Offizieren geleitet und versehen werden. Auch veröffentlicht sie jährlich in 21 Sprachen eine Million Exemplare ihrer Zeitung, des „Kriegsrufs".
Überall wendet sich die Heilsarmee au jene, die von aller Welt verlassen sind, die keiner Kirche, keiner geistigen Gemeinschaft angehören, von Religion nichts wissen oder nichts wissen wollen, dem Trunk, der Liederlichkeit verfallen find, kurz „imSündenipfichle" stecken. Diese Klienten der Heilsarmee sind weder literarisch gebildet, noch ästhetisch verwöhnt, ja zunr großen Teil kaum zu Reinlichkeit und zu zivilisierten.Gewohnheiten erzogen. Booth aber ist ein Seelsorger, und -die widerwärtige Hülle stoßt ihn nicht zurück, wie sie auch seinen Heiland nicht zurückstieß. Was die Heilsarmee bezweckt, ift die Aufmerksamkeit der Gleichgültigen, Lasterhaften, Feindseligen zu erregen. Und was erregt die Aufmerksamkeit der ungebildeten Menge? William Bo-o-th hat das in «der Fabrikstadt Nottingham, in dem Kohlenrevier von Cornwallis, unter den Daggdiöben des gottverlassenen Whitechapel zur Genüge -studiert. Es ist Musik und Läxm, -die diese.großen Kinder anzieht, es ist alltägliche, klare, familiäre Rede, Rede, die ihnen verständlich ist, Rede, die sich um ihre Freuden und Leiden, um ihre Erlebnisse und ihre Wünsche dreht und mit der allein man sie fefthalten und beeinflussen kann. In langjähriger Praxis hat William Booth. gelernt, was seine englischen Hörer fesselt, was ihnen verständlich, und Liefe langjährige Erfahrung hat ihn dazu geführt, dieses eigenartige Gemisch von Religion und Jahrmarktsmusik, von Gotteswort und Trommelschlag, von Gebet und Anekdote, von Heiligem und Profanem zu schaffen, das wir „Heilsarmee" nennen. Es ist dieses Marktschreierische, was die gebildeten Klassen der Heilsarmee gegenüber so ablehnend macht. Mag sein, doch schuf William Booth seine Armee ja auch nicht für die „-gebildete Welt", die sich in schönen Kirchen an sanftem Orgelspiel und gewählter Predigt erbauen kann. Er hat eben ganz andere Kunden, und wer sich direkt feine Leute vom Schenktisch und von der Straße wegholen, wer mit den derben Lockungen der Vo-Iksfreuden konkurrieren soll, der muß auch ftarfe. Mittel in Bewegung setzen, darf zur Ehre Gottes auch- bte große Trommel schlagen.
Die Ablehnung der Gebildeten beweist -also- nichts gegen die Heilsarmee; sehr viel für sie beweist aber ihr Erfolg in den unterem. Schichten, denn daraus geht hervor,. daß die Organisation diesem Publikum angepaßt ist. -Die Grundzüge derselben sind folgende: Die eigentliche „Lehre" ist das Christentum in seiner einfachsten Gestalt, so schlicht, daß jeder noch so einfältige Verstand es fassen kann: Gott ist -die Liebe, Christus der -Erlöser,
jeder kann -das Heil' erreichen; -der Glaube macht selig, der Unglaube stürzt in Verdammnis. In diesen wenigen Sätzen liegt die ganze Theologie der Heilsarmee.
Wer dieses Kredo angenommen, wer es glaubt, der ist gerettet -und darf sich als Heilss-oldat betrachten. Damit scheidet er aus -der „Welt", -der bösen, falschen Welt, dem Orte der Versuchung und der Sünde. Sein Leben soll von nun an von christlicher Tugend durch, drungen sein. Selbstsucht hat der Nächstenliebe zu weichen, Menschenfurcht der Gottesfurcht, Eitelkeit und Üppigkeit der Bedürfnislosigkeit. -Die Heilsarmee verlangt von ihren Soldaten wie von ihnen Offizieren ein wirklich christliches Leben, ein praktisches Christentum.. Sie bedeutet allen Ernstes eine Rückkehr zur ursprünglichen Lehre Christi, eine -religiöse Erweckung und- eine sittliche Läuterung. Die Heilsarmee verlangt viel, sehr viel von ihren Leuten.
Soldat kann jeder sein, der von dem obigen Kredo durchdrungen, sich verpflichtet, die Armee durch Geldmittel zrr unterstützen und ihr seine Mußestunden zu widmen. . Tagsüber Arbeiter, Lehrerin, Beamter, Schneiderin, und abends Heilssoldat, Musikant, Zci- tungsverkäuferin, Tellevsammler. Zu jeder Tageszeit aber ein nach Vervollkommnung strebender Eh!rist, über dem das Auge Gottes und der Armee wacht. Offizier wird, wer sich entschließt, Vater und Mutter, Beruf und Vergnügen zu verlassen, um -der Armee anzuhangen. Hierzu bedarf es jenes Temperaments, das Apostel und Missionare, ja Märtyrer macht. Die Heilsarmee ist weit davon entfernt, ihren Offizieren eine gute, ja nur eine sichere Versorgung zu bieten. Es ist Grundsatz der -Armee, -daß jedes Land sein Armeekorps erhält. T-ie Mittel werden durch die Spenden der Soldaten, die Spenden in den Versammlungen, die -Gaben- von Gönnern, den Verkauf von hergestellten- Produkten aufgebracht. Jeder Offizier, der Versammlungen leiter, hdt für die Saalmiete, Beleuchtung, Heizung, Reinigung und sonstige Extras zu sorgen, un-d erst wenn er ib«ie nötigen Fonds dafür beisammen hat, darf er an sich selb'st denken. In Ländern, wo die Heilsarmee festen Fuß gefaßt hat, leiden die Offiziere selten Not, ja sie bringen es dort bis zu einem wöchentlichen Einkommen von 16—18 Mark. In anderen Ländern ist dieses Fixum noch ein goldener Traum. Die Offiziere sind oft gezwungen, für sich persönlich beim Bäcker und Fleischer um Kredit o-der bei ihren Soldaten um Unterstützung zu bitten.
Der Heilsarmee-Offizier trägt nicht nur die pekuniäre Verantwortung für seinen Saal und seine Versammlungen, sondern auch -die moralische für die eigene Seele und die Seelen seiner Soldaten und seiner Höver. Er hat oft an jedem Abend eine Versammlung zu leiten, an jedem Abend zu sprechen, zu singen, zu beten, zu ermahnen uv!d jeden Tag Seelsorgerbesuche zu machen.-- Er soll dabei stets heiter, freundlich, anregend und fesselnd sein, soll immer Neues ersinnen, um -die Zuhörerschaft fest zu halten. Es ist eine aufreibende Tätigkeit. Das Leben der Heilsarmees-old-aten und -Offiziere ist selbstverständlich ein sehr einfaches. Das
Feuilleton.
Me denken Sie über dns Klavier?
Der Kaiser tat vor kurz-er Zeit den gewiß nicht ganz un-berechtiLwn Ausspruch: „Das Klavier ist -ein -gesundheitsschädlicher Turnapparat". Estr launiges Wort, und natürlich nur im Moment für den Moment geboren. Das „Wiener Extrablatt" hielt diese beiläufige Äußerung des deutschen Kaisers anscheinend für -eine Meinungs- kmtdgebung von größter Wichtigkeit und knüpfte daran eine an alle möglichen Musikgrößen gerichtete Umfrage über den Wert und die Bedeutung des Klaviers un-d des Klaviersvieles mit spezieller kritischer Berücksichtigung des kaiserlichen Ausspruchs. Es berührt in der Tat bein-ah: komisch-, wie man einen durchaus alltäglichen, privaten Ausspruch d-eS Kaisers zum- Gegenstand einer kritisch gehaltenen Umfrage stempeln kann. Noch sonderbarer ist indessen die Tatsache, daß sich wirklich eine ganze Anzahl namhafter Männer der Musikw-elt, vor allem auch Pädagogen von Weltruf, bereit fanden, diesen „hochwichtigen" Anlaß zu benützen, um ihre unsterblichen Gedanken und Ansichten über -das Klavier gewissenhaft im „Wiener -Extrablatt" niedevzulegen. Namen wie -L e ch e t i tz k y (der berühmte Wiener Klavierpädagoge), Moriz Nosenthal, Emil Sauer und F e l i x Mottl finden sich unter den zum Teil ziemlich- ausführlich gehaltenen Einsendungen. Erstgenannter, dem di-:- Welt manch großen Künstler verdankt, philosophiert in seiner -Zuschrift sehr tieffinnig: „Ein Instrument, für das Beethoven seine schönsten Gedanken ausgesprochen hat, die herrlichsten Worte gesunden hat — ein solches HWstrumeyt ist wohl kein Turnapparat. Es kommt nur daraus an, ob man spielt oder hackt. Die Türner turnen, «aber sie -singen auch, «wie ihre -Gesangvereine beweisen.
Warum sollen die Klavierspieler, wenn sie ihre Technik -brauchen, nicht turnen dürfen? Aber bie «Hauptsache -bleibt das Singen. , Paradoxe zu züchten ist leichter, als die Kunst in ed-lew, vornehmem Sinne auszuübm, dynamisch auszunben. Es soll große -Kriegs-Helden gegeben haben, bie geturnt haben und denen -das Klavier Freude bereitete. Ich erinnere nur an Moltke. Übrigens hat etrt Borfahr -des deutschen Kaisers, Friedrich d-:r «Große, die Flöte geliebt, obwohl dieses Instrument nach der Aussage von großen Ko-mpo-nist-en als- das wen-i-g-st -anziehende -geschildert wurde. Zwei «Heroen der Tonkunst fragten, welches das schrecklichste Instrument sei? 1 Die Antwort lautete: die Flöte. Darauf sagte -Ser andere, es gibt noch Entsetzlicheres — zwei Flöten. Trotzdem war Friedrich der Große -stolzer auf sein Flötenspiel als auf seine gewvnneüen Schlachten. Zum Schlüsse denke ich, daß überall das «Komment die Hauptrolle spielt, auch auf dem Klaviere. Und sind -die Instrumente, mit welchem sich bie Menschen im Kriege totschlagen, keine gefährlichen Turnapparate und hängt nicht alles davon ab, wie ein genialer Kopf die Mittel gebraucht? «Das gilt alles auch- vom Klavier."
So, nun weiß es die W-.-lt ganz genau, warum das «Klavier ein gesund he itsschädlich«er Turnapparat ist — oder warum cs das nicht ist. Felix Mottl stützt sich auf R-ichard Wagners Worte, die der Meister in seinem Bericht über eine in München zu errichtende Musikschule nieberschrie-b. Wagner befürw-ortet das Er- lern-en des Klavierspicles sehr warm, d. H. eben nur -vom rein musikalischen Standpunkt aus als praktischen Vermittler zwischen Kunstwerk und Musiker. Wagner, -der selbst den «Mangel eines gründlichen Klavierunterrichts in seiner Fugend später «bitter bereuen mutzte, -wird mehr wie jeder andere die Notwendigkeit einer ausreichenden Beherrschung des Klaviers empfunden haben. Gegen alles rein Pianistisch-e, gegen dasIKlavicr-
spiel als einseitigen «Selbstzweck lehnte er sich freilich energisch auf.
Moriz Nosenthal, «der gewaltige Beherrscher der Tasten, einer der genialsten Techniker der Gegenwart, bricht natürlich begeistert eine Lanze für die Ehrenrettung des Klaviers. «Er spricht von dem Hochmut, mit dem -die Verächter des Klaviers auf dieses „Instrument mit den fertigen Tönen" herabblicksn; dieser Hochmut sei symptomatisch für den geringen Tiefgang ihres musikalischen Urteils. Daß der bekannte Klavierbauer B ö s e nd ö r f e r lakonisch sch-reibt: „Mir hat das Klavierspiel nichts geschadet", glaubt ihm jeder sehr gern; natürlich, je inchr sich die Klav-ierwütigkcit der «Kultur- menschhe-it steigert, um so besser blüht der Weizen d«er Klavierfabrikanten. Der einzige, der in (anscheinend) grimmiger -Selbstvcrachtung das Klavier zu -allen Teufeln wünscht, ist — Emil «Sauer, der gefeierte Pianist un-d feinsinnig: Musiker. «Ihm -ist -das Klavier b-is in den Tod verhaßt (na, na, Herr Sauer!) und er beklagt es tief, daß die-Vorsehung ihn in teuflischer Laune an ein Marterwerkzeug schmiedete, das keinerlei künstlerisch« -Existenzberechtigung mehr hätte. Emil -Sauer ist ein «Schelm, der das «Klavier haßt, weil es außer ihm -noch viele andere gut spielen und -gewiß auch, weil es« zn«m quälenden Masseninstrument geworden ist, der aber in bezug auf seine eigene Person wohl schwerlich das pathetische Todesurteil über das unglückselige Klavier mit unterschreiben würde.
«Das Klavier ist also nach der Veröffentlichung dieser tiefgründigen Urteile gerettet, sein-:- Stellung in der «Kulturwelt glänzend re-habiliert. Kaiser Wilhelms „bedrohlicher" Angriff auf di« «Existenzberechtigung «des Klaviers ist siegreich- abgeschlagen. Man sollte nicht meinen, welcher Donquichottiaden -man unten an der schönen blauen Donau fähig ist.
