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«a. Jahrgang

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|I0. 2 6* Verlags-Fernsprecher No. 2953.

klbend »Ausgabe.

_ 1. Matt.

Combes' Glück und Ende.

Daß allzu viel ungesund ist. Sann man am dem Bei­spiel -des französischen VSmisterlpräsidenten Combes er­kennen. Herr Combes geht an allzu vielem Vertrauen zugrunde. toeit .bienx 1. Juni 1902, wo das Kabinett Watdeck-Rousseau durch das Kabinett Combes ersetzt wurde, hat dieses von der französischen Kammer so viele Vertrauensvoten erhalten, daß es allgemach an diesen zugrunde geht. Wenn die Frau die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so ist auch zweifellos das Kabinett das beste, das der wenigsten Vertrauensvoten bedarf. Das Kabinett Combes nährte sich förmlich voll diesem künstlichen parlanrentarischen Nährpräparat, bis es dis immer schwächer werdenden Vertrauensvoten zum Schluß nicht mehr verdauen konnte.

Freilich, wenn man gerecht sein vill, so mutz man zu- göben, daß die Hauptursache für den Niedergang des Kabinetts Combes in einer ganz besonderen französischen Eigentümlichkeit zu suchen ist. In Frankreich pflegt die Stellung eines Kabinetts um so schwächer zu werden, je länger es im Amte ist, denn der Hunger der Ämterjäger und die Machtgelüste derjenigen, welche auch auf ein Portefeuille Anspruch zu haben glauben, wächst begreif­licher Weise, je länger sich ein Kabinett -am Ruder er­hält. Das Kabinett Combes ist bereits länger als 2% Jahre daran, es ist mithin nach Ansicht derjenigen, welche die alte französische Parole befolgen: „Verlasse diesen Platz, damit ich mich -dorthin setze!" bereits — überfällig.

Das Kabinett Combes hatte von Anbeginn mit einer Fronde zu kämpfen, die von dem früheren Finanz- minister und Vizekönig von Jndochina, dem von den Radikalen immer mehr nach rechts geschwenkten D 0 u m e r , geführt wurde, und der vor allem Lockroy. Charles Vos und Hubbard angehörten. Diese Fronde wurde schon vor länger als Jahresfrist verstärkt durch die früheren Mitglieder des Kabinetts Waldeck- Rousseau und diesen selbst, der das Kabinett Combes eigentlich nur als Platzhalter betrachtet und bis zu seinem Tode auf seine Rückkehr zur Macht gehofft hatte. Zu diesen Ministerstürmern gesellte sich dann der frühere Haindelsminister MiIlerand, der bei den französi­schen Sozialisten diestibe Rolle des „psychologischen Rätsels" spielt, wie Herr Mehring bei 'den deutschen Sozialdemokraten.

Diese Ovvosition wäre dem Kabinett Combes vielleicht nicht so gefährlich geworden, wenn sich nicht zn ihr noch diejenigen R a d i k -a len gesellt hätten, welche dem Kabinett Vvrwarfen, daß es'mit der Ausführung seines hochtönenden Programms nicht Ernst gemacht habe. Herrn Combes' Programm war sehr reichhaltig. Was wollte er nicht alles tun und ausführen! Die progressive

Montag, den 16. Januar.

Einkommensteuer sollte kommen, damit für die alten und invaliden Arbeiter gesorgt würde und vor allem die Trennung der Kirche vom Staat radikal durchgeführt werden. Die entschiedene Linke wirst Herrn Combes vor, daß sein Programm in den Ansätzen stecken geblieben ist, und- daß er sich statt der Taten mit schönen Rsd-ewendun- geu begnüge. Nun sind zwar fast alle französischen Politiker geneigt, der Tat die Phrase vonzuziehen, aber dies gefällt ihnen mit nichten — bei den anderen!

Im Kämpfe gegen diese bunt zusammengesetzte Fronde schleppte sich das Kabinett von .Kampf zu Kampf, und die Siege wurden immer schwächer, die Vertraiuensvoten immer dünner. In der denkwürdigen Kammersitzung vom 4. Nowinbcr v. I., wo die Mehrheit für den frühe­ren Kriegsminister Andr6 auf zwei Stimmen heraib- gesurrken war und nur durch die „rettenden Ohrfeigen Syvetons" eine Wendung zu seinen Gunsten eintrat, schien bereits das letzte Stündlein des Kabinetts . ge­schlagen zu haben. Mer es vermochte sich noch dadurch zu halten, daß es den „geretteten" KriegSminister über Bord warf und durch Berte a. u r ersetzte, durch den man die Radikalen zu versöhnen hoffte. Noch einmal ergab stch dann eine Wendung zugunsten des Kabinetts, als der freiwillige ab® richtiger gesagt unfreiwillige £oi> Syvetons die Skandal-Affäre des Nationalhelden der Nationalisten bloßlegte.

Mer die Freude des Kabinetts war nur von kurzer Dauer. Der Ansturm der vereinigten Opposition setzte bald mit erneuten Kräften ein, und die Abwehr des durch das Spionage system gegen die oppositionellen Offiziere bloßgestellten Kabinetts wurde immer schwächer. Die jetzt beim Zusammentritt der klammer erfolgte Wahl des Überläufers D o u m e r zum -Präsidenten mußte bereits als der „Anfang vom Ende" des Kabinetts Combes an­gesehen werden. In der stürmischen Samstag-Sitzung der Kammer kämpfte Herr Combes zwar mit dem Mute der Verzweiflung um das Leiben seines Kabinetts, und es gelang ihm auch zum Schluß, mit einer Mehrheit von 10 Stimmen, von denen aber 6 auf die Minister entfielen, ein sogenanntes Vertrauensvotum zu erzielen, aber das Votum nnd das Vertrauen waren gleich schwach. Herr Combes. mag bei diesem „Siege" Wohl gedacht haben: Noch ein solcher Sieg und- ich bin verloren! Viel­leicht bedarf es aber gar nicht noch eines solchen Sieges, vielleicht bedeutet schon dieser Sieg Herrn Combes' „Glück und Ende!"

*

Paris, 1.4. Januar. Die heutige Sitzung beginnt um 2 Uhr. Wie gestern sind die Tribünen und die Diplo­matenlog« überfüllt. Bei Anfang der Sitzung spricht der Sozialist Dejeante eine Stunde lang vor ziemlich leeren Bänken. Dann steigt Combes zur Rednertribüne Hinaus, und die Deputierten, die sich bis dahin in den Coulo-irS aufgehaltcrr haben, strömen in den Saal hinein. Combes wendet sich dann sofort den Dennnzia tronsasfäreu izu und sagt, öi« Regierung habe die Denunziationen offen getadelt, aber halte es für ihre Pflicht, jeden Fall einzeln zu beurteilen und denjenigen, die im guten

Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1905.

Glauben gehandelt haben und sich zu ihrem Verhalten autorisiert glaubten, das -zu ihren Gunsten anzuerkennen. (-Lärm und Gelächter rechts und im Zentrum.) Für die Regierung sei der Zwischenfall definitiv beendet. (Hef­tiges Geschrei rechts und im Zentrum.) Ma>n betreibe wieder einmal große Tugendprotzevsi und täglich seien in den Zeitungen die Namen von Mitgliedern der Ehren­legion zu lösen, die den Ordensrat auiforderten, gegen die angeblichen Denunzianten vorzugehen. — Plichon (M elinist): Das sind die ehrlichen Leute! — Combes: Unter diesen -Namen befinden sich sehr wenige Mepubllka- ner. (Beifall und Geschrei.) Die große Mehrheit gehört tzur antirepublikanischen Opposition. Das Ganze ist eine monarchisch-klerikale Bewegung. (Stürmischer Beifall und Lärm.) Combes geht nun zu der Politik über, die er befolgt und sagt, er erkläre offen, daß ihr Merkmal der energische Kampf gegen den iKlerikalismus gewesen sei. (Beifall links und Gelächter.) Er spricht von der Art, wie er -bas Versicherungsgesetz a-usgeführt und weiter ausgestaltet habe, von der Unterdrückung des Ordens-- unterrichtes und der Schließung -der Klöster. — Der alt« Royalist Baudry d-Assou, ö-er Hanswurst der Kammer, ruft: „Die Klöster werden wieder auserstehen!" Hierauf ereignet -sich eine sehr komische Szene. Der neben Baudry sitzende 82jührige Royalist Bourgeois, der den alten Heiß­sporn immer am Arm fcftzuhalten und zu beruhigen pflegt, hat von diesem Amte genug und verläßt kopf- schirttelnd unter allgemeiner Heiterkeit -seinen Platz. Baudry folgt ihm, Bourgeois eilt unter stürmischem Jubel des Saales und der Tribüne zu der obersten Sitz­reihe hinaus, aber Baudry folgt ihm auch dorthin und fetzt sich neben ihn. — Combes fährt, als die Heiterkeit sich gelegt hat, fort: Ich bin berechtigt zu sagen, daß die. -Abschaffung des Ordens unterricht es wenn- Nicht das -wichtigste, so doch -eines der wich­tigsten Ereignisse unter der Republik War. (Großer Beifall links.) Die Kongregationen hatten damals ihr Netz über ganz Frankreich gespannt und die Armee, den Richterstand und das Schulwesen mit Be­schlag belegt- (Beifall und Lärm.) Wenn die Offiziere avancieren -wollten, mußten sie dem Regime-ntsgeistli-chen gefallen und zur Messe gehen. (Beifall und Geschrei.) Jeder weiß, welche Flut von Schmähungen und Verleum­dungen sich ans mein weißes Haar ergoß. (Stürmischer Beifall links.) Ich hatte das erwartet und habe auf bem Posten, auf -den man mich gegen meinen Willen gestellt, (Gelächter), ehrlich der Republik gedient. Ich habe mir das bekannte Wort wiederholt: „Möge mein Leben, möge mein Andenken untergeben, wenn nur die Republik am Leben bleibt!" Combes geht -dann mit etwas ermüdender Breite auf die einzelnen unerledigten Reformentwiürse -ein. Die Einkommensteuer könne in drei Sitzungen zu­stande kommen. Unter großem Beifall links erklärt er die Trennung der Kirche vom Staat für uNvermetMch und sagt, diese Reform oder die Arbeiteraltersversorgung könnte im Mai zur Debatte kommen. Besonders lange verweilter bei der Trennung der Kirche vom Staat, sagt, daß der Papst die Arbeit der Regierung sehr erleichtert habe, und fährt dann fort: Die Kammer müsse sagen, ob

Das Eheversprechen.

Novelle von I. H. Nosny.

Autorisierte Übersetzung von Wilhelm Thal.

(11. Fortsetzung.)

„Das finde ich nicht gerecht", erklärte Franp-ois. „Tie Anklage kam zu unerwartet, als daß wir eine genügende Verteidigung hätten vorbereiten können. Drei Monate ist auch nur sehr kurz, aber da kann man schließlich eher etwas beginnen."

„Aber tvas soll ich denn tun?" rief Cazelle ärgerlich. „Sie werden keine Sachverständigen finden, zu denen ich größeres Vertrauen haben könnte . . . Und Sie werden rnir zugeben, das wäre, abgesehen von den Briefen schließ­lich das einzige, worüber wir nicht einig sind."

„Man könnte vielleicht Widersprüche finden, und so den Ursprung der Fälschung Nachweisen."

„Jeder Gerichtshof würde die Beweise als genügend erachten; ich kann nicht mehr tun, als das Gepicht", ver­setzte Cazelle nüt der Kälte eines unbesiegbaren Ent­schlusses ... Bis zum siebenundzwanzigsten, mein Herr, bin ich bereit, Ihre Rechtfertigung -anzuhören."

Er hatte sich halb erhoben, die drei Männer verneig­ten sich schweigend.

„Ich bin endgültig besiegt", sagte Frangais, wäh­rend er mit seinem Bruder nach der Madeleinekirche hinunterging. „Es ist nicht möglich, von heute bis zum achtundzwanzigsten die Wahrheit an den Dag zu bringen."

„Von heute bis zum achtundzwcmZigsten, nein. Aber das Geld könnte man auftreiben, das vielleicht der ganzen Geschichte eine andere Wendung gibt . . . hm, hm, dieses Mädchen hatte Absichten auf dich . . . merkwürdig, daß du so gar nichts bemerkt hast . . . Allerdings sind diese Amerikanerinnen verblüffend schlau."

Frantzois gab keine Antwort, sondern stieg ruhig mit seinem Bruder in einen Fiaker. Er hatte nicht die ge­ringste Kraft. Eine drückende Müdigkeit lähmte seine Glieder und erstickte seine Gedanken. Er sah nur noch wie in einem Traum die reizende Gestalt Fvonnes, ihr ernstes Lächeln und das feenhafte Licht ihrer schönen Augen . . . das Ende der Welt war gekommen. Der letzte Tag brach an . . . Alle seine Träume starben, wie die Blätter des Herbstes. Er empfand ein Verlangen, zu sterben, und als er sein Zimmer wieder betrat, fiel er fast ohnmächtig ans einen Sessel. Das Herz schlug kaum noch: aber wenigstens entging er auf -diese Weise der Traurigkeit und dem Kummer des Lebens. Ms er aber wieder zu. sich kam, war der Anfall noch schrecklicher. Über eine Stunde wurde er von Schluchzen geschüttelt, während sein Bruder unbeweglich und schweigsam zahl­lose Pläne entwarf.

IX.

Jvonne war nicht weniger verzweifelt. Ihr Vater hätte ihr die Briese, die Berichte seines Sachverständigen gezeigt, und schließlich, als das junge Mädchen noch immer zweifelte, Ellen F-arnham kommen lassen. Nichts konnte auf die Einbildungskraft einer jungen Person mächtiger wirken, als das Zeugnis dieses schönen Mäd­chens. Sie schien so recht geschaffen, zu blenden und ge­liebt zu werden. Die Eifersucht verzehrte Jvonne und wirkte stärker als jeder Tatbestand. Nach dem Diner flüchtete sie in ihr Zimmer und blieb dort lange Zeit in furchtbarer Stimmung an dem geöffneten Fenster sitzen. Es war einer jener lauen Frühlingsabende, wo ein milder Wind den Duft der Bäume, der Gräser, der lang­sam aufknospenden Blumen stärker -hervortreten -läßt. Aus den Gärten, die in Halbdunkel getaucht waren, er­hob sich- -die Lebensfreude, die geheimnisvolle Wonne der Blüten, die sanfte und zärtliche Luft, die das grüne, duftige Kleid der Erde seit -so vielen tausend Jahren ver­

hüllt. Angesichts des Zaubers der Natur vergoß Jvonne noch heftigere Tränen. Sie erhob den flehenden Mick zum Himmel empor, an welchem sich Wolken und Sterns in dichtem Wirbel miteinander vermischten. Sie vergoß keine Träne, kein, Zorn schwellte ihre Brust gegen Fran- tzo-is Bernäys, doch ihr ganzes Wesen bebte in tiefer Ent- rüstung. Sie fühlte, sie würde nach einem- solchen Ver­rat nie mehr Vertrauen zu den Menschen haben, sich nie mehr in ihren Träumen sicher fühlen, und- -diese köstliche Ruhe der Seele, die dem Glück einen erhöhteren Reiz verleiht, schien aus immer verschwunden. Als er sie mit diesen fast naiv aufrichtigen Augen, die sie so heiß ge­liebt, ansah,' da hatte sie nicht gelaubt, daß er seiner Liebe sch schnell untreu werden, sein Wort so schnell brechen würde. „Mein Gott, mein Gott, habe Mitleid mit mir, gib mir ein wenig Kraft und laß mich vergessen", rief sie und hob ihr blasses Gesicht zur Decke empor.

Die Tränen flössen reichlicher, ihr Busen hob und senkte sich heftig, und sie wünschte schnlichst, dieses elende Leben zu verlassen . . .

Einige Tage später sah sich Fräulein Jvonne beim fiVR o’clock der Madame Cazelle einen Augenblick in einem- -der kleinen Salons -mit einer alten Jungfer allein, die ihr früher einmal Musikunterricht gegeben, und zn der sie jetzt noch freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Fräulein Rövalle war schon von Geburt eme jener selb, samen Personen, die mit den Jahren immer eigentüm­licher und sonderlicher werden. Sie hatte eine heftige, fast gebieterische Sprechweise, eine Tapirnase, einen un­geheuren Mund, der, wenn er offen war, einer Harmvnika- ähülich sah, hervortretende Augen von beunruhigender Beweglichkeit. Zum Ausgleich für so viele Häßlichkeiten besaß sie -das sanfteste, liebevollste, naiv ausdrucksvollste Lächeln, das einem jeden Vertrauen einflötzte. Fräulein Rövalle schnupfte, trug -merkwürdige Talismane bei sich, um sich vor den Mikroben, wie auch vor -den bösen