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N». IV.

Morgen-Ausgabe.

2 . K!att.

Mittwoch,

11. Januar 1905.

53. Jahrgang.

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Dcr Künstler, an den, man die Originalität als charakteristische Eigenschaft hervorhebt, gehört schon deshalb in den zweiten Rang; denn die Geister ersten Ranges charakterisiert der Sinn für das Natürliche. Sie machen es wie alle andern, nur unendliche Male besser. Franz Grillparzer.

(12. Fortsetzung.)

Merenne.

Roman von G. Warden. Autorisierte Bearbeitung.

Nein, liebes Herz, obzwar ich offen gestehe, -daß sie nach meinem Geschmacke etwas gar zu geschwätzig ist! Erich Cunliff", fügte sie nach kurzem Zögern hinzu, scheint ein sehr netter Mensch zu sein, meinst du nicht wich?"

Ja, mag sein. Ich habe mich, offen gestanden, sehr wenig mit ih.ni befaßt. Jedenfalls ist er sympathischer als sein Bruder, den ich für äußerst beschränkt halte. Er ist auch ein hübscher Mensch, kein Wunder, denn seine Mutter war in ihrer Jugend eine Schönheit. Mein Vater ge­hörte zu ihren enthusiastischen Bewunderern. Der junge Cunlisf mag ja ganz gewiß anziehend sein. Wer wes­halb fragst du? Was ist's mit ihm?"

Ich stelle mir nur die Frage, ob Adrienne ihn nicht auch sehr anziehend findet."

Adrienne!" rief der Graf plötzlich stirnrunzelnd. Ich habe nichts bemerkt, gar nichts. Du vermutest doch nicht, daß sie sich geneigt fühlen könnte, sich in eine LiabeStändelei mit ihm einzulassen?"

Vielleicht sind wir noch nicht so weit, aber ich habe mir schon mehrmals gedacht, daß es dahin kommen könnte. Er ist sehr schön, sie ist es nicht minder, der Zu­fall hat die beiden in der Vergangenheit wie in der Gegen­wart vielfach zusammengefuhrt. Es wäre nur natür­lich, wenn sie ein lebhafteres Interesse für einander hegen würden."

Der Gras antwortete nicht: sichtlich erregt schritt er mehrmals im Gemache auf und nieder. Seine Frau folgte ihm, offenbar bemüht, ihn zu beruhigen und, be- merkte endlich sehr ernst:

Ich habe natürlich nicht vergessen, lieber Bernhard, was wir am Tage unserer Ankunft in Orchardstone in dieser Hinsicht zusammen gesprochen haben, und ich weiß auch, daß du von einer Vermählung Adriennens nichts wissen willst, aber"

Du willst- sagen, ich habe nachträglich zugestanden, daß ich mit dem, was ich gesagt, zu weit gegangen? Und das ist auch wahr! Es mag ja sein, datz AhriMne früher oder später heiraten wird. Ich will es nicht bezweifeln, aber was du da eben -angedeutet hast, überraschte mich vollständig, denn ich hübe nicht im entferntesten an die Möglichkeit gedacht, daß sie sich für Erich Cunlisf inter­essieren könne."

Ich war so fest überzeugt, daß dir dieser Gedanke noch niemals gekommen, daß ich kaum wußte, was ich tun sollte, ob es recht sei, mit dir darüber zu sprechen oder nicht. Persönlich habe ich die Empfindung, daß

man an der Bewunderung des jungen Mannes für Adrienne nicht wohl zweifeln kann, und ich glaube ehr­lich gestanden auch, daß er ihr sehr gut gefällt. Eine erste Liebe fällt immer schwer in die Wagschale, selbst wenn der Betreffende nicht alle jene Vorzüge ausznweisen hat, welche Herrn von Cunliff kennzeichnen. Von weltlichen Gesichtspunkten aus läßt sich natürlich mancherlei für und wider eine solche Partie sagen. Er ist nicht sehr ver­mögend, tut nichts und hat wenig Aussicht, der Erbe seines Bruders zu werden, wenn sich für Baronin Gwendoline noch längere Zeit hindurch Gelegenheit bietet, ihre Vor­züge entsprechend zur Geltung zu bringen. Du aber wirst Adrienne ja doch ein ansehnliches Vermögen aus­werfen, und was Geburt und Wstammung betrifft, so ist Herr von Cunliff ihr ebenbürtig. Seine Faniilie . . ."

Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Seine Familie hat mit der Angelegenheit gar nichts zu tun, ebenso wenig wie die meine; ich möchte auch nicht weiter davon sprechen. Wenn zwischen den jungen Leuten irgend eine Tändelei besteht, so tue dein Mög­lichstes, um dieselbe im Keime zu ersticken. Ich , habe nichts gegen den jungen Cunliff, aber es wäre mir un­lieb, wenn er Adriennens Gatte würde. Unter keiner Bedingung könnte ich jemals meine Einwilligung zu einer Vermählung jener beiden geben."

Er trat ans Fenster und wandte dem Zimmer den Rücken, ^ode Einwendung, welche seine Frau sich hätte versucht fühlen können, zu machen, wurde durch Adriennens Eintritt unterdrückt.

Papa, es tut mir leid, daß ich vergessen habe, jene Briefe zu schreiben, deren Erledigung du mir übergeben hattest. Ist es jetzt zu spät?"

Viel zu spät, mein Kind, aber glücklicherweise liegt nicht viel daran!" entgegnete der Graf, sich zu einem natürlichen, freundlichen Wesen zwingend.Komm, bleibe doch im Zimmer", sprach er, als seine Tochter Miene machte, sich wieder ins Freie zu begeben.Dein Anzug ist viel zu leicht für diese Temperarur."

Das wurde mir auch schon früher gesagt, aber ich empfinde es nicht."

Für die Briefe ist cs, wie gesagt, zu spät", fuhr der Gras fort.Wenn du mir des.Morgens aber eine Stunde deiner Zeit widmen könntest, wäre mir's nur lieb. Du hast eine prächtige Handschrift, die weit eher an jene eines Mannes als an die einer Frau erinnert. Ich hoffe, mein Sekretär wird so hübsch schreiben wie du!"

Dein Sekretär?" fragte Adrienne überrascht, denn sie hatte bisher keine Ahnung gehabt, daß ihr Water ein fremdes Element ins Haus zu ziehen gedenke.

Hast du dich also in dieser Hinsicht schon völlig ent­schieden. Bernhard? Das freut mich!" warf die Gräfin ein.Denn du bürdest dir wahrlich zu viel auf."

Jedenfalls habe ich wehr zu tun, als mir behägt, und die Verwaltung von Rugclev läßt es mir auch wünschenswert erscheinen, eine Stütze zu besitzen. Natür­lich batte ich weniger zu tun, wenn ich den alten Fleetwood pensionieren könnte, um eine jüngere .Kraft an dessen Stelle zu setzen, aber ich vermag es nicht, mich zu einem solchen Schritte zu entschließen.

Der Alte war Inspektor zu Lebzeiten meines Vaters, und ich glaube, es würde ihm das Herz brechen, wenn er einer jüngeren Kraft Platz macken müßte. Ick

nehme mir folglich lieber einen Privatsekretär, und zwar je eher, desto besser. Ich denke, daß ich den Versuch machen will, ein Inserat in die Zeitung zu geben .Was sagst du dazu, Eleonore?"

Ich dächte, daß unter den vielen, einflußreichen Be­kannten, welche du besitzest, es dir auch aus andere Art gelingen könnte, eine geeignete Persönlichkeit zu finden."

Mag sein, aber unter meinen Bekannten habe ich durchaus keine Bürgschaft, auch nur eine einzige Men­schenseele zu finden, welche meinen Anforderungen ent­spräche, während durch ein Inserat vielleicht einer tüch­tigen Arbeitskraft ein entsprechender Lebensweg gebahnt wird."

Dieser Fdeeng-ang paßte vollständig in die Ans- fasfungsweise der Gräfin und sie nickte zustimmend.

Adrienne stand an einem Tisch und blätterte in ver­schiedenen Zeitschriften, sie sprach kein Wort, obzwar sie jede Silbe hörte, die -man geredet. Der Sekretär inter- essierte sie nicht. Sie kümmerte sich ebensowenig um ihn, als es ihr jemals in -den -Sinn gekommen wäre, sich für die Aufnahme irgend eines Reitknechtes zu interessieren.

Baronin Gwendoline war während der Heimfahrt äußerst schweigsam-; ihr Vetter warf zuweilen eine flüch­tige Bemerkung hin und wunderte sich, so wenig Gehör zu erhalten, denn in der Regel zeichnete sich die Baronin durch große Redseligkeit aus; er sagte sich, daß sie durch irgend' etwas verstimmt worden sein müsse,. und zerbrach sich den Kopf darüber, was es wohl sein könne. Jeden­falls ahnte er nickt im Entferntesten, daß er der Schuldige sei, und -war nicht wenig überrascht, als sie in Cunliff anlangten und anstatt, wie er es erwartet hatte, ihm gute Nacht zu bieten, Gwendoline in merklicher Eiregung sprach: .

Warte einen Augenblick, ich habe mit dir zu reden« tritt in die Bibliothek."

Hat denn das nicht auch morgen früh Zeit?"

Nein, heute bin ich in der Stimmung, zu reden.".

Schweigend folgte er ihr, und als sie einander in dem helle'.'leuchteten Raume gegenüberstanden, bemerkte er, daß ihre Züge einen halb zornigen, halb sarkastischen Ausdruck trugen.

Erich, es reißt mir die Geduld anläßlich deines Be­nehmens", sprach Gwendoline heftig.

Anläßlich meines - Benehmens? WaS soll das heißen?"

Ja. Dein Benehmen in bezug auf Adrienne Derring! Ich bin überzeugt, daß die Gräfin schon Ver­dacht schöpft, ich l-as es heute in ihrem Gesicht, und du bist fürwahr sehr unklug, sehr unvernünftig."

Wirklich?"

Er tat dergleichen, als ob er den eigentlichen Sinn ihrer Worte nicht verstehe, und bemerkte mit gut ge­spielter Rübe:

Du änderst deine Anschauung etwas allzu häufig, meine liebe Gwendoline. Erinnere dich freundlichst, daß du mich vor mehreren Wochen getadelt hast, weil ich Adrienne Derring keinen Heiratsantrag gemacht habe; habe ich jetzt etwa aus den: gleichen Grunde dein Miß­fallen wachgerufen?"

(Fortsetzung folgt.)

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Mainz, den 3. Januar 1905.

Justizrat Wolf, Grösst. Notar.

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