sa. Jahrgang.
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N«. is.
Verlags-Fernsprecher No. 295S.
Diettstag, den 10. Januar.
Nebaktions-Fcrnsprechcr No. 52.
1808 .
Morgen - Ausgabe.
1. Wlatt.
Kompromiß, der GrMgedMke der MMlon.
Die Komsiromitzpalitik — auch wegwerfend Kuhhandel genannt -— steht heute in schlechiteni, Stuf; und doch bietet der Kompromiß', d. h. der Ausgleich, durch gegenseitige Zugeständnisse in allen gesellschaftlichen und staatlichen Verbänden, von der Familie angefangen bis hinaus zum internationalen Verein, die einzige Möglichkeit des Zusammen- oder Nebenemanderlebens.
Frei beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen,
sagt der Dichter, und die Herren Doktrinäre und Partei- Politiker, die heute so tugendsam über „Kuhhandel" und Prinzipienlosigkeit schelten, sollen doch gefälligst einmal zeigen, wie dort, wo die verschiedensten — oft geradezu entgegengesetzten — Interessen vorhanden sind, ohne gegenseitige Zugeständnisse zu einem , greifbaren Ergebnis zu kommen sei. Es ist gewiß etwas Wahres an dem 'Satz: Prinzipien ruinieren eine jede ordentliche Politik; insofern nämlich, als Prinzipienreiterei ein jedes ersprießliches Zusammenwirken unmöglich macht.
Das darf aber nicht falsch verstanden werden. Nicht einer grundsatzlosen Politik wollen wir das Wort reden. Nicht daran deuten wir, zu verlangen, daß Charakter und Gepräge der einzelnen politischen und wirtschaftlichen Gruppen verwischt werden; sondern wir wollen einzig und allein zur Duldsamkeit im öffentlichen Leben mahnen und dazu, daß jene Kreise, welche im Augenblick von dieser Duldsamkeit nicht zu profitieren vermögen, sie in einer gerechten Weise beurteilen. Wir verlangen, daß man sich vor allem in Deutschland vertraut mache mit dom Wesen der föderalistischen Gesinnung, welche, wie schon Konst. Frantz sagt, keinem Wesen und keiner Form eine ausschließliche Geltung zuschreiben kann, da jede solche Ausschließlichkeit offenbar ein Hindernis der Föderation ist. Diese nimmt vielmehr die menschlichen Dinge, wie sie sind, lind so sind sie einmal, daß man sich gegenseitig akkommodieren muß, und weil immer verschiedene Ansprüche nebeneinander bestehen, kein einziges Recht als absolut gelten kann.
Denn das ist überhaupt, sagt gleichfalls Frantz,*) der Grundgedanke des Föderalismus: Verbindung selbst- ständiger, von der Familie und dem Hauswesen an sich stusonmäßig erweiternder Lsbenskreiss zu einer sich gegenseitig ergänzenden Wirksamkeit, das Ganze nicht ohne die Glieder, die Glieder nicht ohne das Ganze.
•) Aufruf zur Begründung einer föderativen Partei. S. 13.
Wan kann ihn danach als ein zweiseitiges Prinzip be- . zeichnen, weil er immer ein Doppeltes vor Augen hat: Individualität und Gemeinschaft. .Beides gehört zur menschlischen Entwickelung. Der Mensch ist Mensch nur in der menschlichen Gesellschaft, die Gesellschaft aber ist nicht etw-a selbst ein Gesanitmensch, wie allerdings, die Sozialisten sich die Sache vorstellen, sondern sie ist nichts ohne die Persönlichkeit ihrer Glieder. Dies letztere hatte der Liberalismus ganz richtig aufgefaßt, indem ntan aber die möglichste Freiheit der Individuen anstrebte,
. übersahen, manche Jndividnalisten das andere Moment, d. i. die Gemeinschaft, und zerstörten die organischen Verbindungen, infolgedessen die Individuen selbst ihren Halt verloren.. Die proklamierte Freiheit schlug damit in ihr Gegenteil um, indem sie zuletzt zur Verknechtung der Massen unter die Geldhervschast führte. . Und dagegen erhob sich, wie schon gesagt, der Sozialismus, der eben von dem anderen Momente ausging, d, i. von der Gemeinschaft, die er ebenso einseitig geltend machen will, wie der Individualismus die Individualität. Zwar sind die sozialistischen Ideen noch nirgends zur praktischen Durchführung gelangt, ihre innere Unwahrheit ist aber auch ohne die Probe der Erfahrung 31 t erkennen. Denn nicht nur, daß alle Freiheit verschwände und der furchtbarste Despotismus entstehen müßte, wenn es kein individuelles Eigentum mehr gäbe und alle Produktion nach den Befehlen einer gemeinsamen Ober-, behörde betrieben würde, sondern selbst der Zweck, den man dabei ausdrücklich erstrebt, d. h. eine möglichst reichliche materielle Versorgung der ganzen Gesellschaft, würde total verfehlt werden, sobald mit der individuellen Freiheit der unentbehrliche Anreiz zu Fleiß und Sparsamkeit verschwände. Allgemeine Dürftigkeit und selbst ein Rückgang der materiellen Kultur würde daraus erfolgen, kurz das Gegenteil von dem, was man erhoffte.
Noch einmal also: die menschliche Entwicklung beruht auf den . zwei ineinandergreisenden Momenten der Individualität und der Gemeinschaft. Darum kann die einseitige Geltendmachung des einen oder des anderen nur zerstörend wirken. So sind Individualismus und Sozialismus, -als die reinen Gegensätze, auch beide gleich einseitige Prinzipien. Der Föderalismus hingegen, der von vornherein beide Elemente ins Auge faßt, ist das über den Individualismus wie über den Sozialismus hinausgchende höhere Drittel
Wollen wir also ilicht, daß einseitig die eitle Richtung -— sei es in geistiger, sei es in materieller Beziehung —*- zur Herrschaft gelangt, daß also der eine Teil den anderen vergewaltigt und nacktes Unrecht die Herrschaft führt, so werden wir immer den Weg des Kompromisses betreten müssen; freilich aber, und das ist die ethische Forderung, die der Sozrwlp-olitiker stellen muß, in der edlen und geläuterten Form des Föderalisnms. .sch.
Politische Übersicht.
LehrlingSbildnng im Handwerk.
Die Heranbildung und Wiedergewinnung eines tüchtigen Stammes von Lehrlingen wird allgemein im Handwerkerstand als eine dringende Notwendigkeit angesehen. Nur wenn es gelingt, einen fachlich und in bezug auf allgemeines Wissen vorzüglichen Nachwuchs hevanzuziehon, kann das Handwerk gegen die Massenfabrikation des Großbetriebes durch besser ausgestattete und präziser aus gearbeitete Erzeugnisse erfolgreich konkurrieren. Zu den Befugnissen und Pflichren der Hand- Werkskammern gehört auch die Überwachung und Regelung des Lehrlingswesens, und diese -Organisationen der Handwerker geben sich auch alle Mühe, auf «ine bessere Ausbildung der Lehrlinge hinznwirken. Trotz- dem es leider noch immer genug gewissenlose Arbeit- geber gibt, die ihre Lehrlinge lediglich als Ansbeutungs- objekte ansehon, die die Lehrlingszüchterei im großen betreiben und bei denen die jungen Handwerker bestenfalls die Anfertigung von Teilarbeiten erlernen, sind auch schon manche Erfolge zu verzeichnen, welche an- zeigen, daß eine Besserung des Lehrlingswesens im Handwerk zu erwarten ist. So sind z. B. in Deutschland schon eine ganze Reihe Tarifverträge festgelegt, in denen die Lehrlingshaltung beschränkt, die Zahl der Lehrlinge in ein festes Verhältnis zur Zahl der beschäftigten Gehülfen gebracht ist und Bestimmungen getroffen sind,, die das Heranwachsen von Pfuschern einschränken sollen. Daß die Erfolge nicht schon weiter geführt haben, liegt! aber nicht am schlechten Willen der Meister und Lehrlinge, sondern das liegt in unserem mangelhaften Volks- schulwesen auf dem Lande und im Mangel des Fortbildungsunterrichts. Mit Meremstimmung wird das von fast allen Handwerkskammern in den verschiedensten Teilen Deutschlands -hervorgehoben. Dein Sinne nach stimmen alle Äußerungen in dm Berichten mit dev Handwerkskammer in Königsberg überein, die -berichtet: „Die theoretischen Kenntnisse der Lehrlinge sind fast durchgängig, namentlich in den ländlichen Bezirken, wo die Fortbildungsschulen fehlen, minimale. In den seltensten Fällen vermögen die Lehrlinge eine einfache Rechnung. oder Quittung korrekt und richtig auszustellen, und die Buchung von Einnahmen und Ausgaben ist ihnen meist -ein vollständiges Rätsel . ._ ." Die Handwerkskammer für Oberfranken, um ein Beispiel aus Süddeütschk-aud an,Zufuhren, berichtet, daß viele junge Handwerker im Zeichnen nicht ausgeblldet sind unb die Werkzeichnungen zum Gesellenstück nicht ansertigen können, die Unzufriedenheit der Dresdener Kammer mit den schriftlichen Arbeiten der Leh-rlinge hat bereits dahin geführt, daß ein Mimsterialerl-aß an die Fach-, Fort-
Kemlletorr.
Die „travailleurs“ von Paris.
Arbeitsaristokraten. — Politik und Tagcsrverk. — Der Papagei
auf dem Zink. — Lohn und Haus. — Travailleurs ©tt&e.
Travailleurs und ouvriers sind nicht ganz dasselbe. Man mutz die Nuance kennen. Die travailleurs sind die Aristokratie der Arbeiterschaft, es sind die Leute der athletischen Muskeln. Die Schreiner, die Spengler, idle Kürschner und ihresgleichen kann man nur als ouvriers bezeichnen,' wer in „Ateliers" sein Brot verdient, riecht schon beinahe nach Salon. Der wahre travailleur wirft mit der Schippe zehn Kilo losgchackten 'Grund aus dem drei Meter tiefen Kanalgraberl kühnen «Schwungs auf die Straße, er windet gewaltige Stein- blücke an eisernen Ketten zur fünften Etage eines Neu- ibaus empor, er hämmert «wie ein -Jordaensscher Bülkau vor öÄm Blasbalg glühende Schienen oder verrichtet sonstige Tttanenarbeit. Der Mann der Kraft ist stolz aus den Namen travailleur; tonnt er das Wort aus- spvicht, rollt er die R's lote ein Hanptmann Preußischer Kavallerie beim Kommando: „Dvnnerrvweiter!" Bvl«ks- reidner in der Pariser Arbeitsbörse spielen die Bezeichnung travailleurs «wie einen Trumpf aus; sie wissen so viel Ehrfurcht hineinznlegeu, daß ihren Hörern sicherlich nicht weniger die Brust im Selbstgefühl schwillt wie einst den Soldaten 'der großen Armee, -wenn Bona- parte sie anrief: „Grenadiere!" Das Wort enthält heute so viel Adel, daß in Streikangelegenheiten versammelte Kutscher öder Schneidergehülfen aufs äußerste geschmeichelt sind, wenn ihre Führer sie mit dem nur den groben «Arbeitern gebührenden Prädikat „travailleurs" trak- «tiercn. Zölas „Travail" und seine anderen «sozialistischen Mömane von „Genuinal" an haben nicht zuletzt dazu Deigetragen, in jenen, die sich am härtesten Mühen, das «Gefühl zu wecken, daß sie die Edelsten unter den Arbeiten- tden, -die über die Allgemeinheit der ouvriers zu stellenden travailleurs find.
Der Typus 'des französischen travailleurs findet sich am ausgeprägtesten in Paris, wo er seinen Stolz am meisten zur Schau stellt. Breitspurig, schwer wie ein
Koloß erscheint er in den Straßen und aus den Bonle- «vards, den Effekt berechnend. Welch. ein Kontrast mit «den Herrchen im Gehrock, mit den Dämchen in Seide, die dort korsettiert, behandschuht und parfümiert auf den Trottoirs flanieren. «Den Kops aus dem dicken Nacken zurückgesetzt, öi-: schwieligen Fäuste in die Hüsten gestemmt, die Bluse und die weiten, graubraunen Sam/methvscn aufgeblasen wie ein Ballon, schaut der travailleur aus die dekadenten Inhaber des Kapitals herab. Nachkomme «der Sansculotten, haut der Manu «der nunmehr für Fünse genügeniden Stöfs enthaltenden 'Enloite seine Hacke in das Erdreich, so verachtungsvoll, als gäbe es keinen Zweifel mehr, daß in Bälde das ganze kapitalistische Parts über seinen Gruben nrt'b Kanälen Zusammenstürzen werde wie ein Kasten aufge- vantcn Spielzeugs. Die travailleurs find überzeugte «Sozialisten, nicht ans Unzufriedenheit, Neid öder Not und Hatz, w«ie vielfach ihre Genossen in der Pröviüz und mehr noch im Ausland:, sondern aus dem Gefühl ihres Rechts und Stolzes als Arbeiter der Kraft, denen entsprechend der härtesten Mühe der höchste Lohn gebührt. Die travailleurs von Paris haben mehr erreicht als ihre Genossen sonstwo, sie. haben ihr gutes Auskommen. Durch keine tumultvollen Ausstände wie in Marseille öder in den G-rnbengebieten machen sie sich be'merMch; sie haben politische Erfahrung und lassen t«m Vertrauen ans die Zukunft des Sozia lis'mus den DiNgeu ihren Laus. «Sie Men sichre föziali-st-ffchen Blätter, gehen in sozialistische Versammlungen, verfolgen den Gang der Parlamente aus der Nähe und machen «weder ihren Deputierten noch der Polizei durch In trau- sigeUz Unbequemlichkeiten. Parts hat von «den travailleurs nichts zu befürchten; «sie sind, tvenn man so sagen darf, Evolntionisten und nicht Revolutionäre, „avisierte" Politiker. Wenn die -deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten den französischen in Sprache und Handlung nicht gleichen, so ist dies, weil auch das Proletariat dieser Länder sich- nicht gleicht, das Verständnis beim fran- «zö'sischeu für Parlamentarismus, Diplomatie und Geduld geht weiter. Die terrassiers sind die Lieblinge «der Parlamentarier, die in ihren Agitativnsversammlungen stets unbedingt einen travailleur für das „Bureau" ge
brauchen; es macht sich ausgezeichnet, wenn sich am Tische aus der Estrade neben den Herren im feierlichen Bratenrock solch ein Koloß mit Schlapp-Hosen und blauer Bluse uiederläßt, daß der Stuhl zus-ammenzubrcchen droht; man sieht sogleich, daß man unter cito.vens ist, und daß die g-.-lchrten. Herren der Volksvertretung wirklich die r-epubli'-kainsche Devise Cg-alitö, Fraternitck im- Herze« tragen — der Erd- und Schweißgeruch des travailleurs in'kommaüdicrt sie nicht.
Während die „leichteren" Arbeiter überall den Acht, stnnldentag zu -evz'win-gen suchen, hat der Pariser travailleur bisher die Zeiw-erkürzung für die Arbeit als ein Fa'nlen'zer-ideal angesehen. Er erhebt sich mit dem Hahnenschrei und begibt sich in die aufg-erissene «Straße, an seinen Neubau oder irr die Eisenschmied-e. Sinkt die «Sonne, dann wirft er «Schippe oder «Hammer beiseite. Man könnte ihn für einen Sp-artiaten, für das Muster eines fleißigen Bürgers halten. Aber der MuSkelstarke hat sein: schwachen Seiten. Er, der Eiseüstäbe über 'dem Knie brechen kann, bricht gar zu gern „eine Kruste". „Aller casser nne cremte", Heißt in seiner Sprache, einen Liter hinter die Binde gießen. Meldet er sich- um 6 Uhr früh beim Aufseher zur «Stelle, dann versteht es -sich um 9 Uhr von selbst, daß man etwas aussp-annt. Der marchancl de vin ist stets in der nächsten Nähe. Die meisten Grundarbeiter oder Maurer frönen dem Nativ» nalübel, «dem Absinth; der grüne, alkoholreiche und wundervoll, ähnlich wie der Whisky, nach Kreosot schmeckend: «Aperitif, Appetiterrogcr, erfrischt die staub- und tabakgeibeizten Kehlen und bringt Magen uüd Gehirumasse ins „Gleichgewicht"; der Pariser fühlt sich noch nicht „richtig", so lange er nicht der „grünen Fee" zugesprocheu. Der erste Ausspann des travailleurs dauert eine halbe bis «dreiviertcl Stunden. Schlag Mittag begibt man -sich «z-wm Dejeuner. In Paris durchwandern nicht um diese Zeit die Mütter und Kinder mit Heükelkörben, dem Vater das Essen bringend, die Straßen, wie man es überall in «Deutschland sieht. Der französische Arbeiter, der sich seine Flasche nn«d sein Brot mitbringt oder bringen läßt, aus Ersp-arniAgr'ünden, ist selten. Mit den Kameraden begibt >:r sich in seine Kneipe, «wo er an niederen Tischen hockt und sich die freilich billigen Portionen Fletsch und
