cs. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Vezügs-Prcis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
AZ,GOO Avormenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petit,zeilc für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen - Annahme
für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingcrcichter Anzeigen zur nächst- erscheinenven Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
N» 13.
Berlags-Fcrnsprecher No. 2988.
Sonntag, den 8. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1808.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. -gSCrtff.
Krauchen mir mehr Kavallerie?
Neben der Gesetzvorlage über Fvstlegmiig der zweijährigen Dienstzeit der Fußtruppen ist gleichzeitig dem Reichstage ein Gesetzentwurf über die Vermehrung der Armee um 8 Infanterie-Bataillone, 9 Kavallerie-Regimenter, 2 Fuhartillerie-Bataillone und 1 Telegvaphen- Bataillon zugegangen und dabei eine Mehrforderung von ,74 Millionen Mark für die nächsten 5 Jahre gestellt worden.
Das stehende Heer würde hiernach von 495 000 auf 505 839 Mann (ohne Offiziere, Unteroffiziere, Ärzte und Beamte) erhöht werden. Als Begründung wird angeführt, daß die allgemeine Wehrpflicht seither unzm länglich 'durchgeführt wäre, einzelne Formationen für den Kriegsfall gleichmäßig geordnet werden mühten und daß die vorhandene Kavallerie unzulänglich sei usw., namentlich dürfe sich Deutschland von den anderen Großmächten nicht überflügeln lassen. Also Vermehrung ohne Ende. Gehen wir der Sache ans den Grund, dann kommen wir zu ganz anderen Resultaten, als die Begründung andeutet. Fm deutschen Heere wurden bisher alljährlich rund 260 000 Soldaten ausgebildet, so daß bei einer Militärdienstpflicht vom 21. bis 39. Lebensjahre die Kriegsstärke sich wie folgt beläuft: Auf die ersten 7 Jahre aktiv und Reserve 1 820 000 Mann,
6 Jahre Landwehr 1. Aufgebots 1300 000 Mann,
7 Jahre Landwehr 2. Aufgebots 1820 000 Mann, zusammen 4 940 000 Mann oder nach Abzug: Sterbefälle, sonstiger Abgang 440 000 Mann. Bleiben 4 500 000 Maim. Rechnet man die Offiziere, Unteroffiziere, Ärzte, Beamten dazu (die schon im Frieden 411400 Köpfe betragen) mit rund 260 000 Mann, so ergibt dieses für den Kriegsfall eine Kopfzahl von i 750 000 Mann. Eine so zahlreiche Armee von ausgebildeten Kriogsmänuern kann keine Macht der Welt ins Feld stellen. Ter sonstige Bestand von ausgebildeten Mannschaften vom 39. bis 60. Lebensjahre ist hier gar nicht berücksichtigt worden, obgleich ein großer Teil dieser Leute in den Altersklassen während des Krieges 4870/71 Verwendung gefunden hat.
Die ganze Militärlast — sei diese als Blntstcner empfunden oder hinsichtlich der Geldmittel in den Konsumsteuern (Zöllen usw.) enthalten — muß fast aus- schließlich von den breiten Schichten des Volkes getragen werden. Daher ist jode Armeevermehrung eine neue schwere Bürde für die unteren Volksklassen, die von ihrer Hände Arbeit leben müssen und namentlich für diejenigen Leute besonders drückend, die 3 Jahre bei
der Kavallerie zu dienen haben. Ein Ausgleich in den Arineeformätionen kann auch ohne Verrnohnmg der kostspieligen Kavallerie erfolgen.
Wir haben 23 Armeekorps und 94 Kavallerie- Regimenter (mit dem kombinierten Jäger-Regiment zu Pferde in Posen) und 12 Eskadronen Jäger zu Pferde, so daß auf jedes Armeekorps. 4 Kavallerie-Regimenter entfallen, über die Zahl 4 hinaus hat das Gardekorps 4, das 1. Armeekorps 2, das 6. und 17. Korps je ein Regiment; werden dem 11. und 19. Korps und dem 3. Bayrischen Korps zu der: vorhandenen 2 noch je 2 Regyrchirter zugeteilt, dann bleiben noch 2 Kavallerie- Regimenter und 12 Eskadronen Jäger zu Pferde disponibel. Einem jeden Korps noch ein 5. Kavallerie- Regiment zuzuteilen, ist selbst dann nicht möglich, wenn noch 9 Regimenter neu formiert werden.
Wie die Erfahrungen aus den letzten Kriegen lehren und wie hohe Offiziere aus Fachkreisen bekundet haben, kann nach Einführung der modernen Feuerwaffen die Kavallerie keinen wesentlichen Einfluß auf den Gang des Krieges mehr ausüben, vielmehr ist sicher zu erwarten, daß die Kavallerie bei etwaigen kühnen Angriffen dem mörderischen Feuer nur als Kugelfang dient. Schon vor 50 Jahren hat der damalige französische Kriegsm,finster der Kavallerie keine besonderen Erfolge im Kriege zugesprochen und die Wirkung dieser Waffe nur als- „Hick und Pick" bezeichnet. Der Gebrauch des Karabiners im Reiten verspricht auch keinen nennenswerten Erfolg bei den gemischten Waffen.
Selbst berittene Infanterie kann nur da nutzbar Verwendung finden, wenn große Wegeftrecken in Wüsten oder auf wilden Landflächen schnell zurückzulegen sind, um dann zu Fuß im Gelände mit der Feuerwaffe fechten zu können.
Die Infanterie ist die Hauptwaffe im Felde, weil allerwärts verwendbar; Artillerie mit den neuen Schnell- seuergeschützen die beste Hülfswwffe. .Kavallerie läßt sich nur zeitweise in passenden Fällen verwenden. Im Gewoge der Schlacht bedürfen die Kavalleriemassen oft selbst noch des Schutzes gegen eine feindlich-mörderische Feuerwirkung; namentlich aber belasten viele Reiterscharen das Transport, und Verpflegungswesen im Felde iu ungewöhnlicher Weise. Um die Armee auf einer zeitgemäßen Höhe zu halten, hat die Armeeverwalvmg weit dringendere Aufgaben zu erfüllen, als die Vermehrung der Kavallerie, zumal diese imponierende Paradetmppe den zeitgemäßen Kriegsansorderungen nicht mehr ent- spricht. Weit dringender ist der innere Ausbau des Heeres, so unter anderm: bessere Nutzbarmachung der Fortschritte in der Kriegstechnik, auch von der Hesves- führung; Beseitigung der vielfach herrschenden Bitterkeit durch bessere Sicherung der Existenzen; Förderung der Kameradschaft auch zwischen Offizieren und Mann
schaften, und Belebung des Pflichtgefühls, statt der Eitelkeit durch äußere Abzeichen und Putz, damit ein frischer Geist waltet und die Liebe zum Kriegsdienst gehoben wird. Die Kriegserfahrungen sind die Zeit-Verhältnisse! sprechen in erdrückender Weise gegen eine schr kostspielige Kavallerie-Vermehrung.
Der ruMch-japanische Krieg.
Die Russen in Tsingtau.
Nachstehender Brief von E. St. in Tsingtau, den wir 'der Wochenschrift „Der Deutsche" entnehmen und der zwar kein Wohlwollen gegen die Japaner verrät, doch eine treffende Schilderung der Niederlage der russischen Flotte nach dem mißglückten A usbruchSversuch e aus Port Arthur und der Anwesenheit der Russen in Tsingtau enthält, bringt recht bemerkenswerte Tatsachen:
„Die unerträglich selbMewußten und geschäftlich abgefeimten Japaner genießen bei den Deutschen Asiens wenig Liebe. Aber die Sympathien für die Russen sind auch stark abgekühlt, und da bisher niemand den Grund dafür offenbart zu haben scheint, will ich Ihnen mit dem nötigen Tatsachenmaterial anfwarten. Als die russische Flotte Port Arthur zu verlassen den Befehl erhielt, bat Admiral Witthöst, ihm nicht das Kommando zu übertragen,- er hatte noch nie ein Geschwader geführt, sondern war in den Bureaus groß geworden. Trotzdem mußte er heraus; seine Untergebenen, ebenso unlustig und -zagend, mit ihm. Es hatte keinerlei Ausklärung am Feinde stattgefunden. Man „hoffte", die Japaner seien weit meg. Auf der Außenreede fand man den „Nvwik" und signalisierte ihm nun, er möge sich anschlietzen. Man hatte einfach vergessen, ihn früher zu informieren, und so kam er schließlich o-hne eine Tonne Kohlen -mit dem letzten Atemzug in -Tsingtau an. Vergessen hatte man auch, die Boote und alle übrigen Holzteile im Hafen zu lassen, was wegen der Brandgefahr undSplitterwirkung sonst in jeder -Marine vor -dem Gefecht geschieht. Die Barkassen nfw. sind nachher doch durchlöchert und unbrauchbar; und tatsächlich waren die Russen während -des Gefechtes fortgesetzt mit Feuerlöschen beschäftigt. Das Geschwader -hatte Lei: Befehl, dem „Zesarenitsch" zu folgen und folgte ihm in einer endlosen Kiellinie, ohne Aufklärung voraus -und ohne seitliche Sicherung. Plötzlich tauchten links und rechts die Japaner auf, und das Gefecht begann. Zum Unglück für die Russen traf bald ein Japaner das Ruder des -Flaggschiffes, -und nun folgten alle russischen Schiffe -den Schlangenlinien des „Zesarewitsch", bis -der „Retwisan" das Signal sah und den Befehl übernahm. -Das Resultat 'ist bekannt: die Russen erkämpften sich nicht den Weg nach Wladiwostok, sondern Fürst Nchtom-sky mit der einen Hälfte des Geschwaders floh nach Port Arthur zurück, die anderen Schiffe gingen nach Süden. Die russische Flotte war dabei stärker als die japanische; sie Hätte bei richtiger Füh-
Femlletorr.
Ku§ meiner Mappe.
(F ü r das „Wiesbadener T a g b l a t t".)
Von Walther Schulte vom Brühl.
XXIII.
„Hirtenknabe, Hirtenknabe!"
Vom Balkon meines Hauses hat man eure wunderschöne Aussicht. Besonders malerisch gestaltet sie sich über einen mit einem Wäldchen gekrönten Steinbruch und über ein weites Tal hinweg nach einer Anhöhe, -auf der, soweit man mit bloßen: Singe erkennen kann, ein altes Gemäuer von einigen Baumgruppcn malerisch umgeben ist. Es sieht immer schön aus, ob nun die Glut der Sonne auf diesem Erdenfleckchen lagert, oder ob die Landschaft in grauen Tönen liegt, oder ob mächtige Wolken sich hinter der Anhöhe auftürmen. Ost ruhte mein Blick auf diesem malerischen Plätzchen in der Ferne zwischen den langweiligen, baumlosen Feldbreiten. Und ich weiß nicht, wie cs kam, ich mußte dabei immer an ein Bild denken, das in meinem Vaterhiause im- „guten Zimmer" hing und das mir als Kind so ausnehmend gefiel. Ein lockiger Hirtenknabe saß da mit seiner Schäferschüppe inmitten seiner Schafe. Die Sonne bestrahlte ihn, daß sein Brustlatz rot leuchtete, und seine Blicke richtete er nach einer nahen Bergkuppe, auf der ein Kapellchen zwischen den Bäumen eines Friedhofs hervorlugte. Tie Landschaft war der sehr ähnlich, -die ich jetzt vor mir hatte, und so kamen mir -denn oft auch die Schlußverse aus dem Uhlandschen Liede in den Sinn, Pie unter dem Bilde standen, die Verse:
Hirtenknabe, Hirtenknabe,
Dir dort singt man auch einmal.
Ich fühlte mich ganz eigentümlich berührt, als ich einmal wieder nach der lieblichen Stätte hinschaute und als ein Bekannter, dem ich voll Stolz diese Aussicht zeigte, mir sagte: „Aber wissen Sie denn nicht, daß das
-da oben der Friedhof ist. Düs Gemäuer ist eine Kirchenruine, aber der Totenacker wird immer noch benutzt.
Später bin ich -dann hinausgewandert und Hab? mir die idyllische Ruhestätte der Toten angesehen, die Grabsteine und die Bäume und die Kirchenruine und habe mich an der herrlichen Aussicht ergötzt, die man von diesem Friedhose aus ins blauende Gebirge hat.
Eines Tages — ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen — wuchsen neben dem Friedhof Mauern empor. Jeden Tag wurden sie höher. Mit dem Operngucker konnten wir deutlich erkennen, daß es ein stattliches Haus wurde. Mußte das ein Sonderling sein, der sich da dicht neben -dem Friedhof, weit ab von: Torfe, in der Einsamkeit eine Villa baute. Ja freilich, eine wunderbare Aussicht würde er haben, dieser Villenbewohner, eine ganz entzückende Aussicht, aber — aber. Da wurde es uns eines Tages deutlich, daß die vermeintliche Villa eine Leichenhalle sei. Nun grüßt sie von der Höhe herüber zu mir, über die Täler hinweg. Immer muß ich sie sehen, wenn ich zum Fenster hinausblicke. Es ist schoir so etwas -wie Freundschaft' entstanden zwischen den -beiden Häusern auf der Höhe, zwischen jenem Hause und dem meinen, die sich- so in die Fenster blicken. Es bekümmert mich nicht, aber nun wollen mir jene Verse gar nicht mehr aus dem Sinn:
Droben trägt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in öem Tal,
Hirtenknabe, Hirtenknabe,
Dir dort singt man auch einmal.
XXIV.
Gin Kunstwerk.
Das liebste Bild -meiner kleinen Gemäldesammlung ist eine Vorfrühlingsstimmung, vor einem Vierteljahrhundert von einem Künstler geschaffen, der heute unter den ersten Landschaftsmalern genannt wird. Er -malt jetzt ganz anders wie damals. Er hat sich eine breite, pastose Technik angewöhnt und stellt sich schwierige Probleme. So zum Beispiel hat er es sich in den Kopf gesetzt, Sonnenlicht im Bilde ohne den Gegensatz von
Schatten wirksam herauszubringen. Ob er's erreicht hat, weiß ich nicht, aber das weiß und fühle ich jedesmal, wenn ich mein Zimmer betrete und einen zärtlichen Blick auf das Bild werfe, daß er damals, als er kaum erst die Akademie bezogen hatte und dies Bildchen vor der Natur malte, in all seiner Unzulänglichkeit schon ein großer Künstler war und innerlich kaum noch- ein größerer werden konnte, denn was er fühlte, er wußte es deutlich auf der Leinwand auszusprechen. Und wie h-at er das erste Werden des Frühlings empfunden!
Ta dehnt sich die falbe Wiese hin, auf der cs hier und da bereits in kräftigem Grün emporsproßt. Ein Bächlein, geschwellt vom Regen, rieselt über sie fort. Dürre Rohrstanden schwanken noch darinnen vom letzten Fahre. In weißlichem Duft stehen ferne die Vorposten der Stadt, kleine Häuschen. Dunkel, unendlich sein in der Zeichnung, ragen im Vordergründe einige kahle Erlen gegen den wolkigeir Himmel. Grau steht noch das Gebüsch zur Rechten des BildeS, aber es ist, -als ginge ein Ahnen des Frühlings durch das Gezweigs, und an einem W-eiden- strauch, in dein dürres Gras und Stauden von der herbstlichen Überschwemmung hängen, zeigt sich schüchtern -das erste Grün. Ein paar Kinder, Farbenfleckchen nur auf der weiten Wiese, suchen die ersten Maßliebchen im Grase, und ans der dunstigen Luft schwingen -sich heimkehrend Vögel her und halten Rast in dem Gezweige der Erlen.
DaZ ist kein Atelierbild; es ist vor der Natur gemalt, in der Natur gefühlt. Ich weiß noch, wie der junge Künstler, nachdem er -sich vom gewerblichen Meißner Porzellanmaler unter harten Entbehrungen zum Kun-st- schüler anfgeschwungen hatte, auf seinem Feldstühlchen vor der Staffelei saß und mit den feinsten Pinselchen —- ach, vielleicht mißachtet er heute solche seinen Pinselchen — diese Ästchen und Vögelchen vor die Luft hinz-eichnere.. Und doch, bei aller Naivität in der Technik, wirkt die äußerst subtile, delikate Malerei doch nirgends kleinlich oder gequält.
Und der junge Maler hauchte sich in die froststarren Hände, sprang ein paarmal umher, sich die Füße zu Wärmen, und dann ries er, indes seine Augen- leuchteten:
