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ss. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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. 2 .

Verlags-Fernsprecher No. 298».

Montag» den 2 . Januar.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1905 .

klbend-Kusgabe.

1. Ml'crti._

Das deutsche Mirtschastsleben.

Beinahe genau mit dem Kalenderjahr 1904 fällt eine Entwicklung in unserem Wirtschaftsleben zusammen, die an Folgerichtigkeit ihrer Grundtendenzen, an Be» harrlichkeit ihrer Durchführung, an Umfang der in Betracht kommenden Interessen, kaum ihresgleichen in -der deutschen Pro-dnktionsgeschichte hat. Es handelt sich um eine Ära der Konzentrationen, -der Fusionierungen, der Kartellierungen, der Syndikatsbild-ungen, um Vor­gänge also, deren gemeinsamer Chamkter dermaßen sichtbar isr. daß inan es sich ersparen kann, die inneren Triebkräfte dieser Bewegung noch besonders hervorzu- heben. -Aber was sonst in unserer schnelllebigen Zeit als Einzelerscheinung rasch vergessen zu werden pflegt, daS fügt sich -dem rückschauend-en Blick zu einer org-a- irischen Einheit zusalm-men, und es verlohnt sich wohl, mit kurzen Worten zu sagen, daß man es hier mit Vor­gängen zu tun hat, die nach Inhalt wie nach Umfang etwas Neues im wirtschaftlichen Entwickelungsprozeß darstellen. -Gewiß, auch vor Jahrzehnten schon hat es Verschmelzungen von Jndnstrieunternchmung-en g eg oben, und weder die Kartelle noch die Syndikate, noch die trustartigen Bildungen sind eine Erfindung von heute. W-as aber den gegenwärtig sich vollziehenden Vorgängen ihren Stempel aufdrückt, -das ist die durchgehende Linie einer sicheren Konseguenz, eines -widerstandslos wirken­den Grundznges zur Ausschaltung des zerstörenden Wettbewerbs. Es gibt kein Gebiet -des Erwerbs­lebens, auf dom- nicht die gefährlichen Wirkungen der rückhaltlosen Rivalität erkannt worden wären, -aus dem sie nicht durch' zweckmäßige Vorbeugungsmaßregeln fern- gehalten würden. Der Bildung des rheinisch-westfälischen Ko-Hlensyndikats folgte im- laufenden Jahre die Grün­dung des rheinisch-westfälischen Stahlwerk-Verbandes, dem sich alsbald die o-berschlesischen Werke angliederten. Es folgte weiterhin die Errichtung eines besonderen ober-schlesischen Stahlverbandes, es kam zu großartigen Verschmelzungen von Hüttenwerken im Westen wie im Osten. Die gleiche Bewegung setzte sich aus dem Gebiete der -Elektrizitäts-Industrie durch, ferner in der Zement- Industrie, in der chemischen Industrie nsw. Wir können hier auf die Einzelheiten -der Entwicklung nicht ein- gehen, wir würden den Lesern auch- nichts sagen, was ihnen nicht schon bekannt wäre, und so -wollen wir uns damit begnügen, nur einige wenige markante Vorfälle aus dem Gesamtgebiete dieser merkwürdig intensiven, wirtschaftlichen Bewegung hervorzuheben, die Verschmel­zung mehrerer großer Elektrizitäts-Gesellschaftem die Fusion Gelsenkirchen-Schalk-Rote -Erde, endlich (weil es

das jüngste derartige Ereignis ist) die Fusion zwischen der ober-schlesischen Eisenbahnbedarss-Gesellschaft und den Hul-dschinskyschen Hüttenwerken. Auch an die parallelen Ereignisse aus dem Bankenmarkte braucht nur im all­gemeinen erinnert zu werden, da es als bekannt voraus­gesetzt werden darf, daß gerade auf diesem Gebiets eine beharrliche Strömung nach der Kumulierung von Kapi­talien, nach der Beseitigung eines störenden Wettbewerbs, nach Ausdehnung des Geltungsbereichs durch Zusammen- sassung von Geltungsgebieten, lebendig ist. -Als das ent­scheidende Kennzeichen aller dieser Tendenzen, gilt uns dre wachsende Einsicht der beteiligten führenden Erwerbs­kreise sowohl auf dem Industrie- wie auf dem Finan-z- gebiete, daß die alten Formen von Produktionen wie auch Konsumtion nicht mehr ausreichen, daß ein gründ­lich verändertes Wirtschaftsleben, wie es sich aus der er­zielten höheren Stufe der deutschen G-esamtvolkswirtschast darstellt, neue, größere, reibungsloser funktionierende Formen verlangt. Man geht nicht mehr darauf ans, den Gegner mit allen Mitteln unschädlich zu machen. man erkennt, daß solcher Konkurrenzkampf, auch den Sieger empfindlich schädigen kann, und so zieht man es vor, sich entweder in größeren Verbänden , ^zus ammenzu tun oder sich ganz zu verschmelzen. Beides ist in ungewöhn­lich reichem Maße im jetzt zu Ende gehenden Jahre ge­schehen, und zwar ausnahmslos in dtten Zweigen der wirtschaftlichen Betätigung, in der Hochsinanz. wie in den. leitenden Industrien. Das Besondere dieser Er- scheinunigen aber ist, daß .außerhalb Deutschlands viel­leicht nur noch -die Vereinigten Staaten eine ähnlich intensive Bewegung auszuweisen haben. Weder aus England, noch aus Frankreich, noch gar -aus den anderen europäischen Staaten ist gleiches -bekannt geworden. Ur­sache wie Wirkung sind klar: Nordamerika ist ein aus- blühendes Land, und Deutschland ist es,auch. Vereinzelte Rückschläge bedeuten da nichts gegenüber der Grund- strömung. Gewiß sind nicht alle Blütenträume in diesem Jahre gereift, aber vorwärts geht es doch.

Politische Übersicht.

Oberst Leutwcin.

L. Berlin, 81. Dezember.

Oberst Leutwein wird sich in den politischen Kreisen, -die ohnehin gegen ihn eingenommen -sind, durch die Be­reitwilligkeit, mit der er nach seiner Ankunft in Hamburg Ausfrageru Rede und Antwort gestanden hat, schwerlich beliebter machen. Leutw-ein scheint beinahe zu glauben, daß er doch nicht mehr viel zu verlieren habe, daß es also in einem hingehe, wenn er sich so deutlich ausdrückte, -wie es ihm, als Gewissenspflicht erscheint. Ungewöhnlich -ist es ja, daß ein Militär, noch bevor er sich mit der Vorge­setzten Behörde in mündlichen Rapport gebracht hat, das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Mitteilungen über die

Lage in Südwestafrika so ausgiebig befriedigt. Es wird an den sogenannten zuständigen Stellen wohl -manches Kopfschütteln darüber geben, aber Oberst Leutwein ist nicht der Mann der zaghaften Seitenblicke. Was- _ er einigen journalistischen Besuchern in Hamburg gesagt hat, das kommt auf ein Programm hinaus, von dem min- destens das eine sicher ist, daß es nicht als das Programm des Generalleutnants v. Trotha und wohl auch nicht als dasjenige des Reichskanzlers g-olten kann., Denn wenn Herr Leutwein erklärt, die Hauptsache sei nicht, zu siegen, sondern Frieden zu machen, denn gesiegt hätten- wir ge­nug, dann hat man freilich den Eindruck, daß ein sehr verständiger, nüchtern abwägender Manu spricht, ab-er, wie gesagt, man hat nicht den Eindruck, daß -die gegen­wärtige Aktion in Südwestafrika eine Ausführung dieser Vorschläge ist. Oberst Leutw-ein wird- sich, nun binnen kurzem 'mit -d-en- Maßgebenden Berliner Persönlichkeiten zu unterhalten haben. Wir lassen die Frage unent­schieden, ob er -den verlorenen Einfluß zurückgewinnen wird, aber man möchte wünschen, -daß es geschehen möge.

Zur Handelsvertragsfrage.

Mit dem Unterbleiben der Kündigung der Handels- Verträge befestigt sich die Erwartung, daß die Verhand­lungen mit Öst err ei ch-Ungari t demnächst zum Vertrags­abschluß führen werden. Die Sachlage wäre hiernach die, daß die Kündigung erst nach dem Zu-stan-d-ekommen eines Vertrages mit dem Donaureich-e erfolgen würde, daß somit die neuen Verträge sämtlich erst etwa Mitte Janu-ar oder -anfangs Februar 1906 in Kraft treten würden. In politischen Kreisen wird aber auch die Frage erörtert, ob -die Kontrahenten nicht eine Ver­kürzung der Geltungsfrist der jetzigen Handelsverträge, vereinbaren könnten. Mindestens läßt der Bescheid des Reichskanzlers an das Berliner Ältesten-Kollegium, wo- nach eine genügend lange Frist zwischen der Verösfent- lichung der Handelsverträge und- ihrem Inkrafttreten liegen soll, eine dahingehende Vermutung offen. Hn- dessen handelt es sich einstweilen nicht um -mehr als eine Vermutung.

Segen der agrarischen Politik.

-Fleischbeschau und Augenerkranknngen, wie kommt das zusammen? Leider nur allzu gut. Der bekannte Augenarzt Professor Cohn in Breslau veröffentlicht tm „Tag" einen interessanten Aufsatz, dem wir entnehmen, daß der Blasenwurm im Auge als Folge des Genusses von sinnigem Fleisch mit dem Inkrafttreten d-er seg-ens- reichen strengen Fleischbeschau im Fahre 1890 so gut wie völlig verschwunden ist. Von 1878 bis 1890 operierte Cohn 13 solcher Fälle, seit 1890 hat er unter mehr als 24 000 Augenkranken keinen einzigen derartigen Falt­mehr gesehen. Auch andere Augenärzte machten gleiche Beobachtungen. Professor Uhthosf sah vor 189 Om Berlin je einen Blasenwurm im Auge auf etwa 1100 Augenkranke, später nur je einen Wurin auf 25 000

Feuilleton.

Berliner §Limmung§bilöer.

Von Paul Liudcnbcrg.

Gute Wünsche. — Der Wunschzettel der Reichshauptstadt. — Aus dem geselligen Lebe«. — Klatsch und Tratsch. — Die Schatten, seiten von Groß-Berlin. — Allerhand sonstige Sorgen. — Das L. P.-Fcst. — Paul Lindaus so ich dir!"

Der Wünsche reichste Fülle -wird in diesen Tagen -wiederum überallhin ausgestreut, wir wünschen dies, wir wünschen das, Glück -und Wohlergehen, Gesund­heit und Reichtum, alles aus das wärmste und herzlichste, ach, und wie viele schöne -Redensarten, gewohnheitsmäßig vorgebracht, sind mit diesem Wunschsegen verknüpft! „Ern glückliches, gutes, neues Jahr", es spricht sich so hübsch hin zur Mitternachtsstunde, wenn die Glaser hell an­einander klingen und die Silvestergeister schon ihren Spuk ausgeübt. Und es ist gut so, daß gerad' zur Jahr-es- ivendc die Lebenslust und 'Daseinszuversicht sich am fröh­lichsten regen, daß man ausgelassenen Sinnes dem neuen Jahre entaegeusieyt — es bringt ja genug noch der bösen Überraschungen und unerwarteten Enttäuschungen, warum sich im voraus damit beschweren, warum sich nicht einer der schönsten Lebeuszugaben, des Hoff-ens, er­freuen? Ja, wenn das Hoffen nicht wäre, das Hoffen nickt bloß für uns selbst und unsere nähere Umgebung, sonder» auch für -das Reich, für Stadt und Land, für die politischen und wirtschaftlichen Fragen, di-e vorläufig, so weit wir cs wissen, mit 1005 in wichtigster Weise für uns verknüpft sind. ,

Auch die Reichshauptstadt hat naturllch an diesen Hoffnungen und Erwartungen ihren redlichen Anteil. Aber sie hat daneben noch einen ganzen Pack für sich selbst, gewissermaßen so ein eigenes Konto, an wel­chem ihre sämtlichen Einwohner mehr oder minder be­teiligt sind. Achtung, zwei Millionen Ein­wohner, denn gerad' znm Jahreswechsel dürfte diese Ziffer erreicht worden sein. Unter diesen zwei Millionen über die Hälfte Frauen, -denn das starke Geschlecht befindet

sich laut genauen statistischen Nachweisen bei uns in -der Minderheit, die holde Weiblichkeit ist uns numerisch „über". Wenn sie ihre besonderen Wünsche äußern könnte , . . so viele Trauringe wären ja gar nicht in kurzer Frist zu beschaffen! Ist doch auch au diesem W-eih- nachtsfeste wieder, genau wie in den letzten Jahren, die „Verloberci" sehr mäßig ausgefallen und entsprach in keiner Beziehung den mütter-lichier- und töchterllcher- s-e-its gehegten gerechtfertigten Voraussetzungen. Das ist -überhaupt ein schlimmer Punkt, der sich recht unangenehm in dem aesellschaftlich so glänzenden Bilde des modernen Berlin ausnimmt. Sehr bezeichnend ein kleines Ge­spräch zwischen zwei Freunden zu vertrauter Stunde: „Sag' 'mal, alter Junge, es wür' doch -jetzt auch an der Zeit, daß du heiratest, du hast eine -beneidenswerte Stellung, ein gutes Einkommen, bist ganz der Mann, eine Frau glücklich zu machen, warum zögerst du nur, dir den eigenen Hausstand- z-u gründen?" — Der „alte Junge", dreißig Jahre -zählend, nachdenklich den blonden Schnurrbart streichend: „Ja, weißt du, ich -Hab' ja auch schon oft genug daran gedacht und hätte auch große Lust, aber die Wahl, die Wahl ..." — „Nanu, Spaß, du rn deinem zahlreichen Bekanntenkreise, jeden, Abend ern- geladen, überall gern gesehen, du brauchst nur zuzu­fassen." — „Zugegeben, aber nehm' ich eine Reiche, ein verwöhntes Ding, so stellt sic zu große Anforderungen an Haushalt Toiletten, Geselligkeit und so weiter." — „Dann nimm eine Arme. Den Luxus kannst du dir gönnen bei deinem Vermögen." — „Nein, mein Lieber, denn die macht noch größere Ansprüche!"

Hier kann man nur auf das ernsteste wünschen, daß -endlich eine Umkehr geschieht) denn unser ganzes ge­selliges Leben hat einen recht gefährlichen Zuschnitt erhalten. Der Drang, daß einer den anderen zu über- bieten trachtet mit den Gaben -der Küche und des Kellers, mit Blumen, Geschenken und dergleichen, der gleiche Wetteifer der Damen bezüglich Schmuckes und Toiletten, -die Sucht, überall dabei zu sein, wo nur etwas- in ge­selliger Beziehung los ist, hat die ungesundesten Zustände gezeitigt, welche für viele mit schwersten materiellen. Opfern verbunden sind, für andere nach einigen Berliner

Wintern -den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Und leider nicht bloß den -wirtschaftlichen, auch den moralischen. Welche Romane, aus -dem vollsten Leben gegriffen, könnte man da erzählen, mit den Schlußuber­schriften: „Ehescheidung", „Abenteurertum", „Gefäng­

nis", „Revo-lverkugel". Wir sollen nur nicht hochmütig über Paris die Achseln zuckert und m-it sogenannter Ent­rüstung von -deur dortigen „unmoralischen Sumpfe" sprechen, den haben wir bei uns ebenso gut, oder richtiger ebenso schlecht, mit dem einzigen Unterschied, daß bei uns ein Mäntelchen darüber gebreitet wird, -daß unsere einheimischen Bühnen- und Romanschriftsteller — der „Berliner" Roman ist überhaupt sehr in Ungnade ge­raten — ihre Sittenstoffe sich von anders woher holen un-d unsere angeseheneren Zeitungen -sich gar nicht oder nur in den notwendigsten Fällen mit gesellschaftlichem Klatsch befassen.

Letzterer w-ird -um so mehr privatim gezüchtet. In Insterburg soll sich kürzlich ein Seiet n- g c g e n -d i e Klatschsucht gebildet Haben. Wenn man sich über­haupt Nutzen davon verspricht, so könnten wir hier gleich ein Schock derartiger Vereine gebrauchen. Es ist un­glaublich-, was alles- hier -mit unbedingter Besttm-mtheit erzählt und in stets vergrößertem und vergröbertem Maße weitergeflüstert wird. So erst vor kurzem wieder von der Ehe und Ehefrau eines unserer allerersten. Künstler.' Alles war frei erdacht. Aber bevor derartige 'Verleumdungen das Ohr dessen erreichen, der sofort die Unwahrheit Nachweisen kann, hat das gesprochene Gift — eins der gefährlichsten — schon seinen vernichtend-en- Schaden angerichtet, und wenn man den Urheber zur Vergeltung ziehen will, so gehen die Spuren derart kreuz und quer, daß der oder die eigentlichen Schuldigen nur in den seltensten Fällen zu entdecken sind. Und hundertmal kann klipp und klar die vollständige -Grund­losigkeit irgend eines gehässigen Tratsches nachgewiesen werden, das hellste Licht wird doch verdunkelt durch die bekannte Randbemerkung: „Rn», etwas wird wohl

dran sein!" Ob man nicht gewohnheitsmäßigen Klatsch- mäulern durch härtere Strafen, als wie sie bisher das Strafgesetzbuch enthält, ihre üble Tätigkeit legen kann?