sa. Jahrgang.
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N«1.
Verlags-Fernsprecher No. 2988.
Sonntag» den 1 . Januar.
NedakUons-Fernsprecher No. 52.
1908 .
Morgen- Ausgabe.
1. Wtatt. ^ _
PoLrlische Wochenschau.
Die Politik steht bei uns noch im Zeichen -der Ruhepause, die mit -dem Weihuachtsfe st einsetzte und die uns noch bis in die ersten Tage des n encn Jahres hinein beschieden sein wird. Aber schon -a-m 3. Januar wird der erste Vorbote der wiederboginnen-den parlamen- tarischen Arbeit aus der Bildfläche erscheinen. Die K a n a l k o m m ission d e S A b g e ordneten- Hauses ist bereits zum- T!ienstag einberufen worden, um die Referate über die Kanatvorlage entgegenzunehmen. Aus diesem beschleunigten Verfahren läßt sich wohl schließen, daß bei der Mehrheit des Hauses jetzt die ernstliche Absicht besteht, das frühere Verschleppungs- Verfahren aufzugeben und den Kampf um die Kanalvorlage in dieser Session zu Ende zu führen.
Wie der Ansgang dieses Kampfes,, der jetzt aller- dings kaum noch zweifelhaft sein kann, für die Gestaltung der inneren Politik in Preußen, nach manchen Richtungen hin entsÜMdend sein wird, so spitzt sich die politische und parlainenlarische Situation iin Reiche ganz auf den Kampf um die Handelsverträge zu, dessen Entscheidung ebenfalls in dieser Reichstagssession erfolgen wird. Offtziös ist erklärt worden, das; die Handels- -ertrage noch im Januar, und zwar bald nach dem Wstderzusammentritt des Reichstags, diesem zugehen werden. Allem Anschein nach ist man überzeugt, daß bis dahin auch die Unterzeichnung -des Vertrages mit Österreich-Ungarn eine vollendete Tatsache sein wird.
Es wäre dringend zu wünschen, daß die neuerdings in Österreich ausgebrochene hl a b i n c t t s k r i s i s nicht noch in enter Stunde kurz vor Schicksalstoresschluß einen unsiststmcu Strich durch diese Rechnung mache. Der österreichische Ministerpräsident Herr v. K ö r b e r ist von esimdheitsrüLsichtcn" befallen worden, jener Krankl,eit, der man den Namen morbus diplomaticus verliehen iht. Fünf lange Jahre hat sich Herr v. Köriber mit dem Üartei-Tohiuwabohn in Zisleithanien rveidlich herumgeplagt. Das ist für österreichische Verhältnisse geradezu -sin Weltrekord. Nun aber ist ihm die Obstruktion im Reichsrat, die den Gang der parla-men- tarischen 2'Rrschine völlig ins Stocken gebracht hat, derart in die Glieder gefahren, baß er von der „diplomatischen Krankheit" befallen wurde. Freilich glaubt in Öfter- reich niemand, daß der Nachfolger Korbers den gordischen Reichsratsi noten losen wird.
FemUrtorr.- Ein- und Ausfälle.
(F ü r das „Wiesbadener Tagbla t t".)
Von Joseph ÄaiSler.
Zwischen de» In Hern.
Silvester ist Gerichtstag, llnd in den Silvester- glucken, we die Sterbestunde des alten Jahres läuten, dröhnt ein Ton der Posaunen des jüngsten Gerichtes. So glaub.e ich al» Junge, da ich noch sehr fromm war.
lind ich ging Silvesterabend in die Kirche. Die Menge log auf den Knien, gesenkte Häupter in bedrückter Ehrfurcht wie an einem Sterbelager. Der Hochaltar r.u Scheine weniger Kerzen, deren gelbes Sicht mühsam- -n.it dem mystischen Dunkel kämpfte, w-ie eine rissige Aus der Kanzel der Pfarrer, ein müder
Greis, sich vornübergebeugt unter der Last seilles Alters uich der Anstrengung des Wortes. Müde, zitternd, gebrochen klang seine Stimme oft nichr ein Flüstern in heisec»r Angst vor dem Unabwendbaren. So hielt er dem fterbenden Jahr seine Grabrede. Er wußte ihm nie viel Gutes nachzusagen. Ein Jahr der Sünde war's wieder gewesen, reich an bewußter Schuld und leichtfertig ^ae'rjäumter Gnade.
U tb der Küabe hörte voll erschauernder Ehrfurcht mV den Alten, denn er war sehr fromm, lind er hielt auch Gericht über das Jahr. Es war ein böses Jahr gewesen. Wie viel lange frohe Stunden hatte er in ausgelassenem Spiel mit Nachbars ewig lachender Grell vertan. Wie viel lange Stunden in heißer Erregung bei CooverS „Loderstrumpf" verlesen. Nichts als unwiederbringliche Gelegenheiten, durch Entsagung den Himmel zu verdienen. Dann die hitzigen Balgereien mit Mertens' streitlustigem Christi, das viele mit der- brecherischer List genaschte Gelee ans Murters Speisekammer und gar die eingeworfenen Fenster am Gartenbaus des- Meßners, der zwar immer ein giftiger Spaßverderber, aber doch auch ein näherer Diener Gottes war. Ein böses Jahr. Der Knabe war arg zerknirscht. Das. neue Jahr sollte gewiß viel braver werden. Wenn
Reich mir die Hand, mein Leben! So mag wohl jetzt der ungarische Ministerpräsident Gras Tis za seinem österreichischen „Genossen ün Unglück" verständnisvoll zurufen. Wenn geteiltes Leid wirklich halbes Leid wäre, dann müßten die Kabinetts- krisen in -Österreich und in Ungarn eigentlich immer schmerzlos verlaufen, denn da es in Zisleithanien und Transleithamen immer kriselt, so kriselt es ja auch in beiden Reichshälften immer gemeinsam. Jedenfalls hat Graf Tisza die größere Schneid. Er denkt fürs erste nicht daran, selbst nach Hans zu gehen, sondern er schickt statt dessen, den widerspenstigen Reichsrat nach Hause, Derartige Maßnahmen vollziehen -sich allerdings in den parlamentarischen Staaten nicht immer so leicht und glatt, denn wenn auch die Auflösung des Parlamentes nicht sckstver ist, so weiß man doch nicht, was 2aS neu gewählte Parlament bringen wird, ob es „uns Sorgen bringt. Leid oder Freud". Da ist der Beherrscher aller Reußen besser daran. Er dekretiert, daß die Semstwos und -die Stadtverwaltungen das Maul halten sollen, und also geschieht es, denn das Maul ist in Rußland dazu da, daß eö gehalten wird. Diesmal hat der Zar sogar ein übriges getan, indem er den Reformern den Mund noch mit seinem „neuesten, allerneuesten" Reform- progvarnm zu stopfen versuchte. Aber wie jener Thoater- direktou schmerzlich ausrief: „Blumen, nichts ^als
Blumen!", so kann man in diesem Falle sagen: Programme, nichts als Programme! Was das Minister- komitee, welches das jüngste Zarenprogramm nunmehr erst revidieren soll, davon übrig lassen wird, das dürste dann noch „auf dvm Verwaltungswege" besorgt und- ausgeho-oen werden. Jedenfalls kann kein Zweifel mehr darüber sein, daß die ehrlichen Reformbestreb-ungen in Rußland mit dem neuesten Erlaß des Zaren und der ihn begleitenden Drohnotc ans das tote Geleise geraten sind, während die rsvolutionäre Bewegung aus diesem Fehlschlag neue Nahrung schöpfen wird, soweit sie deren überhaupt noch bedarf. Es ist nicht zu övzrocifeln. daß jetzt die wachsende Gärung in Rußland, welche in dieser Woche wieder in dem Attentat aus den Polizei- meister S a ch a r o w ihren blutigen Ausdruck gefunden hat und die sich durch die neueste Politik _ der kleinen Mittel eben nicht beschwichtigen läfet, weiter wachsen wird, bis es vielleicht zu spät sein wird. Man hätte freilich meinen sollen, daß der Zar und seine Berater aus den schlimmen Erfahrungen des ostasiatischen & r i c g e S ,* der den offenkundig zutage liegenden Zusammenbruch des herrschenden Systems in Rußland bc. schleunigt h-at, ihre Lehren ziehen würden. Aber es scheint, daß die Geschichte auch diesmal nur das Eine lehrt, daß sie die Menschen nie etwas gelehrt hat!
er's nur erleben -durfte, die Glocken klangen gar so schaurig. Seufzend sprach der Greis auf der Kanzel sein zitterndes Amen dazu.
Silvester ist Gerichtstag. Und durch -die^ Silvestergedanken dröhnen die Tubatöne . eines ewig wiederkehrenden Gerichtes. So glaube ich auch heute noch, obwohl ich kein Junge mehr und nicht mehr sehr fromm bin.
lind wieder halte ich Gericht über das Jahr. Ich sitze an meinem Schreibtisch und das Bild eines frohen Weisen sieht auf mich herab. Sie haben ferne Propheten- Worte oft mißverstanden und mißdeutet. Zu mir spricht er ganz vertraut. Erst mit einem milden ermunternden Lächeln wie zu einem Kinde:
Sünde jode Stunde, in der du die lachende blonde Greil nicht geküßt hast. Sünde jede frische Rauferei, der du müde ausgewichen bist, dreimal Sünde die -vielen blinden Fensterscheiben, die du nicht eingeworfen hast. Tenn das -alles ist Gnade, die das Leben heißt.
Und -dann spricht er mit tönenderer Stimme und heißerem Blick: Sünde die Stunden, da dn träge an der Oberfläche hinschlichst, statt mutig in -die Tiefen zu steigen, in die rotslammenden der Freude, in die nacht- dunklen des Schmerzes. Sünde, was -du aus falschem Mitleid und wehleidiger Schwäche Altes, Welkes, Fremdes mit dir schleppst und -dir den leichtbeschwingten Schritt aufwärts beschwert. Sünde aber auch, wenn -du nur den leichten Kampf mit dem Schwachen gesucht hast und dem Starken aus -beni Wege gingst. Denn das alles ist Mißbrauch der Gnade, die das Leben heißt.
Ich aber beginne, von den lebendigen Stunden des Jahres, das nun sterben will, zu reden. Jenen Stunden, die noch in der Erinnerung eine heiße Sturmwelle durch die Seele jagen. Jenen Stunden, in denen das Innerste wach war. in jubelndem Erringen oder in verzweifeltem Verlieren. Es war ein reiches Jahr. Und das junge Jahr, das mit geheimnisvollem Lächeln dom sterbenden das Szepter aus der kraftlosen Hand nimmt. Null noch reicher werden.
Mit verlöschender Stimme sprach der Alte sein Amen. Mit heißem Atem rvie ein jubelnder Kampf- rufer mahnt der frohe Weise: Lebe!
Bischof Berylers Leidensweg.
Der Metzer Bischof Benzlcr, heute das enkank terrible des romsreuud/ichen Regierungskurses, hatte einst bessere Erwartungen gerechtfertigt. Die nachfolgende Darstellung, die den Metzer Bischof -als ein Opfer der eigenartigen Zustände seiner Diözese erscheinen läßt, ist deshalb nicht ohne Interesse. Aus Metz wird dem „Berl. Tagebl." geschrieben:
„Der weltfremde, feinfühlige Abt von Maria-Laach, dem ma>r den Rtetzer Bischofsstuhl anvertraut hat, ist sicher wider seinen Willen Mittelpunkt eines wahren Kesseltreibens, eines infernalischen Hexensabbats geworden. Das Metzer Bistum war ztvci Jahre ohne Oberhirten. Um die Persönlichkeit des Brjchoss stritt man sich zwischen Roni und Berlin, und wie die Dinge damals lagen, konnte man sagen, zwischen Frankreich und Deutsch- land. Freiherr v. Hertling trat seine Rv-mfahrten an, immer und immer wieder wurden Metzgergänge daraus. Der Draht arbeitete fieberhaft. Die katholische Fakultät in Straßburg wurde geschaffen; endlich nahm Roni- -den Abt Benzler, für den sich besonders der Kaiser erwärmte, als Kandidaten an: Benzler wurde Bischof von Metz.
Die Gemüter fanden sich allgemach- mit dieser Lösung ab. Überrascht tvar durch die Ernennung des Abtes kein Mensch- -mehr, und die Blätter aller Richtungen, mit Ausnahme der klerikal-französisch gesinnten, die vor der offiziellen Verkündigung noch etwas knurrten, erklärten fick mit der Person des hochgebildeten und fein empfindew- den Abtes einverstanden. Jetzt, da nichts mehr zu machen- war, gaben selbst die allerkatholischsten Seelen und ihre gute Presse klein bei, legten die Hand aufs Her, und beteuerten: „Kaiser und Papst haben gewählt, ihr Erkorener sei uns als d-er Erwählte des Herrn will- kommen, aber — und nun kommt der dicke Zopf, den man freilich nur mit allerlei Firlefanz behängt zeigte —- ein Einheimischer wäre uns doch lieber gewesen!"
Wie haben sich doch die Dinge feitöem gedreht! Benzler wurde einheimischer und intoleranter, als es der extremste Lothringer je auf dem Metzer Bischofssitz hätte sein können. Tie Regierungszeit dieses deutsch gesinnten Mönches bedeutet eine Stärkung -des Klerikalismus, wie wir sie selten erlebt haben. Lothringen ist heute ein aus- gesprochen ultramont-anes Land, ein Gespinst katholischer Männer-, Frauen-, Jünglings- und Arbeitervereine hat sich im Lande festgesetzt und Masche um Masche jeder freiheitlichen Regung erstickt. Und die schwarze Soutaue feiert einen unerhörten Triumph.
Wie kam das? Die Antwort ist: Benzlers Deutschtum hat sich müde und wund gerieben an seiner erg» priesterlichen, französierenden Umgebung. All seine
Die Uevrrraschimg.
Tie Frau Amtsrichterswitwe war eine glückliche Mutter. Das war nicht zu bezweifeln, denn sie sagte es selbst jedem. In unserer bösen Zeit, da die Jugend so verdorben ist, war ihr Willy ein Musterknabe. Wenn andere Mütter mit sorgenvollen Mienen von den bösen Streichen ihrer Herren Söhne erzählten, lachte die Frau Amtsrichterswitwe mit sorgloser Überlegenheit. Ihr Willy tat so etwas trotz seiner einundzwanzig Jahre nicht. Er richtete nicht wie der Älteste der Frau Steuerkontrolleur seine Gesundheit durch enormen Zigarettenkonsum zugrunde. Er war Temperenzler, während sich der Zweite der Frau Stadtarzt jede Woche zweimal betrank. Er hatte keinen Gefallen am Wideren Ge- schlechte. während Bürgermeisters für ihren ältesten alle Augenblick eine unangenehme Mädelgeschichte zu ran- gieren hatten. Willys einziges Vergnügen waren seine geologischen Entdeckungenstouren, von denen er immer mit großer Ausbeute heimkehrte. Mit Neid sahen die anderen Frauen ans die glückliche Mutter.
lind eben war die Frau Amtsrichterswitwe wieder die Triumphierende. Mit zärtlicher Rührung erzählte sie eben, ihr Willy habe ihr in seiner Freude nicht verschweigen können, daß er ihr heuer zum erstenmal auch bescheren wolle. Zum erstenmal erzählte sie. habe er von seinem Taschengeld so viel zusammengespart, daß er ihr ein hübsches Geschenk kaufen könne. Natürlich sei sie brennend neugierig, was er aussuchen werde. Junge Männer sind darin ja so unbeholfen. War das nicht hübsch? Fiel denn den Söhnen anderer Mütter so'etwas ein. Tie ließen sich nur bescheren und konnten nicht genug kriegen.
Der Weihnachtsabend kam. Auch bei Amtsrichters brannten die Christbanmlichter. Mit tiefer Rührung griff die Frau Amtsrichterswitwe nach dem zierlichen in Seidenpapier gehüllten Karton, auf dem in der flotten Handschrift des Sohnes stand „Meiner lieben Mama." In neugieriger Erregung öffnete sie ihn. Ein Paar reizender, außerordentlich geschmackvoller und koketter Strumpfbänder aus kirschroter Seide leuchteten ihr entgegen. Tie Schnallen aus Silber trugen zierlich ein- graviert das Datum: 14. XI. 1904.
