Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1851. — ^ 304
Mythus.
(Sine neue Dichtung von Emanuel Geibel.)
Es ruht auf klarem Perkenthrone Die Meerfey im Krystallpalast, Der Feuergeist mit güldner Krone Durchschweift die Lüste sonder Rast. Sie meiden sich mit finsterm Grollen, Sie stören, was des Andern ist; So lang des Erdballs Achsen rollen Währt unversöhnt ihr grimmer Zwist.
Da fängt in erzgetriebnen Schranken Der Mensch, der Schöpfung Herr, die Zwei, Daß dienstbar seines Haupts Gedanken Ihr ungestümes Walten sei.
Er bändigt ihre Wuth gelassen, Er gibt dem dumpfen Trieb das Ziel, Ins Brautbett zwingt er, die sich hassen, Zu unerhörtem Minnespiel.
Und sieh! aus ihrem dunkeln Bunde Aus Lieb und Abscheu, Brunst und Kampf Erwächst in mitternâchtger Stunde Das starke Riesenkind, der Dampf.
Mit wildem Tosen, hochgestaltig Springt er aus seiner Wiege Haft; Durch all sein Wesen gährt gewaltig Des Vaters Zorn, der Mutter Kraft.
Er fühltS in seinen Adern sieden, Ihm dünkt kein Werk zu schwer, zu groß, Doch ach, eS ward ihm nicht beschieden Ein Feld des Ruhms, ein Heldenloos. Nicht darf er in die Wolken greifen, Nicht spielen mit des Blitzes Loh'n, In Lüften nicht die Welt durchschweifen Ein freigeborner Königssohn.
Nein, wo der Mensch von Eisenschienen Sein unabsehbar Netz gespannt, Da muß in hartem Frohn er dienen, Tin Herkules im Knechtsgewand ;
Da muß er mit des Windes Flügel Wettlaufen in erglühter Hast, Und über Haide, Strom und Hügel Dahinziehn die gethürmte Last.
Des Mühlrads ungeheure Speichen * Muß er im Schwünge rastlos drehn, Ans Schiff geschmiedet muß er keuchen Als Ruderknecht bei Sturmeswehn. Er muß den Riesenhammer führen Zu ewig wiederholtem Schlag, Des Webstuhls Spulen saufend rühren; Ein neues Werk bringt jeder Tag.
Seit Jahren trägt ers, doch im Stillen Gedenkt er seines Stammes noch, Und feindlich allem Menschenwillen Ingrimmig knirscht er in sein Joch. O, wenn von seiner Kraft getrieben Ihr Nachts durchflogt ein weit Gebiet, Vernahmt ihr bei der Funken Stieben, Vernahmt ihr nie sein dräuend Lied?
„Frohlocket nur, ihr Herrn der Erde, Ihr Staubgebilde , bläht euch nur, Daß ihr uns herzwangt zur Beschwerde, Die alten Götter der Natur.
Ein schnöder Raub ist eure Krone;
Ein Hochverrath ist euer Ruhm; Denn uns verstießet ihr vom Throne, Und theiltet unser Fürstenthum.
Wohl dienen wir euch nun als Knechte Und dulden eurer Geißel Schlag, Doch murren wir im Schooß der Nächte Und harren auf der Sühnung Tag. Es bleibt des Glückes Sonnenwende Für kein Geschlecht von Herrschern aus; Auch euer Reich hat einst ein Ende, Auch euer Bau zerfällt tu Graus.
