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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. —

M 296.

Die Gefährlichen.

Erzählung von Louise von G.

(Fortsetzung.)

Der Oberforstmeister erhob sich. Machen Sie mich nicht ungeduldig. Ich habe den morgenden Tag für die Kopulation festgesetzt, und dabei bleibt eS! Ich bin im Ernst I

ElSbeth sagte nichts mehr; denn an einer gewissen angefchwollenen Ader auf der Stirn ihres künftigen Ge- wahls ersah sie, daß er wirklich „im Ernste war" und sie vielleicht übermorgen gar nicht mehr geheirathet hätte. Sie eilte also in ihr Zimmer und suchte mit Hülfe des EtubenmâdchenS einem weißen Sommergewande ein fest­liches Ansehen durch Hülfe einiger alten Spitzen zu geben, und beschloß, auS einer restaurirten Tüll «Schärpe den bräutlichen Schleier zu bilden, aus dem einige wenige natürliche Myrlenreifer, die einzigen, die ihr der Gärtner verschaffen konnte, schelmisch hervorlugen sollten.

Am Abend, einige Minuten vor Acht, h elt der Wagen, der RoSwitha brachte, im Schloßhofe ; der Ober, fvrstmerster öffnete selbst den Schlag, und in seine Arme sprang eines der reizendsten Geschöpfe, die GotteS Erde schmücken.

Ein Strohhut mit grünem Schleier umschloß ein rosiges Kindergesicht mit großen, klugen, blauen Augen. Der lieblichste Mund lächelte den Vater an, und die schlanke Gestalt hing anmulhig wie ein Sylphe an seinem Halse.

Das ist schön, Wita, daß du da bist, sehr schön, ^üa, sagte der alte Herr, der gar nicht wußte, waS " vor Freude beim Anblick der reizenden Knospen sagen sollte. Komm j tzt mit, Kind, hinauf!

Zur Tante nicht wahr? Sie ist doch wohl, die gute Tante?

Befand sich nie besser. Wird dir morgen eine Ueber* : raschung bereiten, nun, du sollst Augen machen, Kind i auch ich werde dich überraschen, setzte er hinzu, indem er ! etwas boshaft in sich hinein lachte.

Statt aller Antwort küßte RoSwitha ihrem Vater die Hand; denn das gute Kind hatte natürlich bei dem Ler- ! sprechen einer Überraschung keinen anderen Gedanken alS an ein hübsches Geschenk.

ElSbeth empfing die Nichte mit einiger Befangenheit. Sie forschte in den offenen Zügen deS Mädchens nach dem Eindruck, den ihr vielleicht der zweiten Heirath ihres LaterS g-macht. Einegg, der das bemerkte, sagte aber Zurz, doch Elisen wohl verständlich: Erst morgen.

Schon um Neun am anderen Tage stak Elisabeth im Brautstaate. Um halb Zehn ging Einegg mit ihr in daS i Zimmer seiner Tochter und sagte mit etwas affectirter Un# besangenheit: Ziehe ein festliches Kleid an, mein Kind, i denn in einer halben Stunde lassen wir beiden, deine j Tante und ich, unS copuliren.

Wita sagte nichts, sie blickte vom Vater zur Tante j und von der Tante zum Vater — als aber Beide be- : Harrlich schwiegen, lispelte sie kaum hörbar: DaS ist ja sehr schön! Da drückte Einegg einen Kuß auf ihre kalte Stirne. Elise ließ sich herab, die Hand der Nichte zu ergreifen und eine salbungsvolle Phrase zu sprechen. Dann zog sie aber Emegg mit sich fort, um dem Kinde i Zeit zu lassen, die freudige Wundermahr zu begreifen. Um zehn Uhr erschienen der Pfarrer, ein benachbarter Oberförster und der Amtmann alS Zeugen, Wita mit : etwas verweinten Angen, aber freundlich. Dann wurde j die Trauung vorgenommen. Ein Spieltisch war durch einige überdüngte Decken zum Altar verwandelt worden ; davor standen als Brautpaar zwei Menschen, wovon kei­ner auch nur die mindeste Sympathie für den anderen fühlte. Die Braut sogar nicht ohne einigen Groll im