Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem.

1851. 3f 898.

Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl.

(Schluß.)

Der Herzog sprach bei diesem Anblicke:Schönes, unglückliches Annerl! Schändlicher Verführer, du kamst zu spät! Arme alte Mutter, du bist ihr allein treu geblieben bis in den Tod"! Als er mich bei diesen Wor, ten in seiner Nähe sah, sprach er zu mir:Sie sagten mir von einem letzten Willen deS Corpora! KaSper, ha­ben Sie ihn bei sich"? Da wendete ich mich zu der Alten und sagte:Arme Mutter, gebe mir die Brieftasche KaSperS; Seine Durchlaucht wollen seinen letzten Willen lesen".

Die Alte, welche sich um nichts bekümmerte, sagte mürrisch:Ist Er auch wieder da? Er hätte lieber ganz zu Hause bleiben können. Hat Er die Bittschrift? Jetzt ist eS zu spät. Ich habe dem armen Kinde den Trost nicht geben können, daß sie zu KaSper in ein ehrliches Grab soll; ach, ich hab eS ihr vorgelogen, aber sie hat mir nicht geglaubt"!

Der Herzog unterbrach sie und sprach:Ihr habt nicht gelogen, gute Mutter. Der Mensch hat sein Mög­liches gethan, der Sturz deS Pferdes ist an Allem schuld Aber sie soll ein ehrliches Grab haben bei ihrer Mutter und bei KaSper, der ein braver Kerl war. Es soll ihnen beiden eine Leichenpredigt gehalten werden über die Worte: «Gebt Gott allein die Ehre"! DerKaSper soll alSFähn- drich begraben werden, seine Schwadron soll ihm dreimal ins Grab schießen und deS Verderbers GrossingerS Degen soll auf seinen Sarg gelegt werden".

Nach Diesen Worten ergriff ,er GrossingerS Degen, ber mit dem Schleier noch an der Erde lag, nahm den Schleier drunter, bedeckte Annerl damit und sprach:Dieser un­

glückliche Schleier, der ihr so gern Gnade gebracht hätte, i soll ihr die Ehre wieder geben. Sie ist ehrlich und be­gnadigt gestorben, der Schleier soll mit ihr begraben werden"!

Den Degen gab er dem Offizier der Wache mit den Worten:Sie werden heute noch meine Befehle wegen der Bestattung deS Uhlanen und dieses armen Mädchens bei der Parade empfangen".

Nun las er auch die letzten Worte KaSperS laut 1 mit vieler Rührung. Die alte Großmutter umarmte mit Freudenthrânen seine Füße, als wäre sie das glücklichste Weib. Er sagte zu ihr:Gebe Sie sich zufrieden, Sie soll eine Pension haben bis an ihr seliges Ende, ich will : Ihrem Enkel und der Annerl einen Denkstein setzen las« ! sen". Nun befahl er dem Prediger, mit der Alten und einem Sarge, in welchen die Gerichtete gelegt wurde, ' nach seiner Wohnung zu fahren, und sie dann nach ihrer Heimath zu bringen und daS Begräbniß zu besorgen. ' Da während dem seine Adjutanten mit Pferden gekom­men waren, sagte er noch zu mir:Geben Sie meinem ; Adjutanten Ihren Namen an, ich werde Sie rufen lassen. Sie haben einen schönen menschlichen Eiser gezeigt". Der : Adjutant schrieb meinen Namen in seine Schreibtafel und machte mir ein verbindliches Compliment. Dann sprengte der Herzog, von den Segenswünschen der Menschen be­gleitet, in die Stadt. Die Leiche der schönen Annerl ward nun mit der guten alten Großmutter in daS HauS deS Pfarrers gebracht, und in der folgenden Nacht fuhr dieser mit ihr nach der Heimath zurück. Der Offizier traf, mit dem Degen GrossingerS und einer Schwadron Uhlanen, auch daselbst am folgenden Abende ein. Da wurde nun der brave Kasper, mit GrossingerS Degen auf der Bahre und dem FâhndrichSpatent, neben der schönen Annerl zur Seite seiner Mutter begraben. Ich ! war auch hingeeilt und führte die alte Mutter, welche