Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
. Zeitung.
1851. — M S91
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Aunerl.
(Fortsetzung.)
Ich trug dem Herzog Alles, was mir die Alte von dem Selbstmorde deS Uhlanen, von der Geschichte der schönen Annerl erzählt hatte, so gedrängt vor, als eS die Noth erforderte, und flehte ihn wenigstens um den Aufschub der Hinrichtung auf wenige Stunden und um ein ehrliches Grab für die beiden Unglücklichen an, wenn Gnade unmöglich sei. — „Ach, Gnade, Gnade*! rief ich aus, indem ich den gefundenen weißen Schleier voll Rosen aus dem Busen zog; „dieser Schleier, den ich auf «einem Wege hierher gefunden, schien mir Gnade zu verheißen".
Der Herzog griff mit Ungestüm nach dem Schleier Mb war heftig bewegt; er drückte den Schleier in seinen Händen, und als ich die Worte auösprach: „Euere Durchlaucht! Dieses arme Mädchen ist ein Opfer falscher Ehrsucht; ein Vornehmer hat sie ^verführt und ihr die $e versprochen. Ach, sie ist so gut, daß sie lieber ßer# ben will, als ihn nennen" — da unterbrach mich der Herzog mit Thränen in den Augen und sagte: „Schweigen Sie, ums Himmels willen schweigen Sie"! — Und nun wendete er sich zu dem Fähndrich, der an der Thüre siand, und sagte mit dringender Eile: „Fort, eilend zu Wrde mit diesem Menschen hier; reiten Sie das Pferd Mt; nur nach dem Gerichte hin. Heften Sie diesen Schleier an ihren Degen, winken und schreien Sie Gnade, ^nade! Ich komme nach".
Grossinger nahm den Schleier. Er war ganz verwandelt, er sah aus wie ein Gespenst vor Angst und ^t. Wir stürzten in den Stall, saßen zu Pferde und rillen im Galopp; er stürmte wie ein Wahnsinniger zum
Thore hinaus. Als er den Schleier an seine Degenspitze heftete, schrie er: „Herr Jesus, meine Schwester"! Ich verstand nicht, waS er wollte. Er stand hoch im Bügel, und wehte und schrie: „Gnade, Gnade"! Wir sahen auf dem Hügel die Menge um daS Gericht versammelt. Mein Pferd scheute vor dem wehenden Tuch. Ich bin ein schlechter Reiter; ich konnte den Grossinger nicht einholen; er flog im schnellsten Carriere; ich strengte alle Kräfte an. Trauriges Schicksal! Die Artillerie erercirie in der Nâhe; der Kanonendonner machte eS unmöglich, unser Geschrei auS der Ferne zu hören. Grossinger stürzte, das Volk stob auseinander, ich sah in den Kreis, ich fah einen Stahlblitz in der frühen Sonne — ach Gott, eö war der Schwertblitz des Richters! — Ich sprengte heran, ich hörte das Wehklagen der Menge. „Pardon, Pardon"! schrie Grossinger und stürzte mit wehendem Schleier durch den Kreis wie ein Rasender. Aber der Richter hielt ihm daS blutende Haupt der schönen Annerl entgegen, daS ihn wehmüthig anlächelte. Da schrie er: „Gott sei mir gnädig"! und fiel auf die Leiche hin zur Erbe. „Tödtet mich, tödtet mich, ihr Menschen! Ich habe sie verführt, ich bin ihr Mörder"!
Eine rächende Wuth ergriff die Menge. Die Weiber und Jungfrauen drangen heran und rissen ihn von der Leiche, und traten ihn mit Füßen; er wehrte sich nicht; die Wachen konnten daS wüthende Volk nicht bändigen. Da erhob sich daS Geschrei: „Der Herzog, der Herzog"! — Er kam im offenen Wagen gefahren; ein blutjunger Mensch, den Hut tief inS Gesicht gedrückt, in einen Mantel gehüllt, saß neben ihm. Die Menschen schleifen Grossinger herbei: „JesuS, mein Bruder"! schrie der junge Offizier mit der weiblichsten Stimme auS dem Wagen. Der Herzog sprach bestürzt zu ihm: „Schweigen Sie"! Er sprang auS dem Wagen, der junge Mensch wollte folgen; der Herzog drängte ihn schier unsanft zurück; aber
