Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — JV» 267.
Die Feldblume.
lF o r t s e tz u n g.)
Als eines Morgens sehr früh, Birkhofen schlief noch, die beiden Frauen im Garten auf- und abwandelten, sagte Louise: Diese Linde da, die erscheint mir als Ihr Bild! 60 kühl, so schattig, so weitauSreichend, so erquickend und so süß und harmonisch abgerundet sind Sie — so werde ich in meinem Leben nicht!
Weil Sie nun einmal eine junge Eiche sind, liebes Kind!
Ja, so knorrig und unbiegsam, nicht wahr?
Aber auch so fest, hoffe ich, sagte mütterlich freundlich Adeline.
Sie halten mich für besser, als ich bin, gnädige Frau! Ich habe einen entsetzlichen Fehler! Und dieser Fehler ist mir selbst erst bekannt geworden, seitdem ich in Ihrem Hause bin!
Und er heißt?
Ungemessener Stolz — aber, um ganz wahr zu sein, Hochmuth! Ich bilde mir ein, die Welt könne mir gehören! Ich bilde mir ein, Ansprüche an Glück und...
Und was?
Und — Liebe zu haben! Ach, das ist mir früher die eingefallen! Wenn mein Vater zu mir sagte: Sobald du einmal zwanzig Jahre alt bist und etwas gelernt hast, will dich der Onkel Wilhelm hierathen , erschien mir daS als eine große Ehre l Und jetzt...
Wer ist Onkel Wilhelm?
Ein alter Buchhändler in München! Und jetzt — würde ich eher sterben, als zu dem alten Manne in fei« düstern Laden ziehen — und ich bin doch um nichts deffer geworden. Ich trage freilich die schönen Kleiber, die Sie mir geschenkt — aber im Innern war ich früher M«. Ich dachte damals nur daran, wie ich meinem
; guten Vater und meinen kleinen Geschwistern das Leben verschönern wollte, und jetzt ...
Nun und jetzt? fragte Adeline, freundlich des Mädchens Hand ergreifend.
Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, Sie würden mich verachten!
Sie denken wohl, wie derjenige beschaffen sein muß, dem Sie einst diese schlanke Hand gewähren wollen?
Louise antwortete nicht, sie sah dunkelroth zur Erde; aber nach einer langen Pause flüsterte sie mit Thränen in den Augen: Zu Hause habe ich, bei Gott, an so etwas nie gedacht — aber das kommt daher, weil hier die vielen Herren, die Sie besuchen, mir so viel Schmeicheleien sagen; das muß mir doch diese Gedanken in den Kopf gesetzt haben!
Gleicht keiner meiner Bekannten Ihrem Ideale?
Louise lachte hell aus. Nein! Nehmen Sie mir eS nicht übel, aber die sind mir alle zu fade! Doch! Einen könnte ich heiralhen. Aber auch nur den Einzigen. Wenn er nämlich jünger wäre und besser im Alter zu mir paßte.
Adeline war ganz blaß geworden, doch ihre Stimme klang ruhig, als sie fragte: Baron Kempten, nicht wahr?
Ja wohl! Aber welche Anmaßung von mir einfältigen, ungebildeten, armen und niedern Mädchen, an diesen Fürsten zu denken! Denn wie ein Fürst kommt er mir immer vor, wenn er eintritt. Im Schiller heißt eS: Unter Larven die einzige fühlende Brust — so kommt er mir immer vor, chenn er unter Ihren übrigen Freunden steht.
Die Anderen sind nicht meine Freunde, er ist eS allein, sagte Adeline mit einer gewissen Kälte.
Wie kommt eS, daß er nicht verheirathet ist?
Die er geliebt hat, konnte ihm nicht angehören, und da hat er den Gedanken ausgegeben.
