Der Wanderer.
S
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 3£ 259.
Das Fest in Peterhof.
(Fortsetzung.) '
Die Feierlichkeit begann und endete unter dem er- ! stickten Schluchzen der versammelten Zeugen, Elisabeth allein vergoß keine Thräne; ihre Empfindungen waren bis zu jenem qualvollen Grade gesteigert, welcher auch die Erleichterung durch Thränen unmöglich macht. Als - daâ Gelübde von beiden gesprochen, die Ringe gewechselt; und die Braut sich zum letzten Male vor dem Altare niedergeworfen, streckte A— seine Arme nach ihr auS und rief: „Elisabeth, mein Weib, — meine einzige Liebe ; — verzeihe, o verzeihe mir, ehe eS zu spät ist"!
Elisabeth stürzte in seine Umarmung, und als sie i dem Drucke seiner eiskalten Lippen begegnete, erleichterten i zum ersten Male Thränen ihr brechendes Herz und einige I wenige schwache und von seiner Seite fast unhörbare ‘ Worte wurden, durch krampfhaftes Schluchzen von der i ihrigen unterbrochen, zwischen ihnen gewechselt. Eine ; l tiefe Stille trat ein; die Gräfin, dadurch erschreckt, trat; heran, um die Neuvermählten zu trennen, aber die Tren- | nung für diese Welt hatte schon stattgefunden ; Konstantin ; war eine Leiche — Elisabeth war, dem Anscheine nach tbenso leblos als er selbst, in starrer Ohnmacht über ihn hingesunktn.
Ich habe meiner Geschichte nur noch wenig hinzuzu- sügen — fuhr General N— fort. Drei Monate später gebar die Gräfin Elisabeth A— einen Sohn, und nun schien zum ersten Male seit ihrem Unglück das Leben wie- ber wünschenSwerth für sie. Die Liebe, welche ihre Schwie germutter ihr erwies, zu schildern, wäre ganz unmöglich, denn die Gräfin schien alle Zärtlichkeit, die sie für ihren ; ^ohn gehegt, auf die unglückliche Wittwe und deren Kind übertragen zu haben. Elisabeth warb gesetzlich von ihr adoptirt und hat seit dieser Zeit fortwährend, von dem
Glanz und LuruS des Lebens umgeben, aber gleichgültig gegen die Eitelkeit und Vergnügungen der Weit, unter ihrem Dache gelebt. Ihrer Schönheit und ihres Reichthums wegen ist sie von mehreren der angesehensten Edelleute in Moskau zur Ehe begehrt worden, aber sie ist dem Andenken ihrer ersten und einzigen Liebe treu geblieben, und nie hat sie jemals seit jener verhängnißvollen Stunde, die sie gleichzeitig zur Gattin und zur Wittwe machte, einem Manne zugelâchelt — nicht einmal ver Zauber, den der Kaiser über seine Unterthanen auSübt, hat vermocht, heute Abend sie ihrem Ernste untreu zu machen. So lebt sie schon seit fünfzehn Jahren, die Oeffentlichkeit meidend, gleichgültig gegen die Bewunderung, die sie erregt, eine Zierde und ein Wunder deS Kreises, in welchem sie sich in Moskau bewegt.
Dies ist das erste Erscheinen der Gräfin Elisabeth, und wird wahrscheinlich ihr letztes sein. Sie kam blos nach St. Petersburg, um ihren Sohn, den Grafen Kon, stantin A— in das kaiserliche Eadetten-CorpS aufnehmen zu lassen und dem Kaiser für das Versprechen zu danke», ihn später als Lieutenant in dasselbe Regiment einreihen zu wollen, in welchem früher sein Vater gedient hatte.
So endete General N— S Erzählung. Einige Jahre darauf traf ich ihn eines Abends in Italien in Genua in der Oper, als daâ Theater Carlo Felice, zu Ehren deS Geburtstages deS Königs von Sardinien, hell erleuchtet war. Diese Illumination gab uns Stoff, von der Festlichkeit zu reden, bei welcher wir nnS das letzte Mal in Peterhof gesehen, und während wir nochmals jenes glänzende Schauspiel besprachen, vergaß ich nicht, mich nach der schönen Elisabeth A— zu erkundigen, die mir als der schönste Schmuck deS Festes erschienen war. Ich erfuhr von dem General, daß sie nicht mehr sei. Sie war an einem Lugenübel gestorben, daß sie sich aus einer Winterreise zugezogen, als sie einen Besuch bei ihrem
