Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung
1851. — Jf 846.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Gabriele glitt leise in daS Zimmer, nahm die Zei- tung, die sie zwischen anderen Papieren auf dem Schreib- tische des Admirals entdeckt hatte, uns legte sie auf ein kleines Tischchen, das neben dem Baron stand. Dieser sah daS Blatt, ohne auf die Hand, die eS brachte, zu achten.
„ES ist wirklich ein Glück", sagte er, ohne sich umzudrehen, in der Meinung, mit Georg zu reden, „daß Du endlich hörst. Warum läßt Du mich so ganz allein? Ohne Zweifel mich daran zu gewöhnen ? Ich habe nichts, waS ich brauche, nicht einmal meine Cigarrenbüchse"!
Gabriele stellte sich schnell hinter daS Journal. Der Admiral warf sich in den Stuhl zurück. „Ach", murmelte er mit Sitterftit f „Früher fehlte mir Nichts; da sorgte die Kleine dafür"! Und von neuem von Gichtschmerzen geplagt, rief er: „Donner gieb mir doch wenigstens waS, worauf ich mein Bein legen kann" !
Gabriele schob behend rin Bänkchen unter den kranken Fuß.
Diesmal trafen sie die Blicke deS Admirals; er drehte sich verwundert um. „Sie hier"? sagte er, „wer hat Sie gerufen? waS wollen Sie"?
Das junge Müdchen rang die Hände. „Ich kann nicht abreisen, wenn Sie noch böse auf mich sind"! sagte sie mit rührender Anmuth.
„WaS kann Ihnen daS ausmachen" ? warf er ein, »Ihnen, die sie noch Ihre Mutter in der Weigerung be- stärken! Gehen Sie, lassen Sie mich"!
„Nein", flehte Gabriele, „ich beschwöre Sie".
„Nun, dann werde ich Ihnen den Platz räumen", sagte er und erhob sich.
Er wollte einen Schritt thun, um sich zu entfernen; als aber sein kranker Fuß die Erde berührte, konnte er einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken; sein Stock fiel ihm auS den Händen und er wankte. Gabriele sprang herbei, um ihn zu halten; er war gezwungen, sich auf ihre Schulter zu stützen.
„Geben Sie wir meinen Stock — wieder", sagte er, auf seine Krücke deutend, die einige Schritte forrgerollt war. DaS junge Mädchen sah ihn mit einem feuchten Blick an.
„Mein Arm wird sie gewiß besser stützen", sagte sie bittend.
„Ich bitte Sie — um meinen Stock", wiederholte der Admiral mit weniger festem Ton.
„Nur einen Augenblick".
Der Seemann wollte sie abweisen, aber er begegnete ihren Blicken.
„Nun, eS sei — um ein Ende zu machen", sagte er, „aber ich wiederhole Ihnen, daß ich fort will".
„Hier ist Ihr Sessel"! bemerkte Gabriele, die ihn zurückgeführt halte.
„Um fortzugehen" ?
„Nein, um mich zu hören".
„WaS haben Sie mir zu sagen"?
„Sie hören mich besser, wenn Sie sitzen". — Sie zwang sich, durch ihre Thränen zu lächeln; der Admiral setzte sich.
„Nun, waS ist es denn", sagte er, „Sie wollen Nichts von mir annehmen, waö können Sie sonst noch von mir zu bitten haben" ?
„O, viel mehr, als Sie mir angeboten haben"! sagte sie mit zärtlicher Anmuth. „Denn vorher wollten Sie mich nur reich machen. Um waS ich Sie aber bitte, ist, mir einen Theil Ihrer Liebe zu erhalten".
