Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — J£ S3S.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Der Bootsmann sah ihn aufmerksam an. „Fräulein GabrielenS Zimmer"? wiederholte er. „Warum fragen Sie mich das" ?
„Nun, zuverlässig um eine Antwort auf meine Frage zu erhalten"! sagte Bouvard kichernd und warf sich in die Brust wie ein Triumphator.
„Und wenn ich sie nicht geben will" ? erwiederte Duret, dessen pergamentenes Gesicht einen Ausdruck argwöhnischer Unzufriedenheit annahm.j
Der Notar beging die Ungeschicklichkeit dieses Mißtrauen zu verstehen; er brach in Lachen auS, klopfte dem Matrosen auf die Schulter und sagte: „Was, Hal, ten Sie mich etwa für einen Don Juan, Vater Duret? Sie sehen auS, als trauten Sie mir schlechte Absichten zu"!
„Weil ich Erfahrungen davon habe"! erwiederte Georg mit mürrischem Ton.
Bouvardö gute Ader war erschöpft und er verfiel I wieder in sein gewöhnliches linkisches Wesen. „Ich ver- j stehe", rief er mit neuem Gelächter und streckte, um sich ein chevalereökeS Ansehen zu geben, die Hände in seine Hosentaschen. „Der gute Duret gleicht jenem braven Jagdhunde, der, als er durchgeprügelt worden war, seinen Freßnapf für einen Stock hielt".
»Es handelt sich hier nicht um mich" , sagte der Mairose verdrießlich.
»Warum denn nicht" ? erwiederte Bouvard, der mit auSgespreizten Beinen ein möglichst gewichtiges Ansehen angenommen hatte. „Sie können stolz auf Ihr Betragen feto, guter Freund"!
Georg wollte ihn unterbrechen,
„Ja, stolz, das ist daS rechte Wort", wiederholte der Notar und erhob feine Stimme, „denn Sie haben gegen Ihre Frau gehandelt wie — "
„Ich habe gegen sie gehandelt, wie ich mußte", sagte der Matrose hitzig , „sie vergaß mich, und ich vergaß sie".
„Nun, daS ist es ja gerade, was ich so außerordentlich finde", erwiederte Bouvard ernsthaft. „Ein unglücklicher Ehemann, der sich nicht herumkriegen läßt und dabei doch seine Rente zahlt".
Georg betrachtete ihnsverwundert.^
„Ich weiß schon, daß Sie eö nicht gestehen wollen", fuhr der Notar fort, „ich habe auch Niemanden etwas davon gesagt, obgleich Ihre Frau mir kürzlich noch geschrieben hat, um mir für daS Geld zu danken, welches ich ihr in Ihrem Namen geschickt habe".
„Geld"! rief Duret, „wer hat Ihnen daS gegeben, mein Herr"?
„Nun, mein Gott, Sie wissen eS ja doch, die Frau Baronin".
Ein Ausruf der Frau von Rostang, die eintrat, hinderte Georg zu antworten. „O Herr Bouvard, ich hatte Ihnen Stillschweigen hierüber auferlegt" ! sagte sie in vorwurfsvollem Tone.
Der Notar stotterte verwirrt eine Entschuldigung. Der Bootsmann stand zwischen Erstaunen, Unzufriedenheit und Dankbarkeit getheilt mit niedergeschlagenen Augen da und knitterte mit den Händen krampfhaft daS Papier, welches er Bouvard zustellen sollte.
Ernestine ging einen Schritt auf ihn zu. „Sie sind nicht böse, daß ich so gehandelt habe, Georg"? sagte sie mit sanfter, trauriger Stimme; „eS ist Ihnen peinlich, nicht wahr, daß die Frau, über die Sie sich beklagen können, Mitleid voraussetzen konnte"?
