Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — SS9.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Der Admiral sah die Baronin lauernd an. „Ich wollte wetten, meine Liebe", sagte er mit halb mürrischem, halb scherzendem Tone, „Sie haben noch ein Bittgesuch zu seinen Gunsten auf dem Herzen!
„Nichts, Admiral", erwiederte Ernestine anmuthig, „wenigstens nichts Neues! Ich will Sie nur an das Ma- jorat erinnern, daS Sie für ihn zu gründen versprochen haben. Herr Bouvard hat mir daS Gesuch ausgesetzt; eS fehlt also blos Ihre Unterschrift".
„Vortrefflich", sagte der Baron und suchte in seiner Tasche nach einem Papier, „gerade hat er mir den Entwurf zu einem Dokument für Gabriele gebracht".
„Für Gabriele"? fragte lebhaft die Baronin, „ein Dokument? waS meinen Sie damit"?
„Sie sollen eS erfahren, meine Liebe", sagt der Baron, daS Papier entfaltend. „Sie verlangen, ich solle Marcell zum Dank, daß er mich in Zorn bringt, drei- malhunderttausend Francs sichern. Sei eS! ES ist eine herrliche Lehre für mich, und ich habe immer gedacht, der beste Segen, den man von der Erziehung seiner Kinder haben könne, sei, daß sie unS Eltern eine Uebung in Geduld, Entsagung und einer Menge anderer christlicher Tugenden verschaffen, aber daß ich die Schwester dafür, baß sie mir von jeher nur Freude gemacht hat, strafen soll: daS werden Sie selbst gestehen, wäre doch zu hart"!
„Aber", bemerkte Ernestine zögernd, „bedenken Sie wohl, Admiral —"
„Ich denke, daß wir in einem Jahrhundert der Gleichheit leben, Madame" unterbrach sie der Seemann, '"dem er mit dem Fuß auftrat,/ „wenn der Teufel sein $Ml kriegt, kann man doch auch Etwas für die Engel
aufheben! Also will ich für Gabriele eine Mitgift sichern, die dem Majorat ihres Bruders gleichkommen soll".
„Was sagen Sie"? rief Ernestine erblassend, „daS ist unmöglich, mein Herr, eS darf nicht fein" !
„Und warum nicht, Madame" ? fragte er streng.
„Warum nicht" ? stammelte verwirrt die Baronin, „wissen Sie nicht, daß Marcell Ihren Namen fortpflanzen soll, daß er ihn in dem Glanze erhalten muß, den er bisher behauptet hat? DaS Vermögen, welches Sie theilen wollen, kommt nur von Ihrer Seite; deßhalb muß auch der Sohn der Erbe deâ Vaters sein".
„Der Sohn", wiederholte der Baron, „und Gabriele, Madame, ist sie nicht meine Tochter"?
Ernestine konnte nichts erwiedern.
„Gott straf' mich"! rief der Admiral und schlug auf die Arme seines Lehnstuhls, „ist das ihr fester unabänderlicher Entschluß ? Jedesmal, wenn ich für die Schwester etwas thun will, halten Sie mir den Bruder vor. Für ihn finden Sie mich nie zärtlich, nie großmüthig genug, und für Gabriele halten Sie mich vor Allem ab, verweigern Sie Alles" I
„Admiral" !
„Warum daS, Madame? Warum opfern Sie Ihre eigene Tochter meinem Sohn, der Ihnen fern steht? Warum verhindern Sie mich, zu ihren Gunsten zu verfügen" ?
Die Baronin wandte den Kopf weg in sichtlicher Beklemmung.
„So antworten Sie doch"! rief der alte Seemann außer sich. „Sie müssen doch endlich einen Grund ausfinden. Lieben Sie Ihre Tochter nicht"?
Ernestine erhob die Hände und stieß einen fo schmerzlich bewegten Schrei aus, daß der Baron davor erzitterte; aber sein Zorn dauerte fort. „Nein", sagte er, „Sie lieben sie nicht, wie sie eS verdient, denn es scheint, Sie
