Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — JVs 228.
Jugendsünden.
Novelle nach C. Souvestre.
(Fortsetzung.)
Unterwegs fragte er ihn ganz heimlich nach seinen Wechseln.
„Saldirt", antwortete der Notar.
„Mit den Kosten"?
„Und mit den Unkosten".
„BouvardI ich will Zhnen diesen Dienst vergelten"! sagte der junge Mann, der die HeirathSqualen dieses Tantalus kannte.
„Wie daS"? fragte der Notar..
„Ich will Sie verheirathen".
Bouvard hatte keine Zeit zu antworten, aber er drückte die Hand des jungen ManneS, wie um ihn bei dem Wort zu nehmen, daS ihm dieser lachend gab.
Gabriele, die er im Saale fand, empfing ihn mit Freundlichkeit. Alle Augenblicke wandten sich ihre Blicke dem Fenster zu, das nach dem Hofe führte, wie wenn sie Jemand erwarte. Bouvard suchte vergebens die Ausmerk, samkeit auf sich zu lenken; er konnte Nichts thun als husten und feinen Hut abstäuben; endlich ging man zu Tische.
Der Baron, den seine Gicht zu der Mäßigkeit eineS Waldbruders zwang, war übellaunig und immer bereit, aufzufahren, während die Sanftmuth der Baronin alle Stürme beschwor. ES lag in ihrem geduldigen Wesen etwas so Bewältigendes, daß sie damit ansteckend wirkte. Ein wilder Blick beruhigte sich unter ihrem milden Augen- strahl, die aufgeregte Stimme dämpfte sich bei dem liebkosenden Ton der ihrigen, die Atmosphäre, mit der sie umgeben war, schien alle inneren Stürme zu beschwichtigen. Wer aber im Grunde der Seele zu lesen verstand, der mußte erkennen, daß dieser Ernst nicht Ruhe, sondern
Entsagung war. Eine gesänftigte Traurigkeit lag in der stillen Tiefe dieses Gemüthes. Ihre Seele glich den Land» schäften Poussin'S, in denen Alles Frieden, Einklang uns Kraft zu verrathen scheint, und über denen doch immer ein melancholischer Hauch schwebt. Die Baronin war schön gewesen; sie war eS noch; aber sie besaß etwas von jener kirchlich geweihten Schönheit, die sich aus Seelenkämpfen entwickelt. Wie ruhig sie auch für gewöhnlich erscheinen mochte, so war eS doch an gewissen schmerzlichen Zuckungen leicht zu erkennen, daß sie „sieben Schwerter im Herzen" trug.
DaS Frühstück war beendigt. Gabriele, immer noch träumerisch, benutzte die erste Gelegenheit, den Saal zu verlassen, erschien aber gleich wieder, um Marcell zu rufen. Dieser fragte, was eS gäbe. „Sieh nur, sieh nur"! rief sie, zog ihn an'S Fenster, und zeigte ihm im Hofe einen ganz neuen Tilbury, an den man fein Pferd, den Soliman, spannte.
„WaS ist daS"? fragte erstaunt der junge Mann.
„Haben Sie Ihren neulichen Wunsch vergessen" ? fragte die Baronin, die sich ihm lächelnd näherte.
Marcell bebte. „Was sagen Sie"? rief er, „ist das für mich"?
„Für wen denn"? erwiederte Gabriele munter.
„DaS kommt wieder von Ihnen", sagte der junge Mann und ergriff Ernestinens Hände, die er mit Zärtlichkeit küßte. „Ach eS ist zu viel, ich weiß nicht mehr, wie ich Ihnen danken soll"!
„Und ich weiß nicht, wie ich eS verhindern soll, daß man alle seine Launen befriedigt"! sagte der Admiral in seinem mürrischen Humor.
Die Baronin nahm ihn beim Arm. „Schelten Sie nicht, Admiral"! sagte sie mit sanfter Stimme, und fuhr leiser fort: „Bedenken Sie, daß wir Marcell von seiner Zerstreuungssucht heilen wollen! DaS beste Mittel hiezu
