Der Wanderer.
—g» »AM Cf».----
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — Jf S17.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung.)
Man wird nun vielleicht denken, diese Art, zu sein, habe daS Leben mit ihm sehr leicht gemacht, und dennoch empfand Gerhardine gerade daS Gegentheil, trotz ihrer unsäglichen Liebe und Achtung für ihn. Sie selbst, waS sie betraf, befand sich natürlich in Beziehung zu ihrem Manne auf wolkenloser Bahn; aber seine Beziehungen zu Anderen, zu der Kunstwelt, zu seinen Auftraggebern, seinen Kritikern, seinen Kollegen, seinen Schülern, gaben ihr bei seinem Charakter desto mehr zu schaffen, machten ihr um so mehr Sorgen — wäre sie nicht als Vermitt« lerin, verschweigend und verhüllend, versöhnend und besänftigend, überall ausgetreten, er hätte sich bei dem wohlwollendsten Herzen mit der ganzen Welt verfeindet, seine Existenz, seinen Ruhm, seine Zukunft zertrümmert. Eine dunkle Ahnung sagte ihm das auch, und er zog daher beinahe immer seine Frau zu Rathe, wo eS nur irgend anging — sie war sein Secretâr, sie schrieb und empfing seine Briese, sie laS ihm bei der Arbeit die Journale vor; kurz, sie war der eigentliche Nerv, durch den rr mit der Außenwelt in Verbindung blieb. Wurde ein Bild von ihm mit Recht getadelt, so las sie ihm daS in einer heiteren Stunde vor; einen ungerechten Angriff aber verschwieg sie, jede Perfidie eines Menschen, den er sich befreundet glaubte, verhüllte sie. Sie stiftete hiedurch nur Gutes, sie ließ ihm die Welt wieder rosig und einladend erscheinen. Denm als er sie heirathete, war Gerhardine von allen Seiten vor seinem ganz unnahbaren und unerträglichen hypochondrischen Wesen gewarnt worben — und seitdem sie seine Frau war, fand Jedermann den Maler höchst liebenswürdig und umgänglich.
Wir haben den Charakter Wolfram's, der schon dem ^ser in seiner Weise wohl klar ins Auge gefallen, noch
einmal so ausführlich detaillirt, weil er einen Plan Gerhardinens unmöglich zu machen drohte, den Plan, den sie am Abend gefaßt, als ihre Tochter sie anflehte und als sie dem Kinde ihr Wort gegeben, die Flucht nicht hindern zu wollen.
Dieses Wort lag ihr jetzt zentnerschwer auf der Seele — denn der einzige Ausweg, die Erfüllung zu umgehen, konnte nur durch Wolfram's Mitwirkung ihr gebahnt werden; und diese Mitwirkung schien ihr bei ruhiger Prüfung seines Characters eine Unmöglichkeit — eben weil eS sich um ein Umgehen, um einen AuSweg handelte, und er ja immer und immer nur den geraden Weg verfolgen wollte.
Sie verzehrte sich völlig vor Angst und Gram, denn sie durfte nicht jetzt schon der Ungewißheit ein Ziel setzen und Wolfram mittheilen, waS sie quälte — die einzige Hoffnung deS Gelingens beruhte für sie nur darin, daß er im Drange deS Momentes für einen Augenblick vielleicht feinen Charakter verläugnen würde, und dann war ja Alles gewonnen, eS galt ja nur um einen Augenblick!
Wolfram fragte täglich seine Frau, was ihr fehle; denn ihre Wangen wurden immer blässer, ihr Blick immer trüber. Gerstatt, der immer mehr und mehr aufrichtige Hochachtung vor ihr empfand, und dem eS nach und nach ganz unentbehrlich wurde, die freundliche, sinnige, kluge Frau zu treffen, ängstigte sich auf daS peinlichste um sie und schickte ihr unter einem Vorwande seinen Arzt inS HauS. Laura allein errieth , worüber die Mutter litt, und litt noch hundert Mal mehr — zehn Mal an einem Tage faßte sie den Entschluß, ihre Liebe ihr aufzuopfern — aber wenn sie der Mutter daS sagen wollte, versagte ihre Zunge ihr den Dienst, und die Leidenschaft für Georg schloß ihre Seele in unzerreißbare Fesseln.
