Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — JV» 203.
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung)
Gerhardine entgegnete nichts mehr, aber sie befahl; dem Kutscher, nach Hause zu fahren. Sie war über alle ; Maßen beängstigt von dem, was sie gesehen! Der An-! betet ihrer Tochter war ein Cavalier, ein Begleiter deS: Grafen S. und ein auffallend schöner Mensch! Ursachen1 genug für sie, um auf vaö höchste besorgt zu sein. Sein i Name kümmerte sie nun nicht mehr, seitdem sie wußte, daß er zur Crème der Gesellschaft gehöre;, denn Jemand anders würde der hochmüthige Graf nicht so öffentlich gefahren haben. Er beobachtete in seinem Berkehre mit Männern eine Ausschließlichkeit, die man leider seinem ! Umgang mit Frauen nicht nachrühmen konnte. Hätte sie > gewußt, wie zufällig der arme Georg zu der Gesellschaft i kam! Als der Graf S. seinen neuen Wagen bestiegen, : hatte er mehreren Herren, die zu Pferde anhielten, um > sein neues, elegantes Fuhrwerk zu mustern, zugerufen: Wer will mit mir fahren? Aber leichte Waare muß es sein, setzte er hinzu, nicht schwerer als ich, sonst schlägt; der Wagen um bei der Fahrt, die ich vorhabe — wer s Ml mit mir fahren, wer hat Courage?
Alle lachten, aber Keiner sagte etwas. S. rief noch i einmal: Graf Paul? Graf Nicky? Fürst Ferdinand? i Will Keiner? — Da kam Georg langsam deS WegeS i daher geritten. S., der ihn nur wenig kannte, rief auch j ihn an: Wollen Sie meine Nußschale besteigen und sich von mir in Carriere um die Bäume herum drehen lasten?. Die anderen Herren hier sind alle zu vorsichtig; doch das siad sie nur auS Rücksicht auf ihre Familien, eS sind lauter so vortreffliche Ehemänner! Aber Sie...
Georg, dem der spöttische, übermüthige Zug in S.'S Gesichte nicht entging und der wohl merkte, daß eS nicht! akiein den vortrefflichen Ehemännern, sondern auch seinem
jungen Blut gelte, sprang mit rothem Kopf vom Pferde, gab es seinem Reilknecht und stieg in die Nußschale.
Als er wieder sein Pferd bestieg, verwünschte er seine Fahrt. S. hatte ihn zwar nicht umgeworfen, aber dessen Gesellschaft ihn doch verhindert, dem Wagen Lau- ra'S zu folgen, .wie er eS gethan haben würde, wäre er allein gewesen. (£r ritt den Prater auf und ab, er konnte sie nicht mehr finden, und nie waren ihm die anderen Frauengesichler so häßlich wie heute erschienen — sie, die beinahe alle sein schönes dunkles Gesicht mit neugierigem Wohlwollen musterten, dieses Gesicht, in dem noch nicht- zu lesen war von dem, was die anderen Männer zur Schau trugen: Uebersâttigung der Freude, Geringschätzung der Frauen, Verhöhnung der Tugend. Man verwundere sich nicht, daß die Wienerinnen von diesen drei zur Schau getragenen Eigenschaften verletzt worden. Die leichtsinnigste Frau schätzt die ehrenhafte Unvervor- benheit eines Mannes, der verderbteste Mann stellt die Unschuld über Alles — das ist die beste Strafe deS Lasters , daß eS sich selber haßt!
IV.
Der Gesandte Gras von Gerstatt wünscht der gnädigen Frau seine Aufwartung zu machen, meldete Gerhardinens Bedienter. Sie verfitzte: Er wird zum Herrn wollen, führen Sie ihn hinüber, er war schon einmal bei ihm.
Nein, er hat ausdrücklich nach der gnädigen Frau verlangt.
Gerhardine begriff nicht, was der Graf bei ihr wolle; aber sie befahl, den Besuch zu ihr zu führen.
Sie hatte schon oft den Namen nennen hören, doch ohne zu ahnen, daß dieser Graf Gerstatt derselbe sei, dem sie einmal, ohne ihn zu sehen, ihre erste Herzensregung zugewendet. Sie halte in ihrer Jugend schon von einem Ge«
