Der Wanderer.
----E« ■»am c-»--
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M SVS
Frauen - Diplomatie.
(Fortsetzung)
111 I
Laura war, «eitlem sie nicht mehr die Musikstunde besuchte, auffallend verändert. Ihre gütige und kluge Mutter suchte auf alle Weise sie zu beschäftigen und ihren Gedanken eine fesselnde Richtung zu geben; aber das gelang ihr immer nur auf kurze Zeit. Laura litt offenbar an dem Herzenskummer, ihren jugendlichen Anbeter nicht Vehr zu sehen. Sie gestand daS nicht ihrer Mutter, weil ßt es sich selbst nicht zu gestehen wagte, und ihre Mutter fragte sie nicht darnach, weil sie fürchtete, etwas, das tnellcicht noch Funke war, durch unumwundenes AuSspre- ®en zur helllodernden Flamme anznfachen. Sie ging überhaupt in einer Angelegenheit, , wo es sich um die Ku^e ihreS liebsten Kindes handelte, ungemein zart und »orftttig zu Werke, recht im Gegensatz zu der übermütigen und leichtsinnigen Weise , mit welcher wir den Grafen seinen Sohn in derselben Angelegenheit behandeln sahen. Die Männer handeln überhaupt weniger klug als bie Frauen, nicht weil sie weniger klug sind, sondern ' veil eS ihnen nicht der Mühe werth ist, klug zu handeln, da ihnen immer noch ein Ausweg: die Gewalt, übrig bleibt. Gerhardine war zwar auch im Besitze einer un- i bestreitbaren Gewalt: der mütterlichen, aber sie scheute 2us'S äußerste, sie anders anzuwenden, als in letzter j Noth. Da bei ihr, wie bei allen Frauen, das Gefühl zarter und feiner ausgebildet war, versuchte sie erst einen gütlichen Weg und betrachtete den rohen Zwang als daS ;
Mittel — und sie war nicht ohne Hoffnung, daß iS ihr gelingen werde, die Gemüthsharmonie ihres Kin- 'iS aus diesem ersten Sturm auf daS reine Herz unver- ^tt zu erretten.
Heute schlug sie ihr eine Praterfahrt vor, waS Laura begierig ergriff, weil sie ihn zu sehen hoffte — ihn, den daS arme Kind nicht vergessen konnte und doch mit N:m:n nicht zu nennen vermochte.
Gleich am Anfang deS PraterS machte Graf S. feine Reiterkünste. AlS er daS schöne Mädchen im Wagen sah, machte er einmal wieder seinen bekannten hals« bischer scheu Satz mir seinem Pferde über den Wagen hinweg; ein laureS Bravorufen der Umstehenden lohnte viele Bravour — Gerhardine aber war entrüstet und erschrocken zugleich und nahm sich vor, nicht mehr ehnr ihreS Mannes Begleitung nach dem Prater zu fahren.
Als die Damen am Ende der Allee wenden ließen, kam w'v Graf S. schon wieder entgegen, und zwar jetzt zu Wagen. In Schlangenwindnngen umfuhr er mit einem unglaublich leichten und kleinen Wagen — die beiden Schimmel au^ antike Weise nur leicht geschirrt — im Nu die Bäume an der Seite, welche den Fahrweg vom Reitwege trennen. Er lächelte siegeSfroh, als er mit einem schnellen Blick von ''einer halsbrechenden Fahrt zwischen den eng $ufsmmFn|e^enb?n Stämmen das schöne Mädchen, über die er so eben mit dem Pferde hinweg- gesetzt , ansah. Dieses Mal aber wurde Laura blutroth, denn der schlanke junge Mann, welcher neben dem tollen Ungar tm federleichten Cabriolet sich wiegte, der Seglet« ter deS „ magyarischen Löwrn * war Niemand anterS als er ?
Ihrer Mutter entging nicht ihr Zusammenfahren und nicht der Blick des jungen ManneS, den er ohne Rück- sicht auf der Mutter Gegenwart in die Holden Augen ihres Augen ihres schönen KindeS bohrte; eS entging ihr nicht, daß er sogar trotz seines gefährlichen Sitzes sich umwandte, so lange er daS Mädchen sehen konnte.
AlS sie vorüber waren, fragte Gerhardine mit klopfendem Herzen: War er das?
