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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. — 198.

Frauen - Diplomatie.

Novelle.

I.

In Wien herrschten vor der Mârz-Revolution zwei ganz verschiedene Arten, zu leben — daS Treiben der Vorstädte hatte mit dem der inneren Stadl beinahe keine Aehnlichkeit. Ein Familienleben, daS sich auf einen klei­nen KreiS beschränkt, war nur noch in den ersteren zu finden, während in der Stadt selbst die Theater, die Concerte, der LuruS, der Scandal mit wenigen Ausnah­men einzig die Interessen abgaben, welche alle Eristenzcn zersplitterten und deS inneren Gleichgewichts beraubten.

Auf der Landstraße, einer der größten Vorstädte Wiens, liegt rechts, etwas von der Hauptstraße ent­fernt, ein großer Garten. In seiner Mitte birgt sich, bet Straße unsichtbar durch die hohe Umfassungsmauer, ein hübsches, behagliches HauS. In einem Saale des Erdgeschosses, im rechten Flügel, in den man unmittel­bar auS dem Garten trat, standen die Flügelthüren weil offen, denn eS war Frühling, Anfangs Mai, und in Jedem daS Verlangen rege, die ersten balsamischen war- ! men Lüfte einzusaugen.

Eine schöne hohe Frau, an deren Arm ein eben er- blühteS, unendlich reizendes Mädchen hing, trat aus dem Saale in den Garten. In den Zügen der Beiden war nicht die mindeste Aehnlichkeit zu entdecken, und doch wa­ren eS Mutter und Tochter. Die Mutter blond , mit Zarten, feinen Zügen, die Tochter dunkel mit einem Kopf wie eine griechische Bildsäule und dazu in den braunen, lebhaften Augen einen Ausdruck von Güte und Unschuld und von glückseliger HerzenSfröhlichkeil um den kleinen, schwellenden, bunlelrothen Mund — eS war beinahe un* wöglich, das Kind ohne eine sogleich erwachende Zunei- gung anzusehen. Im Ganzen stellten die beiden Frauen

eine vortreffliche Characteristik von Nord- und Süd- Deutschland dar.

Die Tochter schritt mit fröhlichem Ausdruck dahin, der Blick der Mutter aber war mit banger Sorge auf die glatte Stirn ihres Kindes gesenkt, ihres ältesten und ganz besonders geliebten KindeS. Dem mütterlichen Auge war eS nicht entgangen, daß die Tochter bei der sanfte* sten, weichesten Gemüthsart, zuweilen eine tiefe, beäng- stigente Leidenschaftlichkeit an den Tag legen konnte. DaS äußerte sich nur vorübergehend, ihr selber unbewußt; aber wie — hatte die sanfte, ruhige Mutter im Stil­len oft zu sich gesagt — wie soll daS werden, wenn daS Kind einmal lieben sollte?

Eine Leidenschaft war in den Augen Gerhardinens — so hieß die Mutter, Laura die Tochter — etwas be­sonders Gefährliches, UeberwältigendeS, da sie selbst nie eine empfunden. Als ihr jetziger Mann sich durch ihre Brüder in ihrem Hause einführen ließ, wußte sie, daß er nur ihretwillen komme, daß er sie liebe, nachdem er sie, ihr selber unbewußt, nur einige Wale gesehen. So, als sie ihn zu lieben begann, sah sie in ihm schon den künftigen Gatten. Ohne Aufregung, ohne Widerstand, ohne Kämpfe wurde sie die Seine.

Freilich, in ihrem sechzehnten Jahre hatte sie eine romantische Jugendliebe gefühlt, aber den Gegenstand dieser Liebe nie gesehen.

Sie war die Tochter eines reichen geadelten Kauf­manns, der, als sie geboren wurde, schon von feinen Renten lebte wie ein Fürst. Gerhard.inens Brüder dien­ten beide in einem österreichischen Cavallerieregiment; sie selbst war, da sie die Mutter früh verloren, unter der Aufsicht einer Tante im Hause ihres Vaters in Breslau erzogen.

Ein schönes, begabtes, von Allen gefeiertes Kind, hing sie aber mit ausschließlicher Liebe an einer Freundin,