Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — JV» 187.
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0 Die Goldmine
Novelle frei nach E. Berth et, erzählt von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung.)
IX.
Die Höhle.
Nach der Trauung genoß man ein einfaches Mahl, dem unsere Personen alle beiwohnten, und bei dem man L sorgfältig mied, von den Vorkommnissen deS Morgens ju sprechen. Alles schien ruhig und befriedigt. AlSdann nahm Michelot von den neuen Gatten einen trockenen, kalten Abschied, wechselte noch einige leise Worte mit Martin-Simon , der ganz ihre Streitigkeit zu vergessen haben schien, stieg zu Pferd und nahm den Weg nach Grenoble, indem er noch bemerkte, daß er auf dem Hospiz deS Lautarct übernachten werde.
Die zwei jungen Leute sahen ihm mit inniger Be- k friedigung von einer Terrasse deS HauseS nach bis er am Ende deS Dorfes verschand.
i„So sind wir Denn dieses alten Jntriguanten und g des Unsterns Diese 6 Hauses entledigt. Er hat wohl seine C Tausende in der Tasche und wird hoffentlich nicht wieder kommen", sagte Marcellin.
Ernestinen war eS, als erwache sie auS einem Traume; ihr war alles so wirre, sie konnte sich kaum zurecht finden; selbst Marcellin erschien ihr in seinem ganzen Wesen noch uncrklârbar ; er schien die Beute einer sonderbaren Aufregung zu sein, die sie gerne als Solfle jener innern Glückseligkeit, am Ziele der Wünsche iu sein, erklärt hätte. Allein dieses Ziel betraf nicht Ernestinen; sie kam zu klarerem Bewußtsein, als Marcellin sagte:
»Bald wirst Du zu beneiden sein; wir werden beide I unendlich reich werden".
Mit einem Blicke nach der hinter den Gebirgen verschwindenden Sonne entschuldigte er sich mit der Besorgung einer wichtigen Angelegenheit, drückte einen leisen Kuß auf Ernestinens Stirne, und antwortete auf ihre erstaunten Fragen nur mit den wenigen Worten:
„Laß mich, eS handelt sich um ein königliches Vermögen für uns beide; bei meiner Zurückkunft werde ich Herr einer Goldmine sein . . . /
Er entschlüpfte rasch.
„Immer diese Goldmine" ! murmelte Ernestine leise, und versank in tiefe Niedergeschlagenheit, indeß sie bittere Thränen vergoß.
Wenige Augenblicke später trat Marcellin auS dem Hause, nachdem er seine Festkleidung mit einer andern vertauscht und seine seidenen Strümpfe unter großen Gamaschen verborgen hatte; in der Hand trug er einen schweren, mit spitz zulaufendem Eisen beschlagenen Stock, und ohne noch einmal daS Auge zu Ernestine zu erheben, nahm er seine Richtung nach einer der rauhesten und wildesten Gegend dieser einsiedlerischen Einöde. Er verfolgte einen kaum -sichtbaren, sich an den Gebirgen hin windenden Fußpfad und trat endlich in eine düstere Schlucht ein. Das hübsche Dorf verschwand gänzlich seinen Augen, doch konnte man zurückblickend noch einen Theil des schönen lachenden Thales überblicken, für welche Nalurschönheit Der Wanderer aber gar keinen Sinn zu haben schien.
Nach Zurücklchung eines schwierigen Weges gelangte er in ein zweites Thal , dessen erster Anblick erschreckend war: Die imposanten, von den nahen Gletschern und Eisbergen überragten Massen waren nackt und wie vom Blitze gespalten; daS Thal bot das Bild eines schrecklichen Chaos dar, in dem Steine und Felsstücke, abgerissene Bergstücke und von den Wassern durchfurchte Bodcntheile eine wilde Unordnung bildeten; kein Baum
