Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
1851. — 150.
Heirathsgeschichten aus der kleinen Welt.
(Schluß).
Am andern Tag war die Pfarrerin schon so gefällig und fürsorglich, den beiden Gelegenheit zu einem ruhigen Stündchen in der Laube zu geben. Da wagte der Doktor auf'S neue seine Frage, und stehe da, ihm ward eine gute Antwort, und als baS Pfarrpaar endlich herab kam, nach ihnen zu schauen, da trat ihnen ein fröhliches Brautpaar entgegen. — Die Pfarrerin verjüngte sich selbst wieder an diesem jungen Glück, auch die Kranken waren besser, und so konnte Adelheid sich dem ihr so neuen und wunderbaren Gefühl, glücklich zu sein, indem sie glücklich machte, von ganzer Seele hingeben.
ES war Sonntag Abend; alles war Friede und Freude, die zwei saßen in der Laube und vor ihnen lag ein Bries mit des Vaters freudigem Segen, nachdem Adelheid ihm ihr Herz geöffnet hatte; alle Wahl und Qual war vorüber, und wenn sie nun in die treuen, tiefen Augen ihres Erwählten sah, so besann sie sich nicht mehr, ob er Sebastian oder Oskar hieß, und hatte vergessen, wie alle ihre Ideale ausgesehen hatten.
„Nun wirst du nicht mehr nach Amerika wollen"? fragte sie schmeichelnd. — „Gewiß nicht, Herz, auch dachte ich daran in Jahren nicht mehr". Dieß verblüffte Adelheid etwas, und schüchtern fragte sie weiter: „Aber sage mir, warum hast du denn die Liese zu deiner Vertrauten gemacht"? — Die WeisheitSliese? Ja liebeS Kind, daran bin ich unschuldig; sie hat eigentlich mich zu ihrem Vertrauten gemacht. — „Wie so"? fragte Adelheid mit weitoffenen Augen. —• „Nun, sieh nicht böse aus, wir sind ja glücklich im Hafen; ich konnte freilich noch nicht wissen, weich' Kleinod mir die Liese zudachte, als sie mich nöthigte deinen Vater zu besuchen".
Welch' ein Ausschluß für Adelheid! Der Doktor sah nun erst, wie neu ihr daS alles war; er konnte nicht mehr zurück, er mußte beichten. Da ergab sich denn, daß der Doktor nimmermehr an die Adelheid gedacht hätte; nichts war eS gewesen mit der jahrelangen stillen Liebe, nichts mit dem Vorhaben nach Amerika zu gehen, rein aus mit der Romantik. In der Liese Kopf, nicht in deS DokterS Herzen war der Plan zu dieser Verbindung gereift. So fwenig er sich von jeher um Liese bekümmert, eine so große Zuneigung hatte sie stets zu ihm, dem einzigen Familienglied von geistiger Bedeutung, gefaßt und frühe den Wunsch genährt, ihn mit Dekans Adelheid, ihrem höchsten Ideal weiblicher Liebenswürdigkeit zu verbinden.
Der Doktor, mißtrauisch in eine Empfehlung auS solchem Munde, war nur mühsam zu bewegen gewesen, bei seinen sehr seltenen Besuchen in der Vaterstadt einen förmlichen Besuch beim Dekan zu machen. Da er nun kurzsichtig war und Adelheid nur von weitem erblickte, so wußte er kaum wie sie auösah, und stimmte nur so pro forma in die Lobpreisungen der Liese ein. Höchlich erstaunte er daher, alS diese ihm eines schönen Morgens schrieb, sie sei Fräulein Adelheid so geschickt begegnet, daß sie nicht umhin gekonnt dieser seine Gefühle mitzu- theilen; cs sei nun alles auf'S Schönste eingeleitet, Frs. Adelheid und Herr Dekan erwarten täglich seinen Besuch.
Welche Neberraschung! Der Doktor war zuerst gar nicht geneigt diesen Wechsel auf ein ihm so unbekanntes Herz zu erheben, auch betroffen über diese seltene Zuvorkommenheit. Doch hielt er's für der Mühe werth zur Liese zu reisen, und entnahm bald ihrem Gespräch, daß Adelheil so unschuldig sei wie er. So wollte er nun doch hingehen. Dießmal that er seine Augen auf, und bedurfte nun des Zuspruchs der Liese nicht mehr, um von Herzen zu wünschen, daß ihr Plan Wirklichkeit würde, Da war es das so zurückhaltende Benehmen Adelheids.
