Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — ^ 144.
Die etruskische Vase
(Fortsetzung.) '
Er nahm ein Papier vom Tische: „Sich da, die Rechnung deiner Blondenwäscherin, Laß und darüber plaudern, mein Engel; dann wirst du doch nicht sagen können, ich sei boshaft".
Wahrhaftig, Adolf, ich begreife dich nicht".
„Diese Orthographie erinnert mich an einen Brief, den ich heute Morgen gefunden habe, Du mußt nämlich wissen, daß ich meine Papiere aufgeräumt habe; denn ich bin von Zeil zu Zeil ordentlich. Ich fand also einen Liebesbrief wieder, den mir einmal eine Nähmamsel geschrieben hat, in die ich verliebt war, als ich sechSzehn Jahre zählte. Sie hat eine ganz besondere Schreibart für jedes Wort, und zwar immer die möglichst künstliche. Ihr Stil ist ihrer Orthographie würdig. Nuo gut, da ich damals ein bischen eingebildet war, so fand ich es meiner durchaus unwürdig, eine Geliebte zu haben, die nicht schreiben konnte, wie Frau von Sevigne; ich brach daher mit ihr. Als ich heute den Brief wieder laS, erkannte ich, daß diese Nähmamsell eine ächte Liebe für mich gefühlt haben; muß".
„Und waS ist auS diesem Frauenzimmer später geworden,, ?
„WaS weiß ich? Wahrscheinlich ist sie im Hospital gestorben.
„Aböls .... wenn daS wahr wäre, würdest Du nicht so unbefangen auSsehen".
„Die Wahrheit zu sagen, sie hat einen ehrlichen Kerl geheirathet, und als man mich emanzipirle, hab' ich ihr eine kleine Aussteuer gegeben". ,
„Wie gut Du bist? .... Aber warum willst Du durchaus boshaft erscheinen"?
„O, ich bin erstaunlich gut.....Je mehr ich dar- ! über nachdenke,desto mehr überzeuge ich mich, daß dieses '
Frauenzimmer mich wirklich geliebt hat. Aber ich hatte damals noch nicht Verstand genug, um unter der lächerlichen Hülle das ächte Gefühl zu erkennen".
„Du hättest mir Deinen Brief mitbringen müssen; ich wäre nicht eifersüchtig geworden. Wir Frauen haben mehr Takt als ihr; wir sehen eS einem Briefe gleich an, ob der Schreiber es aufrichtig meint, oder ob er Regungen erheuchelt, die er nicht empfindet".
„Und doch wie oft laßt ihr euch von Tröpfen und Gecken überrumpeln".
Bei diesen Worten blickte er auf die etruskische Vase, und seine Stimme, seine Augen nahmen einen unheimlichen Ausdruck an, den Mathilde nicht bemerkte.
„Ei, geh mir doch! Ihr Männer wollt Alle für Don Juan'S gelten. Ihr bildet euch ein, und zu bcthören, während ihr es vielleicht mit einer Donna Juana zu thun habt, die noch abgefeimter ist, als ihr".
„Ich begreife, daß Sie, meine Dame, mit Ihrem überlegenen Witze einen Tropf meilenweit wittern, und ich zweifle daher auch keinen Augenblick, daß unser Freund Masstgny, der ein Tropf und ein Geck zugleich war, alS jungfräulicher Märtyrer gestorben ist".
„Massigny? O, der war so übertrieben dumm nicht, und dann, weißt Du, gibt es auch dumme Frauen. Ich muß Dir doch eine Geschichte von Massigny erzählen — oder hab' ich sie Dir vielleicht schon einmal erzählt"?
„Niemals", antwortete Saint-Clair mit zitternder Stimme.
„Als Masstgny auS Italien zurückkam, verliebte er sich in mich. Mein Mann kannte ihn; er führte ihn bei mir ein als einen Cavalier von Geist und Geschmack. Die beiden waren wie für einander geschaffen.
Massigny begann mit außerordentlichen Aufmerksamkeiten ; er brachte mir selbstgefertigte Aquarellen, die er bei Schrot kaufte, und sprach mir von Musik und Ma-
