Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 139.
Die etruskische Base
(Fortsetzung.)
Saint-Clair's Lage war grausam. Schon wollte er den Erzähler in Heller Form Lügen strafen, aber die Furcht, den Ruf der Gräfin zu kompromittiren, hielt ihn zurück. Er wollte etwas zu ihrer Vertheidigung Vorbringen, aber die Zunge war ihm wie festgefroren. Seine Lippen bebten vor Wuth , aber vergebens suchte er in seinen Gedanken nach einem unverdächtigen Mittel, Händel an» zufangen.
„WaS"? rief JuleS mit erstaunten Mienen, „Ma- kam de Coursy hätte Massigny erhört? Fraitly, thy name is woman" !
„Der Ruf einer Frau ist ein Gegenstand von so geringer Bedeutung", warf Saint-Clair mit verächtlichem und kaltem Tone dazwischen. „Nichts unschuldiger, als daß man ihn zu Grunde richtet, um eine Gesellschaft ein wenig zu unterhalten, und...."
Mitten in seiner Rede erinnerte er sich schaudernd einer gewissen etruskischen Vase, welche er hundert Mal auf dem Kamine der Gräfin zu Paris gesehen hatte Er wußte daß Massigny bei seiner -Rückkehr auS Italien ihr tin Geschenk damit gemacht hatte, und niederschmcttern- ber Gedanke! — Diese Vase war von Paris mit auf'S Land gewandert, und jeden Abend, wenn Mathilde ihr Bouquet ablegte, steckte sie es in die etruskische Vase.
DaS Wort erstarb auf seinen Lippen; er sah nichts wehr, er dachte an n.ichtS mehr, alt an EinS: an die «ruskische Vase.
Schöner Beweis! wird mancher Kritiker sagen; seine Geliebte wegen einer solchen Kleinigkeit zu beargwöhnen! — Sind Sie schon einmal verliebt gewesen, geehrter Kritiker?
ThemineS war in zu guter Laune, um an dem Tone, mit welchem Sainl-Clair seine Erzählung kommentirte, Anstoß zu nehmen. Er antwortete^mit dem Ausdrucke unbefangener Gutmüthigkeit:
„Ich wiederhole nur, waö die Welt erzählt. Die Geschichte galt für richtig, alö Sie in Deutschland waren. UebrigenS kenn' ich Madame de Coursy nur sehr oberflächlich ; ich bin seit anderthalb Jahren nicht in ihrem Hause gewesen. Möglich, daß man sich getäuscht, und daß Massigny mir etwas vorgefabelt hat. Um auf unser Thema zurückzukommen, so behaupte ich mein Recht, auch wenn daS eben angeführte Beispiel falsch sein sollte. Jedermann weiß, daß die geistreichste Frau Frankreichs, deren Werke. . .."
Die Thüre ging auf und Theodor Neville trat ein. Er kam von Egypten.
„Theodor? schon wieder zurück"? Man bestürmte ihn mit Fragen.
„Hast Du ein ächtes türkisches Kostüm mitgebracht"? fragte ThemineS. Hast Du ein arabisches Pferd und einen ägyptischen Groom"?
„WaS für 'ne Art Mann ist der Pascha"? sagt« JuleS. „Wann macht er sich unabhängig? Hast Du ihn mit einem einzigen Säbelhiebe einen Kopf abschlagen sehen" ?
„Und die Almahs"? fragte Roquantin.^ „Sind die Frauenzimmer in Kairo hübsch"?
„Hast Du General L* gesehen"? fiel Oberst Beaujeu ein. „Wie hat er die Armee des Paschas orga, nisirt? Hat Oberst C** Dir einen Säbel für mich mit* gegeben"?
„Und dir Pyramiden ? Und die Nil - Catarakten? Und die Memnonssäule? Und Ibrahim Pascha? u. s. w. u. s. w." Alle sprachen auf einmal; Saint-Clair dachte nur an die etruskische Vase.
