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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.

1851. — 138.

Die etruskische Vase.

(Fortsetzung.)

Der Zwerg erhob sich, und Alle erinnerten sich lä­chelnd der Fabel von dem Fuchse und dem abgeschnitte­nen Schweife.

„Nein, nein", sagte ThemineS wieder einlenkend, „je mehr ich sehe, daß ein leidliches Gesicht" — und er warf einen selbstgefälligen Blick in den gegenüberhangen­den Spiegel — „daß ein leidliches Gesicht und eine ge­schmackvolle Toilette die große Eigenthümlichkeit sind, durch welche sich die Grausamsten verführen lassen", und er sprengte mit einem Schnalzen der Finger eine Brod­krume von seinen Rockumschlägen.

„Pah" ! rief der Zwerg, „mit einem hübschen Ge­sichte und einem Rocke von Staub gewinnt man Frauen, die man acht Tage behält, und die uns beim zweiten Rendezvous langweilen. Um Liebe zu erwecken, was man Liebe nennt, bedarf eS anderer Dinge; da bedarf es . . . ."

„Hall", unterbrach ihn ThemineS, „wollt Ihr ein unwiderlegliches Beispiel? Ihr Alle habt Massi.,ny ge- ! kannt, und Ihr Alle wißt, weß Geistes Kind er war. Manieren, wie ein englischer Grooom, UnterhaltungSgabe, wie sein Gaul. Aber er war schön, wie AdoniS, und knüpfte sein Halstuch wie Brummel. Im Ganzen war er daS langweiligste Wesen, daS mir je vorgekom- men ist".

„Er ging damit um, mich durch Langeweile umzu­bringen", sagte Oberst Beauzeu. „Denken Sie sich, daß ich mich genöthigt sah, zweihundert Meilen mit ihm in einem Wagen zu reisen".

„Wißt Ihr", fragte Saint-Clair", daß er den Tod des armen Richard Thornton, den Ihr Alle wohl gekannt habt, verschuldet hat" ?

„Der ist ja bei Forli von Räubern ermordet wor­den", warf JuleS Lambert ein.

„Ganz recht, aber ihr werdet sehen, daß Massigny wenigstens Mitschuldiger der Spitzbuben gewesen ist. Mehrere Reisende, unten ihnen Thornton, hatten sich ver- abredet, aus Furcht vor den Räubern in Gesellschaft nach Neapel zu reisen. Massigny wollte sich der Karawane anschlikßen. Kaum hatte Thornton daS erfahren, als er vorauseilte, wahrscheinlich auS Angst, einige Tage mit ihm zubringen zu müssen. Er reiste allein, und Ihr wißt daS Uebrige".

„Thornton hatte Recht" sagte ThemineS; „er wählte von zwei Todesarten die angenehmere. Jeder hätte an seiner Stelle dasselbe gethan". Dann fuhr er nach einer Pause fort: „Ihr gebt mir also zu, daß Massigny der langweiligste aller Sterblichen war" ?

„Zugegeben"! erscholl eS wie aus einem Munde:

„Nein", wir wollen Niemanden muthlos machen", sagte JuleS; machen wir eine Ausnahme zu Gunsten M**'s, namentlich wenn er seine politischen Pläne ent­wickelt".

„Ihr werdet mir nicht minder zugeben", fuhr The­mineS fort, „daß, wenn irgend eine, die Gräfin von Coursy, eine Frau von Geist ist".

Für den Augenblick trat Stillschweigen ein. Saint- Clair schlug die Augen nieder und bildete sich ein, daß Aller Blicke auf ihn gerichtet seien.

„Wer zweifelt daran"? sagte er zuletzt, über seinen Teller gebückt, als ob er mit großer Neugierde die gemal­ten Blumen deS Porzellans untersuche.

„Ich behaupte", rief JuleS mit erhobener Stimme, „ich behaupte, daß sie eine der liebenswürdigsten Frauen von Paris ist".

„Ich kannte ihren Mann", sagte der Oberst; „er hat mir manchmal allerliebste Briefe von seiner Frau gezeigt".