Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M 134

Georg Volker.

(Schluß).

Annli erreichte den Wald und wie dem eilenden Todesengel der Natur, wenn er die letzten zurückgeblie­benen Kinder >es Spätsommers mit sich fortnimmt, so folgte ihr, was an Sonnenschein noch auf Erden war; hinter ihr dämmerte der Abend, aber sie schaute nicht rückwärts, sondern beschritt hastig den Waldpsad, auf dem ihr das Abendroth grüßend und glänzend entgegen­trat und ihr blitzend voranflog, als wisse es schon den Weg, den sie zu wandeln sich ruhig entschlossen.

Sie erreichte die Felsen, an deren Hellen Wänden die Schatten wehender Fichten magisch im Abendschein spiel# teil. Fest schaute ihr Auge aufwärts; dann stieg sie fielen Schrittes den bekannten steilen Pfad empor und ruhte nur ein wenig an der Stelle, wo sie zwischen den Stämmen hindurch den letzten Blick frei hatte in den Waldgrund, ehe die hochragenden Baumwipfel ihn ver­deckten.

Wie sie oben auf der Felsenplatte anlangte, athmete sie tief auf, drückte beide Hände wider den jungen Busen und sagte:

Gottlob! Nun bin ich da".

Langsam, fast zögernd schritt sie dann der Stelle zu, 'M sie einst den Lindenzweig in die Erde gepflanzt. Ach, er grünte noch immer, war fast schon ein junges fröh­liches Bäumchen geworden,- aber Das, was er ihr ver­heißen sollte, hatte er doch nicht gehalten; so mußte wohl uoch eine andere Verheißung sich an sein Gedeihen knüp- sen, eine andere Liebe als die, welche ihm einst in fromm- kindlichem Wahne vertraut, seines holden Doppelsinnes ^âthsel zu lösen suchen.

»Ja, ja, Du grünst mir Zweiglein", sagte gerührt ^8 Mädchen.Die Marienlinde hat Wort gehalten, uur das Glück war treulos. Dort", sie deutete nach der

Eulobe,in der stillen Braulkammer soll sich mir Dein Liebeszeichen erfüllen; dort will ich meinen Georg erwar­ten und weiß, daß er mich findet".

So muß eS ja wohl sein" , fuhr sie nach einer Pause wehmüthig fort, indem ihr Auge über daS weite Wäldermeer hinschweifte.Geht doch alleS Schöne und Liebe zu Grunde, wenn eS kaum zum rechten Blühen und Hoffen gelangt ist. Die Natur fftirbt ab und auch ich empfind' eS, wie sie mich mit sich hinunterzieht in den Zauberkreis ihres Todeö. Bald neigt die letzte späte Herbstblume ihre Haupt vor dem rauhen Wintersturm, kahl und öde steht dann der Wald meiner Lust und Liebe entlaubt da und schüttelt sich schauernd im EiseSfrost. So leb' denn wohl, Du schöne arme Welt; einst hat mir's Georg erzählt, wie die Priesterinnen der Vesta in weißen Feierkleidern lebendig eingemauert wurden, wenn die ihrem Dienste anvertraute Flamme deS Tempels er­losch ; so will auch ich sterben, nun meines Tempels Flamme für immer erloschen ist und die Liebe mein Opfer fordert. Ha, Mutter! Mutter! Nimm Dein verlorenes Kind wieder auf, mein Tod soll die heilige Eulobe mit meinem Verrath versöhnen, ach zu schwer schon büßt' ich dafür! und wie die Voreltern einst Schutz und Rettung in ihr fanden, so flücht auch ich mich in ihre Dämmerung und harre auf dem Steine sitzend, der Stunde meiner Erlösung"!

Nasch schritt sie bei diesen Worten nach der Grotte, schob den Epheu zur Seite, noch einmal sah sie rückwärts ins Abendroth und hinter ihr rauschte für immer der Na­tur grüne Tapete nieder.

Nebel stiegen aus den Wäldern empor und wallten schattenhaft über den Wipfeln hin, im Westen erlosch des Tages letzter Schimmer, Frieden ruhte auf der Erde und der Nacht heiliges Schweigen legte sich lauschend vor die Eulobe.