Deutschland der freien und starken Eintracht, dieses Deutschland deS glücklichen Friedens, der herrlichen Entfaltung seiner geistigen und materiellen Kräfte, — möglich, daß diesem Traume mit halbhellen Augen abermals ein tiefer, dumpfer Kerkerschlaf folgt; aber — sollte er darum gar nicht geträumt werden? Sollte er darum seiner einstigen Verwirklichung nicht wenigstens einen Schritt näher rücken? Und der Odenwald ist doch auch ein Stück von diesem großen unglücklichen Deutschland, und ist's gewiß nicht allein, dee jetzt krampfhaft aufzuckt unter der Schmach und Knechtschaft, unter welcher das ganze Vaterland schmachtet; nicht überall sind'S auch bloß, wie hier, Bauern und Dorfleute, welche aufstehen zum Kampf für das uralte heilige Recht deutscher Nation, EinS zu fein und stark und frei, wie die anderen glücklicheren Völker; in den Städten, den größten wie den kleinsten, erhebt sich daS Volk zu diesem Kampfe gegen den allgemeinen Feind; und daß der Bauer, dem ja überall die rauhe Arbeit bcschicden ist, der das Saatkorn unter Schweiß und Mühe zur reichen Ernte vorbereitet, zuerst aufsteht, das wundert Sie? Gährt nicht auch daS Meer, daS der Sturm peitscht, am heftigsten in der Tiefe? Ja, sind die Strömungen in seinen Gründen nicht oft die gewaltigsten? Aber ich weiß, es ist die schlimmste Eigenschaft an uns Deutschen, daß wir die geschichtliche That erst bewundern, wenn sie weit hint.er und liegt; während wir die großen Erscheinungen und Ereignisse der Gegenwart, die unsere Enkel einst anstaunen werden, mit mitleidigem Achselzucken belächeln, weil uns aller Stolz, alles freudige Gefühl einer freien Nationalität mangelt. Die vierhundert Pforzheimer, der für ihren Fürsten den Heldentod starben, bewundern wir; die armen Ovenwäl- der Bauern hingegen, die eben so freudig mulhvoll für die Frei he it in den Kampf ziehen zverachlet man! Ich gebe zu, daß der Einzelne darunter sich keine klare Rechenschaft von den Ursachen nnd Zwecken dieser großen Bewegung ablegen kann; er empfindet nur dunkel, was in dieser Zeit der Erschütterungen und Stürme vorgeht; aber in der großen unk ganzen Allgemeinheit regt sich der Volksgeist um so gewaltiger, und was der Einzelne nicht weiß, Allen ist'S doch bewußt; siegreich zieht dis Idee der Freiheit in Millionen Herzen ein, und diese Idee allein ist daß Recht, ist der Zweck der Revolution, mehr als daS bedarf eS nicht" !
„Und daS Glück, daS Glück, mein Freund? Vergessen Sie nicht diesen bedeutenden Faktor im Leben des Einzelnen wie in dem ganzer Völker", sagte Eugenia. „Wo sollt' eS unS Deutschen Herkommen , die wir doch immer in politischen Dingen so viel Mißgeschick gehabt ; haben? Sie zählen auf alle die günstigen Fälle, bie > andern Völkern ihre Revolutionen möglich gemacht haben; ;
aber die ungünstigen, die so manche edle, großherzige Volkserhebung unterdrücken halsen, beachten Sie nicht; und doch will es mir, trotz meiner beschränkten Begriffe über Politik, beinahe scheinen, als sei, was eben in Deutschland vorgeht, einer polnischen Revolution ungleich ähnlicher wie einer französischen oder englischen. O, wenn Sie Ihr Vaterland in Wahrheit lieben, ich meine, nicht mit jugendlicher Schwärmerei, sondern mit Klugheit, freiem Blick, besonnenem Muthe, ohne Parteileiden- schaft und Vorurtheil, wie es der Patriot soll; wenn Sie so es lieben, dann bedenken Sie die Möglichkeit, daß Deutschland durch diese Revolution dem Schicksale Polens erliegen könnte; bedenken Sie, was eS heißt, dem Vaterlande gegenüber auf eine Karte Alles fetzen und vielleicht daS Letzte verlieren. Ich weiß eS nicht anders auszudrücken, als daß eS mir unnatürlich und undenkbar erscheint, daß eine gewaltsame Revolution aus deutschem Boden gedeihen könne; und Waldemar hatte gewiß recht, da er neulich behauptete, der Deutsche habe vielleicht unter allen Völkern der neueren Geschichte die meisten Revolutionen erfunden, doch machen werde er niemals eine, er theile denn das Schicksal seines Berthold Schwarz, der daS Pulver erfand, als ihm dessen Erplosion den Mörser an den Kopf schleuderte". (Forts, f.)
«Heirathsgeschichten aus der kleinen Welt.
(Fortsetzung.)
Der große Tag brach an. Sämmtliche vier Paläste liefen vom frühen Morgen an mit aufgewickelten Haaren herum, so daß heute daS Nanettle, deren gescheiteltes Haar keine so mühsame Vorschule brauchte, Schnittlauch, Blumen und Stieglitz allein versorgen mußte. Die Stube dampfte vor Wärme, weil den ganzen Tag Biegelstählc glühend gemacht wurden, um die Kleider und Chemisetten auszubiegeln.
Lotte mußte all ihr Gummielasticum aufopfern zur Reinigung der Glacehandschuhe; kurz eS war ein Leben und Treiben, wie wohl schwerlich je in einem Palais vor einem Hoffeste. Endlich dämmerte der Abend, der Putz war beendet, die als Wache ausgestellte Magd kam mit der Kunde, daß die Familie deS Apothekers und des Gerichtsnotars bereits hineingezogen seien (Niemand wollte zuerst kommen), der galante Provisor erschien, um seine Sängerin zu geleiten — sein Musiklalent hatte ihn, um eine Rangstufe erhoben — und der Zug setzte sich in Bewegung; der Papa mit den vier Palästen voraus, daneben als Zugabe der Provisor , dann mit hochklopsendem
