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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. M ISS

Georg Volker.

(Fortsetzung)

Georg fühlte den bittern Spott, der in diesen Wor­ten lag, obwohl sie dabei eine so bange Miene machte, alS sei eS ihr vollkommen Ernst mit ihrer erheuchelten Angst.

Er erwiderte mit unsicherer Stimme:

Sie sind sehr grausam, Comtesse Eugenia! Aber ich verdien' es schon, daß Sie Ihren Spott mit mir treiben; warum bin auch Thor genug gewesen, die Liebe zum Va- terlandc höher zu achten wie meine Existenz, als wenn so Etwas dem Deutschen anstände"!

Da änderte mit einem Mal Eugenia ihren neckischen Ton und sagte sehr ernst:

Ich denke nicht daran, DaS zu verspotten, waS je­dem Menschen heilig sein sollte. Ich verspotte nur das wirklich Lächerliche, daS bis zum Weinen Lächerliche, was ich in dieser sogenannten Revolution erblicke. Ein paar Hundert, oder auch wenn Sie wollen ein paar Tausend Bauern, die ihr Lebtag nicht daran gedacht haben, eine Rolle auf der Weltbühne des JahrhunderiS zu spielen, lassen sich von einem alten Narren, der als Hauptmann seinen Abschied nehmen mußte, weil er für's weitere Avancement untauglich war, zum Aufruhr verleiten; es entsteht ein gewaltiger Rumor im Lande, man trommelt in allen Dörfern, läutet mit allen Glocken, die Tricolorc wird entfaltet, der alte Bär setzt sich auf seinen lahmen Fuchs: Tod der Aristokratie! Freiheit, ^Gleichheit, Brü­derlichkeit! lautet das Feldgeschrei, ein paar Zoll- oder Amthäuser, wenn'S hoch kommt, wohl auch ein gräfliches Schloß, gehen in Rauch und Flammen auf, und eines schönen Morgens präsentirt der Odenwälder Bauer mit seiner bekannten Grazie dem übrigen Deutschland die Re-

publick als vollendete Thatsache auf der Heugabel! Ist daS Alles nicht zum Tokt'achen lächerlich" 1

Wie, Gräfin Eugenia, auch Sie mit ihrem edlen Herzen verachten den armen Bauer"! rief Volker.Auch Sie verspotten die Noth der gedrückten, daS Elend der entwürdigten Menschheit ? O! daS thaten Sie früher nicht, und ich möchte an mir selber irre werden, wenn ich Sie so reden höre"!

Bei Leibe, thun Sie das nicht, lieber Freund", er­widerte sie sanft;Sie würden sich unrecht thun, wenn Sie mir'S thun. Nicht den Bauer verspott' ich, sondern die Eitelkeit, den Urbermulh, der sich auf Kosten der ar­men Leute breit machen möchte. Ich verspotte diese klein­liche Selbstsucht, diese spießbürgerliche Heldenthuerei, die wähnt, wenn sie nur erst den Säbel aus der Scheide zöge, würden alle deutschen Armeen über Hals und Kopf davonlaufen.

Ah! und diese romantische Herzlosigkeit, mit der Ihr welterfahrener und weltzerfahrener Freund Germanos die dummen, gar nicht einmal ästhetisch gebildeten Bauern in die Bayonnette der Soldaten jagt, nur um einmal daS Vergnügen zu haben, ein Treffen kommandiren und später im Salon erzählen zu können, er habe unter Kanonen­donner eine Havannahcigarre geraucht! Und Sie, Volker, Sie sind leider nur der Beste von Allen, denn Sie haben doch noch wenigstens einen guten Glauben an Ihre Sache; Sie denken nicht an sich, Ihnen ist's gleich, wer den Lor­beer davon trägt, wenn nur die Idee siegt, die abscheu­liche Idee" !

ES ist das Vaterland, das siegen soll", erwiederte Volker mit Wärme.O nennen Sie daS nicht abscheu­lich , Gräfin Eugenia, nennen Sie's die erhabenste uud schönste Idee, die jemals im Herzen des deutschen Man­nes und des deutschen WeibeS geglüht hat. Möglich, daß eS auch diesmal wieder ein Traum bleibt, dieses