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Der Wanderer.

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Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. ^ 123.

Georg Volker.

(Fortsetzung-)

Die Marienlinde.

O Sonnenschein, o Sonnenschein, Wie leucht'st Du mir in« Herz hinein"!

sang Annli leise vor sich hin, als sie am ersten heitern Frühlingsmorgen, auf einem Gang nach dem Walde be­griffen, den Weg nach der Marienlinde wandelte, nach jener Anhöhe, deren reizende Fernsicht uns schon auS früheren Schilderungen bekannt geworden ist. Es war Las erste Mal in diesem Jahre, daß sie hierher kam, um >en Wald zu besuchen, in dessen tiefkühlen Gründen im einsamen FörsterhauS sie geboren, dessen Rauschen ihr Wiegenlied, dessen stillheilige Romantik der erste Eindruck ihrer Kindheit gewesen war, und den sie darum fast mit demselben Naturtrieb liebte, wie ihn daS schone Reh und die wilde Blautaube lieben. Ja, im Walde, und im allertiefsten Walde zumal, da war Annli'S eigentliche Heimath; dort lebte sie wieder auf, dort vergaß sie alles Trübe und Schmerzliche ihres jungen Daseins; dort ver­gaß sie selbst der Menschen, aller, bis auf Einen; dort war sie glücklich, weil sie allein und einsam war; allein, in diesem Worte ruhte für sie der ganze, von frühester Kindheit an so unwiderstehliche Reiz der Walvnatur; allein mit ihrem Herzen, mit ihren Träumen und Er­innerungen, allein mit dem, waS überhaupt den ganzen Inhalt ihres inneren Lebens ausmachte. So lange es keinen Wald und keine freie GotteSnatur für sie gab, so lange der rauhe Winter sie unter die Menschen ver­bannte, so lange gab es auch für Annli kein eigentliches ^eben und sie trauerte um ihren Wald, wie um ein ver- lvreneS Dasein. Kaum aber lockte die Sonne daS erste @rün auS der Knospe, kaum färbte der Lenz die Wälder

dem ersten sanften Schein der grünen WaldeSlust, ;

so ergriff eS auch Anneli'S Herz mit der alten Gewalt, in ihrem Wesen ging eine wunderbare Verwandlung vor, daS stille Kind ward mit einem Male von einer unruh­vollen Lebendigkeit ergriffen und nirgends wollte mehr ihres BleibenS sein. Alles, waS sie den langen kalten Winter hindurch in Schweigen ertragen hatte, ward ihr plötzlich zur Qual; eine fieberhafte Aufregung wechselte oft ohne alle äußere Veranlassung mit der tiefsten Me­lancholie ; am Tage ging sie unstät und träumerisch im Hause umher und klagte über Schwindel und banges Herzklopfen; Nachts schlief sie dann entweder sehr un­ruhig, oder blieb oft ganz wach biS zum Morgen, wo man sie auf einem Stuhl am Fenster sitzend, in ihren Kleidern schlafend fand und Mühe hatte, sie aufzuwecken. Dieser krankhaft erregte Zustand dauerte schon seit der Zeit, daß sie den Wald verlassen und nach dem Tode ihres Vaters mit ihrem Bruder Paul von dem Haupt­mann von Bärenhorst an Kindesstatt angenommen wor­den war. Bei aller äußern Gesundheit übte die Früh­lingsnähe und die Sehnsucht nach dem Walde, auf ihren zarten NervenorganiSmuS jedes Mal denselben störenden Einfluß auS, und diese Erscheinung nahm mit den Jah­ren eher zu als ab. Es war eben ein Doppelleben in der jungen Seele, und bis daS eine überwunden, das andere zum vollen Gefühl der befriedigten Sehnsucht ge­langt war, währte dieser Zustand , in welchem daS sonst sichre ruhevolle Wesen all jenen wechselnden Eindrücken einer ihm feindlichen Außenwelt erlag, wie wir sie eben geschildert haben. Sie selbst verglich sich dann der Birke, die ja auch um diese Zeit weine, bis der Frühling ihre Thränen trockne und sie wieder mit jungem Laub umgrüne.

In diesem Jahre aber war eS noch eine andere Sehnsucht gewesen, die deS Mädchens Gemüth erfüllte und ihr die letzten Tage und Wochen, in denen die er­wachende Natur mit dem rauhen Winter um ihr sonniges