Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1851. — JVs 1SS
Georg Volker.
ein Antlitz hervortreten, daS nicht zu der übrigen Darstellung gehörte, und doch, je länger er eS anschaute, immer deutlicher auS den gealterten Farben auftauchte. Erstaunt untersucht er daS Gemälde, reinigt eS vom Staube, und wie groß ist seine Freude, als er zuletzt nicht länger mehr daran zweifeln kann, daß das wenig geachtete Bild eine werthvolle Palimpseste*) verdeckt. Vorsichtig löst er nun die oberen Farbendecken ab, und nach unendlicher Mühe gelingt es ihm, daS Meisterwerk eines unbekannten Malers aus der alten florentinischen Schule dem Licht der Sonne und der Bewunderung aller Welt zurückzugeben.
Das Bild stellt den Kopf eines jungen liebreizenden Mädchens dar, das mit vorgebeugtem Angesicht sinnend in den Kelch einer dunkelblauen Blume blickt, mit einem Ausdruck, so schwermuthSvoll und sehnsüchtig, als hätte sie im Blumenkelch Gott weiß, welchen unverstandenen Traum ihres jungen Herzens, ja vielleicht dieses junge Herz selber verloren. Dunkles Haar legt sich ihr schlicht um Stirn und Wangen, der Teint ihrer Züge ist ein wenig gebräunt und von einer sanften Röthe überhaucht, so daß man das warme Leben zu fühlen meint, welches der in { andächtigem Schauen halbgeöffnete Mund auSathmet, während aus den glänzenden verklärten Augen eine Sehnsucht leuchtet, so innig und gluthvoll, daß man nicht weiß ob eine menschliche Seele solche Sehnsucht ertragen könnte, so etwas tief Nachtschattiges, nach Innen sich Verzehren-, deS ruht in diesem himmlischen Blick der braunen Augen, über denen sich eine Stirn wölbt, auf welche Jugend und Unschuld ihres Liebreizes holdesten Zauberschein ausgegossen haben. Ob aber daS Ganze ein Werk der genialsten Phantasie oder das Porträt einer wirklichen Person sei, wagte kein Kenner zu entscheiden, während sich die | Meinung der Laien, die meist nach dem ersten Eindruck i urtheilen, für Letzteres aussprach.
i *) Alte Bilder, welche später übermalt wurden.
(Fortsetzung.)
Und wer hätte es auch nicht an sich selbst schon erfahren, wie uns an vereinsamten Denkmalen alter Zeiten und Herrlichkeiten oft ein Gefühl beschleicht, als poche unser Herz nirgend so lebendig für alles Große und Schöne dieser Erde wie hier, als müßten wir an dem verwitterten Markstein, auf der Gränze zwischen Leben und Hinsterben, noch einmal so freudig an Letzteres glauben und ihm mit all unsrer Hoffnung fund Sehnsucht glühend entgegenstreben.
Auch ist nicht alles Alte und Verschwundene darum schon todt und verloren, weil wir es mit blödem Auge dafür ansehen; und manche liebliche holde Erscheinung deS Lebens tritt uns wie ein Râ.'hsel, dunkelheiligen Sinnes voll, aus Ruinen entgegen, die wir längst dem Tod und der Vergessenheit geweiht glaubten.
Wir entsinnen unS, irgendwo einmal die Geschichte eines berühmten Bildes gelesen zu haben, dessen wunderbare Entdeckung nicht nur die Kunst um ein unsterbliches ! Meisterwerk bereicherte, sondern die auch um der ihr zu i Grunde liegenden poetischen Ideen willen wiedererzählt zu werden verdient. Ein Maler in Antwerpen besaß ein altes Oelblatt von unscheinbarem Werthe ; eS stellte den Mord Kainö dar, und sein ganzer Werth bestand säst nur in seinem großen Alter, wovon es die unverkennbaren Spuren an sich trug. Längst waren die Farben verdunkelt, so daß die einzelnen Gestalten darauf nur noch in dämmernden Umrissen deutlich waren.
Viele Jahre lang hing daS alte Bild unbeachtet da, bis es einst der Zufall wollte, daß eS der Maler in einer Beleuchtung betrachtete, in der ihm Etwas an der Gruppe i ausfiel, was er bis dahin nicht wahrgenommen hatte. Zu i feinem Befremden sah er nämlich aus dem dunklen Bilde i
