Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 97.
Der Stauffer.
(Fortsetzung.)
Es war Anfangs August.
Die Ernte hatte eben begonnen; in den Dörfern ging eS lebhaft ab und zu, mit Sonnenaufgang wimmelten die gclvhalmigen Kornfelder von lustigen Schnittern, die sich zuriefen, von den Hügeln jauchzten oder Lieder fangen, so oft sie wieder einmal „nauS" waren und zum Anfang der Feldzeilen zurückkehrten. Der Stauffer war mit der Morgendämmerung schon auf und legte sich mit breitem Behagen zum Fenster heraus, das Dorf überschauend, die Menschen betrachtend und neugierig, was seine Anwesenheit für Wirkung thun würde. Die Sonne kam, die Thäler dampften, der Nebel verzog sich; in den reinen Lüften klang die Morgenglocke, und hinter den fröhlichen Menschen her klingelten die Heerden hier und dorthin nach der Weide.'
Niemand sah nach dem Stauffer auf.
Wenigstens blieb Niemand stehen, grüßte Niemand herauf, zog Niemand die Mütze. Und doch ging eS am obern Fahrweg, nicht weit von Stauffer'S Fenster, lebhaft hin und wieder.
AIS der Stauffer gegen Mittag den Büchner einen schweren Kornwagen daherfahren sah, nahm er die Pfeife aus dem Mund, und legte die eine Hand zurecht, um halb zuvorkommend zu grüßen und an die Mütze zu greisen, wenn der Büchner nur die leiseste Miene machen würde, dasselbe zu thun.
Der Büchner sah und grüßte nicht herauf; er that als wäre gerade hier eine gefährliche Fahrt und stellte sich aus ein Rad, obwohl es schnureben vorüberging.
Der Stauffer nahm seine behagliche Stellung nicht mehr ein.
Er setzte sich innen neben das Fenster, sodaß er Alle- sehen, selbst aber nicht mehr gesehen werden konnte.
Er wollte so beobachten, ob die Menschen heimlich mehr nach seinem Hause blicken würden.
Nein.
Wie einverstanden untereinander unterließ eS Jedermann.
Stauffer legte die Pfeife weg, das Rauchen schmeckte ihm nicht mehr; er legte die Mütze weg, um den Kopf besser in die Hände stützen zu können.
Wenn die Burschen von den Höhen jauchzten, so glaubte er, sie jauchzten absichtlich gegen sein HauS herüber, um anzuzeigen, daß sie auch ohne Stauffers Freundschaft leben und froh sein könnten. Schäkerte und lachte man in der Ferne, so mußte Jemand gegen den Stauffer einen Witzpfeil loSgeschnellt haben.
Er war sonderbar bewegt; — reiste auch denselben Tag noch ab.
Und nun wollen wir es wie die Bewohner seiner Heimat machen, welche den Stauffer kommen und gehen, thun und treiben, schalten und walten ließen nach Belieben, ohne Aufmerksamkeit oder ihren Unmuth ernsthaft gegen ihn zu kehren. Jahre vergingen. Stauffer'S Glück nahm zu, man gewöhnte sich daran; Geschäft oder Zufall führte ihn später oft mit den Leuten seiner Heimat zusammen, man suchte sich erträglich zu benehmen. So schien denn endlich eine friedliche Nachbarschaft hergestellt, obwohl dem Stauffer noch gar Manches im Herzen wühlte und ihn gegen Niemand recht vertraulich werden ließ. Wo er Zusammenkünften auSweichen konnte, dort wich er aus; wo er erscheinen mußte, dort hielt ihm sein wenig einladendes Wesen jede nähere Berührung ab. So trieb er es die ganzen Jahre hin, während welchen ihn sein Geschäft noch ab- und zuführte.
