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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1851. — JV» 94

Baas Ganfendonck.

(Schluß.)

Vier Jungfrauen in schneeweißen Gewändern tragen die Leiche ihrer Gefährtin, welche in der Blüthe des Le­bens starb; andere, eben so gekleidete Mädchen gehen nebenher, um, wenn die Reihe an sie kommt, die theure Last auf ihre Schultern zu nehmen. Hinter ihnen folgen alle Töchter der Gemeine, mit Blumen oder Weihepalmen in der Hand, ja, selbst die kleinen Mädchen, deren un­schuldiges Gemüth noch nicht begreift, was daS Wort „sterben" bedeutet. Viele weinen bitterlich; Alle ge­hen mit gesenktem Haupte und (trauern über die arme Lisa, die ach! so unschuldig gebüßt hat.

Auf den Sarg sind Blumen gestreut, Rosen und Li­lien, Sinnbilder jungfräulicher Reinheit. Sie duften so frisch, sie prangen so lieblich auf dem weißen Bahrtuch ......In dem Sarge liegt auch eine Blume, eine Li­lie, die der Wurm des Leides zernagt, kalt und bleich; ein unschuldiges Lamm der Sühne, ein schuldloses Schlacht­opfer des Hochmuthes und der Aufgeblasenheit.

Nur drei Männer folgen unmittelbar der Leiche. Auf der einen Seite geht Kobe, der Knecht, auf der an­deren Sus, der Schmied. Mitleidig weinend unterstützen sie einen Dritten, der wie ein Betrunkener auf den Bei­nen schwankt. Er bedeckt sein Angesicht mit den Händen; Thränen tröpfeln durch seine Finger, seine Brust keucht sichtbar unter peinlichem Schluchzen ...... Armer Ganfendonck! schuldvoller Vater! Du darfst das Auge nicht mehr auf die Bahre richten! Bei jedem Blicke na­gen Gewissensbisse Dir das Herz blutig, nicht wahr? Du zitterst vor Angst und Beschämung? ...... Aber ich will nicht in Dein Herz schauen. Deine Marter flößt mir Ehrfurcht ein. Deinen unglücklichen Hochmuth ver­gessend, weine ich auch Thränen deS Mitgefühls über Dein bitteres Leiden......

Man naht sich dem Felde des Todes. Dort ist der Priester, der daS letzte Gebet über der Leiche sprechen soll.....

Aber waS erfüllt jeden mit Schrecken und Bestürzung? Warum dieser Schrei der Angst, der zu gleicher Zeit sich aus jeder Brust drängt? Welche gräßliche Erscheinung macht die Jungfrauen zittern?

Gott! dort ist Karl! Er bleibt einen Augenblick, wie vom Blitz getroffen, stehen und starrt mit wildem Blicke auf den Leichenzug, der ihm plötzlich vor die Augen ge­kommen ist. Niedergeschmettert erkennt er, was sich zu­trägt. Die Haare steigen ihm zu Berge. Er eilt herbei; er stürzt neben der Leiche nieder; gewaltsam stößt er die Jungfrauen fort, reißt das Bahrtuch ab, und reißt sich die Hände blutig an den Schrauben. Er will den Sarg öffnen; er ruft seine Lisa; er schreit, er weint, er lacht; ES kommen Männer herbei und ziehen ihn mit unwider­stehlicher Gewalt von der Leiche weg ..... Aber eine neue Erscheinung entreißt ihm einen Schrei der Rache, so gräßlich und gewaltig, daß Jever davor zurückbebt. WaS hat denn sein verwildertes Auge gesehen, daß er wüthend Alles aus dem Wege räumt, und mit furcht­barem Geschrei auf EtwaS, das ihn ärgert, zuläuft?

Himmel! dort an dem Fenster eines Wirthshauses steht der Baron!

Wehe! Wehe! Wahnsinnig zieht der Jüngling ein Messer aus der Tasche. Es funkelt so gräßlich in der Sonne. Rasch springt er in das Wirthshaus: Es wird ein Mord geschehen. — Aber nein! er strauchelt an der Schwelle und sällt wie ein Stein mit dem Kopf auf den Boden. Jeder hebt schreiend die Hände empor, Jeder zittert .... Aber Karl steht nicht wieder auf; er bleibt liegen, als hätte der Tod in ihm ein neues Opfer ge­sunden.