Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 92.
Baas Gansendonck.
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„Karl kommt bald zurück, Lisa. Hast Du nicht selbst gesagt, daß Du bald gesund sein werdest? Er wird Dich trösten, seine freundliche Rede Dich mit neuer Kraft be- jeelen, daß Du Dich auS Deinen schweren Leiden herauS- reißest".
„Noch sechs Monate", seufzte daS Mädchen verzweif. lungSvoll gen Himmel blickend, als frage sie Gott etwas. „Noch sechs Monate"!
„So lange nicht mehr, Lisa; Kobe ist gestern nach Brüssel gereist mit einem Briefe von unserm Bürgermeister an den Herrn, der unser Fürsprecher bei dem Minister ist. AlleS läßt uns hoffen, daß wir eine Verringerung der Strafe für Karl erhalten. Dann wird er augenblicklich frei. Will's Gott bringt uns Kobe diesen Nachmittag die frohe Kunde von seiner baldigen Erlösung. — Lisa, mein Kind, gibt dir nicht schon der Gedanke neues Leben"?
„Armer Karl"! seufzte Lisa träumerisch, „schon vier lange Monate! O Vater, ich habe gesündigt.....aber er, der Unschuldige, waS muß er leiden in seinem düstern Kerker" l
„Nicht doch, Lisa, ich habe ihn noch vorgestern in seinem Gefängnisse besucht. Er trägt sein Schicksal mit Geduld; machte ihn nicht Deine Krankheit traurig, er würde sich glücklich schätzen auf Erden".
„Er hat so viel gelitten, Vater; Du wirst ihn lieben, nicht wahr? Ihn nicht mehr verstoßen? Er ist so gut"!
„Ihn verstoßen"? rief der BaaS mit zitternder Stimme, Ich habe ihn auf den Knieen um Verzeihung gebeten, seine Füße mit meinen Thränen benetzt ......"
„Himmel! Und er, Vater"?
„Er ist mir um den Hals gefallen, hat mich geküßt und getröstet. Ich wollte mich selbst anklagen, ihm sagen, daß mein Hochmuth allein die Ursache seines Unglücks ist, ihm geloben, daß mein ganzes Leben eine Bußübung sein solle .... Er hat mir den Mund mit einem Kusse verschlossen . . . einem Kusse, der wie ein Balsam deS Himmels, Hoffnung und Kraft in mein Herz flößte und mich stark gemacht hat, nun mit geringerer Angst Gottes Beschluß zu erwarten. Gesegnet sei er, der Barmherzige, der BöseS mit Liebe vergilt" !
„Und mir hat er auch AlleS vergeben, nicht wahr, Vater"?
„Dir vergeben, Lisa? WaS hast Du denn je gesündigt? Ach, wenn Du leidest, wenn eine Strafe von oben Dich zu treffen scheint, so büßest Du allein um meinetwillen so schwer, mein armeS Kind" !
„Und ich, bin ich unschuldig, Vater? War eS nicht mein Leichtsinn, der ihm daS Herz zerriß und ihn zur Verzweiflung brachte? Aber er hat mir doch Alles verziehen der Gute" I
„Nein, nein"! rief der Vater, „Karl hat Dir Nichtverziehen. In seinen Augen warst Du stets die reine, keusche Lilie. — Selbst damals als mein unsinniger Hochmuth Dich zu einer Unvorsichtigkeit zwang und Alles zusammentraf um ihm Mißtrauen einzuflößen, wehrte er sich gegen den geringsten Verdacht und sagte stolz: Meine Lisa ist rein, mich allein liebt sie auf Erden".
Ein süßes Lächeln umspielte die Lippen der Jungfrau während sie sagte:
„O, diese Gewißheit wird mir daS Sterbekissen sanft machen. Wenn ich erst droben bin, werde ich Gott für ihn bitten .... auS dem Himmel will ich ihm zu- lächeln wo er geht und steht, bis er auch kommt".
