Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — M 87.
Baas Ganfendonck.
(Fortsetzung/)
„Mitleid"! rief der BaaS, ärgerlich und verwundert. — „Mitleid? Mit dem Schurken"?
„Wenn der Sohn auch ein Tollkopf ist, welche Schuld hat dann die arme Mutter daran"?
„Sie müßt ihren Sohn besser erzogen haben. Der grobe Schlingel wird nur bekommen, was er verdient. Und was sollten die Bauern denken, wenn sie Menschen, wie wir, so behandeln könnten, als ob sie ihres Gleichen wären? Nein, nein; Respekt, Ehrsucht, Unterthänigkeit müssen aufrecht erhalten werden! Sie tragen jetzt schon die Hörner viel zu hoch. Wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich nicht auf das Geld sehen, um dem Brauer und mit ihm dem ganzen Dorfe eine tüchtige Lektion zu geben."
„Nun, daS ist meine Sache".
„Das weiß ich wohl, Baron. Jeder ist Herr in seinen eigenen Angelegenheiten.
Es schien, als ob die Wendung des Gesprächs dem Baron'mißfalle, denn er wandte daS Gesicht ab und saß einen Augenblick da , ohne ein Wort zu reden. Der BaaS, der gleichfalls nicht wußte, was er sagen sollte, sah zerstreut im Zimmer umher, und suchte Etwas zu finden, um von der Heirath seiner Tochter anzufangen. Er scharrte mit den Füßen und räusperte sich einige Male; aber eS wollte ihm Nichts einfallen.
„Und unser armeS Lieschen" ! sagte der Baron end, lich. „Der Anblick der Gefangennehmung des Brauers muß sie sehr erschreckt haben. Ich begreife daS wohl; sie liebt ihn seit ihren Kinderjahren".
Der BaaS schien wie aus dem Schlafe aufzufahren, sobald der Name Liesa auS dem Munde des BaronS in seine Ohren klang. Er dachte, daß ihm daS den Weg ebene, um seinen Plan auSzufühen, und hub daher lächelnd wieder an:
„Sie liebe ihn, meinen Sie, Baron? Nein, nein! es war früher eine Kälberliebe, wie man zu sagen pflegt; aber daS ist lange vorbei. Ich habe einen Riegel vorgeschoben und dem Brauer die Thüre gewiesen. Denken Sie nur, Baron, das grobe Bierfaß hätte sich gar zu gern mit Lisa verheirathet".
„ES gibt noch andere Leute, BaaS, die dieselbe Neigung verspüren könnten".
Ein Strahl der Freude brach aus des BaaS Augen. Er sprang in seinem Sessel empor und sagte mit dumm- schlanem Lächeln;
„O, ich weiß cs schon lange. Ein verständiger Mann râth leicht, wo die Kuh liegt, sobald er ihren Schwanz sieht". —
„Ein artiger Vergleich" !
„Nicht wahr? Ich bin so dumm nicht, Baron. Aber lassen Sie uns das Kalb beim Kopfe packen; Umwege sind ja zwischen uns nicht nöthig'.
Der Baron sah den BaaS mit gezwungenem Lächeln an.
Also denken der Herr Baron ernstlich an die Heirath"? fragte Gansendonck zuversichtlich.
„Woher wissen Sie daS? Ich habe eS selbst vor meinen Freunven verborgen gehalten".
„Ich weiß Alles , Baron; ich habe mehr im Schubsacke, als Sie meinen".
„In der That! Sie müssen ein Wahrsager sein oder Sie rathen eS nur; Sie treffen jedoch den Nagel auf den Kopf".
„Dann wollen wir alles Uebrige nur Kurz abmachen" ! sagte der BaaS sich die Hände reibend. „Sehen Sie, ich bringe rin Opfer: ich gebe meiner Lisa dreißigtausend Franken Aussteuer in Geld und liegenden Gütern. Wenn ich sterbe, bekommt sie noch dreißigtausend. Ich verkaufe die Wirthschaft , um keine Gemeinschaft mehr
