Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — 80.
Baas Gansendonck.
(Fortsetzung)
Der Baron bat von Neuem; der Baas befahl zornig; Lisa gehorchte, und begann mit Begleitung des Piano mit dem Baron zu singen:
„Ah, pitié ! mon trouble est extréme,
„Dites: je vous aime ,
„Je vous aime“!
DaS Sireengebüsch bewegte sich zitternd, als ob ein Windstoß durch dasselbe fahre.....
BaaS Gansendonck verlor fast den Verstand vor Hochmuth. Sein Antlitz strahlte und war roth von Selbstzufriedenheit. Er rieb sich unaufhörlich die Hände und sprach so frei, so keck und so viel, daß ein Fremder ihn ohne Zweifel für den Eigenthümer deS Schlosses würde gehalten haben. Neben dem Fortepiano stehend, wiegte er den Kopf und trat den Takt mit seinen schweren Füßen unrichtig auf dem gebahnten Fußboden, in den Pausen zu seiner Tochter sagend:
„Lauter! rascher! So ist es gut! Bravo"!
Daß Adolph und dessen Gefährte, ja Viktor selbst mit ihm ihren Spott trieben, fühlte er nicht. Er hielt im Gegentheil ihr lustiges Lachen für einen Beweis ihrer Zustimmung und Freundschaft.
Der Gesang war kaum zu Ende, so ließ Adolph, der vor dem Piano saß, seine Finger eine Weile über die Tasten laufen und begann dann einen so raschen und verführerischen Walzer zu spielen, daß der BaaS, als er daS hörte, selber Lust zum Tanzen bekam und sich wirklich aus die Fußspitzen stellte, alS ob er im Saale herumhüpfen wollte.
„Tanzen! Tanzen! rief er, „daS versteht unsere Lisa vortrefflich. ES ist, als wollte sie fortschweben, wenn sie nur die Fuße hebt"!
DaS Mädchen, das bereits mit großer Betrübuiß sich zum Singen hatte nöthigen lassen, wollte sich von dem Piano entfernen, um dieses Mal dem sBefehl ihres Vaters zu entfliehen. Aber er führte sie in die Mitte des Saals zurück und gab dem Baron ein aufforderndes Zeichen.
Fröhlich und leichtsinnig sprang dieser zu, schlug seine Arme um die Jungfrau und riß sie gegen ihren Willen fünf oder sechs Takte lang fort.
Aus dem Sireengebüsch drang rin dumpfes Stöhnen peinlich und schrecklich, wie der letzte Seufzer eines sterbenden Löwen ; drinnen war man aber viel zu beschäftigt, um der Stimme deS Schmerzes Aufmerksamkeit zu schenken ......
Da Lisa sich entschieden weigerte zu tanzen und sich unwillig fortschleppen ließ, so mußte Herr von Bruinkasteel eS aufgeben. Er entschuldigte sich mit artigen Worten bei dem beschämten Mäochen, und weder ihre sichtbare Betrübniß noch ihre Weigerung schienen einen Eindruck auf ihn zu machen. Der leichtfertige junge Herr amü- sirte sich; wahrscheinlich sah er in Lisa Gansendonck nichts Anderes, als ein artiges unschuldiges Mädchen, mit dem er sich angenehm die Zeit vertreiben konnte. Hätte ihn ein tieferes Gefühl zu ihr gezogen, so würde ihn ihre Kälte verletzt oder betrübt haben; aber er schien selbst nicht im Minoesten darauf zu achten. Mit leichter Verbeugung bot er Lisa den Arm, die ihn nicht abl-hnen durfte, und rief den andern zu:
„Kommt wir wollen einen Spaziergang im Garten machen, bis die Lichter hier angebrannt sind. Nehmt es nicht übel, Freunde, daß ich den Kavalier von Fräulein Lisa mache".
Alle verließen den Saal und wandten sich nach dem schattenreichstrn Theile deS Gartens. Viele Wege boten sich ihnen dar. Der Baron führte Lisa zu einer Anlage
