Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1851. — re.
Baas Gansendonck.
(Fortsetzung.)
AlS der BaaS sah, daß Karl sich so vor ihm erniedrigte, fühlte er einiges Mitleiden mit ihm und antwortete:
„Karl, ich will nicht sagen, daß Ihr nicht ein guter Junge seid, und daß meine Lisa nicht einen guten Mann an Euch haben würde".
„O BaaS, um GotteSwillen"! bat der Jüngling, ihm voll Hoffnung in die Augen blickend — „erbarmt Euch meiner, gebt mir Lisa zur Frau; ich will mit fine# licher Unterwürfigkeit Eure leisesten Wünsche erfüllen, die Brauerei verkaufen, auf einem Herrenhofe wohnen, dem Bauernstande entsagen, meine Lebensweise ändern".
„Es kann nicht mehr sein, lieber Karl; es ist zu spät".
„Und wenn Ihr nun gewiß wißt, daß eS mein Tod sein wird" ?
„DaS sollte mir wahrlich leid thun; aber ich kann Euch nicht zwingen am Leben zu bleiben".
„O Gansendonck"! rief der Jüngling, niederknieend und die Arme ausstreckend, „gebt mir Hoffnung, mordet mich nicht"!
Der Baas hob ihn aus und sagte:
„Aber habt Ihr denn den Verstand verloren, Karl? Ich kann ja Nichts mehr thun. Bedenkt doch, wie die Sachen stehen. Morgen speisen wir auf dem Jagdhofe bei dem Baron. Er gibt Lisa zu Ehren ein Fest".
„Sie? sie? meine Lisa? auf dem Jagdhofe bei dem Baron? O, Ihr zerstört ihre Ehre auf immer, unrettbar. Eö ist ja nicht eine einzige Dame auf dem Jagdhofe".
„Sie soll daS Jagdschlößchen ihres künftigen Mannes kennen lernen".
„Also keine Hoffnung mehr! Für sie die Schande, für mich das Grab"! — schrie der Brauer verzweifelnd, während er beide Hände vor die Augen schlug und eine Thränenfluth ihm von den Wangen rollte.
„Ich beklage Euch, Karl"! sprach der BaaS gleichgültig, „Lisa soll gnädige Frau werden! Es stand droben geschrieben, und eS soll geschehn"!
Er faßte den betrübten Karl sanft bei der Schulter und schob ihn nach der Thür, indem er sagte:
„Kommt! eS hat nun lange genug gedauert, und es hilft doch Nichts! Geht nur nach Hause...... und redet nicht mehr mit Lisa, hört Ihr"?
Karl ließ sich kraftlos und stumm fortschleppen. Er senkte den Kopf vorn über, und die Thränen auS seinen Augen fielen aus die Erde. In daS Zimmer tretend, in dem Lisa sich befand, warf er, wie ein ewiges Lebewohl, noch einen sterbenden Blick auf sie......
Die Jungfrau, welche schon lange mit tiefer Angst auf die undeutlichen Stimmen gelauscht hatte, welche in der Kammer ein Gespräch mit einander führten, wartete zitternd, bis die Thüre sich öffnete.
Jetzt erschien ihr Geliebter weinend und stumm, wie ein geduldiges Schlachtopfer, das zum Tode geführt wird. Ein lauter Schrei entwand sich ihrer Brust. Sie sprang auf den Jüngling zu und schlug ihm die Arme um den Hals, ihn mit ängstlicher Gewalt von der Thüre fortreißend. Karl blickte sie geduldig an und lâchelre so trübe, daß der Ausdruck seines Gesichts ihr einen neuen Angstruf erpreßte.
Mit drohenden Worten löste BaaS Gansendonck die Arme seiner Tochter von Karl'S Halse , schob den jungen Mann zum Hause hinaus und warf die Thüre hinter ihm zu.
VI.
Wer aufgeblasen ist und dumm,
Der macht sich selbst zum Spott ringsum.
BaaS Gansendonk lief wie ein Narr in seinem Zimmer auf und ab, zog den Spiegel nach vorn, um seine Beine sehen zu können und ging mit lauter Selstbewun-
