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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1851. — 7S.

Baas Ganfendonck.

(Fortsetzung.)

„Ach, Kobe, waS würde Lisa dazu sagen? Soll ich ihrem Ruf schaden durch eine Handlung , auS der man abnehmen kann, daß ich gleichfalls Böses argwöhne" ?

„Ihr, liebe Unschuld; glaubt Ihr, Lisa sei nicht schon in der Leute Mâuler ? Täglich wird ihr daS Aergste nachgesagt? Die ganze Sache hängt am Glockenseil und Jeder hängt noch etwas hinzu".

„Gott, Gott! sie ist unschuldig und man klagt sie schlechter Handlungen an" !

„Karl, Karl! Ihr habt kein Blut mehr im Herzen. Ihr seht daS Böse täglich wachsen und senkt den Kopf dazu, wie ein ohnmächtiges Kind. Ihr seht, daß Alles sich verbindet, Eure unschuldige Braut in daS Verderben zu stürzen: Viktor's verlockende Reden, der verrückte Hoch­muth ihres VaterS, und ihre eigene Sucht nach allem Städtischen. — Niemand kann etwas thun, um sie zu retten, als Ihr... und Ihr seid wie ein Schutzengel, der ein# schläft, wenn der Teufel sich daran macht, daS Seelchen zu übertölpeln. — Durch Euere furchtsame Nachgiebigkeit setzt Ihr Lisa hülfloS der drohenden Gefahr aus. Wenn sie unglücklicher Weise strauchelt, wer hat Schuld. Hilf dir selber, so hilft dir Gott; habt Muth, Haut zu, seid ein Mann ! — Sagt nicht daS Sprüchwort: Weil die ' sich irren, so wissen den Weg, frißt der Wolf das Schäs- lein weg".

Karl antwortete erst nach einer Pause.

„Ach, ach", seufzte er, „Alles erschreckt mich! Was kann ich thun? Sowie mich Lisa ansieht, sinkt mir der Muth. Kobe, mir ist das Herz krank, ich muß mein bit­teres LooS ertragen".

„So vertheidigt sie wenigstens gegen den schmähli­chen Hohn des BaronS selbst".

„Hohn! Hat er sie verhöhnt"?

„Wißt Ihr, waS Herr von Bruinkasteel vorgestern spottend zu seinen Kameraden sagte? Abolph's Jäger war dabei".

Er näherte sich dem Brauer und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr".

„Ihr lügt, Ihr lügt"! ries Karl, den Knecht von sich stoßend. „DaS hat er nicht gesagt"!

„Wie Ihr wollt, Karl", brummte Kobe; „mir kann'S auch recht sein; ich lüge und der Jäger lügt; eS ist nicht wahr, es kann nicht sein, Herr von Bruinkasteel hat Lisa viel zu lieb, um so etwas zu sagen".

Karl hatte den Stamm einer Tanne gepackt und hielt sich daran fest; seine Brust keuchte heftig, er athmete, rö­chelnd und seine Augen funkelten von seltsamer Gluth unter den zusammengezogenen Brauen. Was der Knecht ihm in daS Ohrr geraunt hatte, mußte ihm eine tiefe Wunde versetzt haben, denn er stand da, zitternd wie ein Schilfrohr und zornig wie ein Löwe.

Plötzlich ballte er dem Knecht die Faust entgegen und rief ganz außer sich:

„Ha, eS ist also eqi Mord, den du mir an räth st, Teufel?"

Kobe wich erschreckt einige Schritte zurück und stam­melte:

„Karl, ist das Spaß oder Ernst, daß Ihr ein Ge­sicht zieht wie eine Hungersnot!)? Ich habe Euch nichts Böses gethan. Wollt Ihr mich lieber von hinten sehn, so braucht Ihr eS nur zu sagen; mit einem guten Tag ist Alles gethan und Jeder geht seines WegeS".

„Bleibt hier"! schrie der Brauer.

„So macht die Hände auf", antwortete Kobe, „ich sehe nicht gern geballte Fäuste".

Karl schlug von Neuem die Augen zu Boden und blieb lange unbeweglich stehen, ohne sich nach dem Knecht