Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
1851. — M 53.
Vor Landau.
(Fortsetzung.)
Nachdem nämlich MieroSlawSki in Karlsruhe die wichtigen Angelegenheiten seiner Feldeinrichtung in Orb- nung gebracht, für Rosse und Dienerschaft gesorgt und sich eine behagliche Umgebung angeschafft, hatte er endlich Muße gefunden, sich um die Pfalz zu bekümmern, waS durch den Befehl an Sznaida geschehen, die rechte Rheinseite zu gewinnen. Vernünftigerweise konnte damit nur gemeint sein, daß der Heerhaufe bei Mannheim den Nebergang bewerkstellige; doch bot die Knielinger Brücke mehr Sicherheit. Um derselben angenehmen Sicherheit willen hatte Sznaida von Neustadt aus den Umweg über Frankweiler gewählt. Wenn schon Willich mit noch nicht tausend Streitern zwischen Landau und Germersheim gestanden und beide Vesten im Schach gehalten, konnte dennoch der erfahrene Polack sich nicht überwinden, auch mit zahlreicherer Mannschaft den Weg durch diese „MauS- falle" zu nehmen. Als Feldherr mußte er sich strenge an Regeln und Vorschriften der Kriegskunst halten, welche «inen Zug mitten hindurch zwischen zwei so nahen Festungen allerdings untersagen. Wenn dem Großvater ein solches Beginnen verkehrt erschien, so war daS allenfalls zu entschuldigen; hatte er'S im Dienste doch nicht über den Feldwebel hinaus gebracht und war dazu der Zögling einer regellosen Zeit. Die republikanischen Führer von damals konnten ihre Verantworilichkeit unbedingt nicht anders denken, als durch den Sieg; daS übrige war ganz allein ihre Sache. Aber Sznaida stammte aus der Schule, welche den Feldherrn auch für den glänzendsten Erfolg noch bestraft, wenn Regel und Herkommen dabei verletzt wurden. Folgerecht muß dann die regelmäßige Niederlage einen Fleißzeitel eintragen. Auch die heillose Unordnung deS Getümmels war nicht deS Führers
Schuld, denn er hatte die strengste Ordnung anbefohlen und sehr ausführliche Verhaltungsvorschriften, wenn nicht ausgestellt, doch mindestens unterschrieben. Mehr konnte der dicke Mann nicht thun und eS war unbillig von Jo- naS, sich darüber auszuhalten. Aber BrUtuS sah die Ungerechtigkeit nicht ein, sondern gesellte sich zum Alten, um ihm spotten zu helfen. Beide brachen in lautes Gelächter auS, als sie inmitten der gräßlichsten Verwirrung ihren Kunden, den Helden von Landau, einherreiten sahen. Blenker thronte wie ein triumphirender Eäfar auf seinem Roß, hoch und stolz. Als er die beiden so herzlich lachen sah, drückte er seinen Gaul mit einer kühnen Wendung gegen die Vortreppe hin.
»Grüß Gott, liebe Herrn", redete er sie an; „nicht wahr, 'S ist eine helle Pracht und das Herz hüpft einem im Leibe, wenn man die schönen KerlS beisammen sieht, lauter Vollblutrepublikaner! Die Preußen werden garstig gezaust werden, wenn sie denen 'mal unter die Fänge gerathen". — „Stehen denn die Pickelhauben zu Langenkandel" ? fragte JonaS in feiner spöttischen Einfalt. — „Höhnt nur zu, alter Franzos"! erwiderte der ritterliche Weinhändler; „wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wir werden natürlich nicht die Narren sein, im offenen Lande mit zehnfacher Nebermacht anzubinden, besonders da in Paris die Bourgeoisie die Oberhand zu behalten scheint; aber wir lassen den Prinzen nicht über den Rhein und und er wird mit seinen Söldnern keine vierzehn Tage in unserem Lande der Freiheit verweilen, ohne daß diese mit unserem Wein auch die Grundsätze der eingeborenen Winzer in sich hineintrinken. Besser, wir gewinnen sie zu lebendigen Freunden, als zu todten Feinden". — „Gott steh mir bei"! rief Brutus, „Ihr schwazt Kraut und Rüben durcheinander. In der vorigen Woche habt Ihr einen eingesperrt, weil er gesagt, die Preußen würden kommen. Ihr schwurt hoch und theuer bei Anneke, Brust,
